{"id":8023,"date":"2010-07-02T09:54:50","date_gmt":"2010-07-02T07:54:50","guid":{"rendered":"http:\/\/konsumpf.de\/?p=8023"},"modified":"2010-10-25T20:15:29","modified_gmt":"2010-10-25T18:15:29","slug":"die-initiative-neue-soziale-marktwirtschaft-und-ihr-treiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/konsumpf.de\/?p=8023","title":{"rendered":"Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und ihr Treiben"},"content":{"rendered":"<p>Lobbyismus ist ein in unserer Demokratie immer bedrohlicher werdendes Problem \u2013 sickern doch viele durch gro\u00dfe Unternehmen und Interessensgruppen eingeleitete und zum Teil medial flankierte Initiativen irgendwann in den politischen Entscheidungsprozess, ohne dass die meisten Menschen dies \u00fcberhaupt wahrnehmen. Wie massiv die Einflussnahme von Wirtschaftsseite inzwischen geworden ist, habe ich hier im Blog ja auch schon einige Male aufgezeigt, u.a. bei meiner Buchrezension von \u201e<a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=3103\">Giftm\u00fcll macht schlank<\/a>\u201c. Hierzulande gibt es eine ganze Reihe von wirtschaftsnahen \u201eThink Tanks\u201c, also quasi Tarnorganisationen, die sich den Anstrich von Wissenschaftlichkeit und Seri\u00f6sit\u00e4t geben, in ihren Studien und Empfehlungen jedoch eindeutig die Interessen der Industrie vertreten. Und dies so geschickt, dass ihre Vertreter von vielen Medien gerne als \u201eExperten\u201c eingelden und pr\u00e4sntiert werden, so dass auch die gr\u00f6\u00dften Zumutungen noch als \u201ealternativlos\u201cund \u201en\u00fctzlich f\u00fcr das Land\u201c verkauft werden. Leider vermisse ich gerade bei Medienleuten oft das kritische Hinterfragen von Studien und Expertisen und das Offenlegen der Verflechtungen, die so manches Institut mit Unternehmen und Verb\u00e4nden unterh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Einer der aktivsten und vielleicht auch unangenehmsten Vertreter dieser Gattung von Tarnorganisation ist die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (kurz: INSM), die mit ihren prominentesten K\u00f6pfen Hans Werner Sinn (laut BL\u00d6D-Zeitung \u201eDeutschlands kl\u00fcgster Professor\u201c) und Ulrich van Suntum erschreckend oft in Nachrichten und Talkshows auftauchen und ihre Botschaften unter das Volk bringen d\u00fcrfen. Wof\u00fcr dieses Institut steht, gibt es ganz offen, wenn auch in Neusprech-Sch\u00f6nf\u00e4rber-Deutsch auf seiner <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/ueber-die-insm.html\">Homepage<\/a> preis (obwohl man so eine Schei\u00dfe nicht noch verlinken sollte, ist es nicht verkehrt, sich das mal anzuschauen):<\/p>\n<blockquote><p>Um die Soziale Marktwirtschaft zu erneuern und sie  leistungsf\u00e4hig zu halten, muss jener Ballast abgeworfen werden, der sich  im Laufe der Zeit angesammelt hat. Im Einzelnen bedeutet dies:<\/p>\n<p><strong>Neue Wirtschaftspolitik<br \/>\n<\/strong>Weniger ist mehr.  Der Staat sollte sich auf seine Kernkompetenzen beschr\u00e4nken, B\u00fcrokratie  und Genehmigungsverfahren vereinfachen. Weitere Entlastung von Steuern  und Abgaben bringt neue Freir\u00e4ume f\u00fcr die Eigeninitiative von B\u00fcrgern  und Unternehmen.<\/p>\n<p><strong>Neue Besch\u00e4ftigungspolitik<\/strong><br \/>\n&#8220;Sozial ist, was Jobs schafft&#8221; &#8211; Arbeitslose m\u00fcssen sinnvoll  qualifiziert statt alimentiert werden. Alles, was im Sozial- und  Arbeitsrecht die Schaffung neuer Arbeitspl\u00e4tze verhindert, muss  \u00fcberpr\u00fcft und &#8211; wenn n\u00f6tig &#8211; korrigiert werden.<\/p>\n<p><strong>Neue  Sozialpolitik<\/strong><br \/>\n&#8220;Hilfe zur Selbsthilfe&#8221;- dieses Prinzip muss  st\u00e4rker als bisher betont werden. Anspr\u00fcche auf Rundum-Absicherung sind  nicht mehr bezahlbar. Wer mehr Schutz will, muss zus\u00e4tzlich privat  vorsorgen. Klar ist aber auch: Die Solidarit\u00e4t mit den wirklich  Bed\u00fcrftigen der Gesellschaft bleibt bestehen.<\/p>\n<p><strong>Neue  Tarifpolitik<br \/>\n<\/strong>&#8220;Stichwort Flexibilit\u00e4t&#8221; &#8211; die Tarifpolitik  muss sich st\u00e4rker an den Bed\u00fcrfnissen der Betriebsparteien ausrichten.  Das hei\u00dft zum Beispiel: weiterer Ausbau flexibler Arbeitszeiten und  Einbau flexibler Lohnkomponenten.<\/p>\n<p><strong>Neue Bildungspolitik<br \/>\n<\/strong>In der Informations- und Wissensgesellschaft des 21.  Jahrhunderts stehen und fallen Standorte mit dem Rohstoff &#8220;Wissen&#8221;. Die  Bildungspolitik geh\u00f6rt deshalb zu den zentralen Themen der  Reformdebatte. Hier geht es um mehr Wettbewerb, mehr Effizienz und mehr  Tempo.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kurz gesagt, die INSM steht f\u00fcr all das, was FDP und andere Neoliberale seit Schr\u00f6der als unumg\u00e4ngliche \u201eReformen\u201c anpreisen, mit den bekannten Folgen eines Reallohnverlustes bei gleichzeitigem Anstieg der gro\u00dfen Verm\u00f6gen. Die soziale Schieflage wird also weiter vorangetrieben. Der Blog Perspektive 2010 schreibt aktuell in \u201e<a href=\"http:\/\/www.perspektive2010.org\/blog\/2010\/04\/08\/die-luegen-der-insm-und-ihrer-studien\/\"><strong>Die L\u00fcgen der INSM und ihrer Studien<\/strong><\/a>\u201c:<\/p>\n<blockquote><p>Im Dezember vergangenen Jahres\u00a0 lie\u00df die <a title=\"INSM-Watchblog\" href=\"http:\/\/insmwatchblog.wordpress.com\/\" target=\"_blank\"><strong>Initiative  Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)<\/strong><\/a> eine \u201cStudie\u201d von  ihrem wissenschaftlichen Mietmaul <a title=\"Wikipedia: Ulrich van  Suntum, INSM-Mietmaul\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulrich_van_Suntum\" target=\"_blank\"><strong>Prof.  Dr. Ulrich van Suntum<\/strong><\/a> vorstellen, welche belegen sollte,  dass <a title=\"Telepolis: Soziale Ungleichheit macht die Menschen  gl\u00fccklich\" href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/31\/31739\/1.html\" target=\"_blank\"><strong>soziale Ungleichheit<\/strong> angeblich die  Menschen gl\u00fccklich mache<\/a>. Dabei kam beispielsweise solcher Unsinn  heraus:<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>\u00dcberraschenderweise geht eine gr\u00f6\u00dfere Ungleichheit  tendenziell mit einer  steigenden Lebenszufriedenheit einher. Eine  m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung liegt  darin, dass die Nivellierung von Einkommen  nicht nur f\u00fcr die  Wohlhabenden nachteilig ist, sondern auch die Anreize  und  Aufstiegschancen k\u00fcnftiger Leistungstr\u00e4ger reduziert. Zudem ist  die im  Zeitablauf zunehmende Ungleichverteilung vorwiegend dadurch  zustande  gekommen, dass die Einkommen der reicheren Haushalte gestiegen  sind,  w\u00e4hrend sich die Einkommen der \u00e4rmeren Schichten absolut gesehen  nur  wenig ver\u00e4ndert haben. Die Einkommensungleichheit ist in  Deutschland  somit f\u00fcr sich genommen offenbar kein \u201cUngl\u00fccks-Faktor\u201d. [&#8230;]<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>[&#8230;] Die <strong>Fakten<\/strong> jedoch sehen etwas anders aus, wenn man  nicht auf den <strong>verf\u00e4lschten Mist<\/strong> hereinf\u00e4llt, den die <strong>INSM<\/strong> regelm\u00e4\u00dfig zur <strong>Manipulation der \u00f6ffentlichen und  ver\u00f6ffentlichten Meinung<\/strong> in Auftrag gibt. Zum Beispiel <a title=\"n-tv.de: Ungleichheit macht krank\" href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/wissen\/gesundheit\/Ungleichheit-macht-krank-article674268.html\" target=\"_blank\">so<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Ungleichheit macht krank<\/strong><\/p>\n<p>Je gr\u00f6\u00dfer die <strong>wirtschaftliche Schere<\/strong> in einem Land  ist, desto <strong>mehr  Kranke<\/strong> gibt es. Das best\u00e4tigt eine  Studie der Technischen Universit\u00e4t  Darmstadt auf einer Datenbasis von  21 L\u00e4ndern.<br \/>\n(\u2026)<br \/>\nAnalysiert wurden die <strong>bev\u00f6lkerungsreichsten L\u00e4nder der Welt<\/strong> wie China  und Indien, aber auch Deutschland oder D\u00e4nemark. \u201cAlle  befragten  Personen zusammen repr\u00e4sentieren die H\u00e4lfte der  Weltbev\u00f6lkerung\u201d, sagte  Karlsson. Die Studie erfasst Staaten mit  relativ geringer \u00f6konomischer  Ungleichheit wie Deutschland bis hin zu  solchen mit extrem ungleicher  Verm\u00f6gensverteilung wie Russland oder  S\u00fcdafrika. \u201cDamit haben wir eine  sehr detaillierte Datenbasis\u201d, sagte  Karlsson. Die dreij\u00e4hrige Studie  wurde in Zusammenarbeit mit der  Universit\u00e4t Lund in Schweden erstellt.<\/p><\/blockquote>\n<\/blockquote>\n<p>Im Laufe der Zeit haben sich Autoren in einer ganzen Reihe von kritischen Beitr\u00e4gen mit den Umtrieben der INSM befasst. So war sich die Initiative beispielsweise nicht zu bl\u00f6d, f\u00fcr eine ordentliche Summe Geld Dialoge in der ARD-Serie Marienhof nach ihrem Gusto schreiben zu lassen, wie der Verein Lobbycontrol in <a href=\"http:\/\/www.lobbycontrol.de\/blog\/download\/insm-marienhof-bewertung.pdf\">dem pdf \u201eINSM und Marienhof &#8211; Eine kritische Bwertung\u201c<\/a> ausf\u00fchrlich darlegt. In \u201eRevolution von oben\u201c fasst der Zeitgeistlos-Blog detailliert die Hintergr\u00fcnde und die Absichten dieser Gesellschaft zusammen und kl\u00e4rt auch dar\u00fcber auf, wie sich dieser Laden finanziert:<\/p>\n<blockquote><p>[&#8230;] Die Initiative wurde im Jahr 2000 vom  Arbeitgeberverband Gesamtmetall  gegr\u00fcndet. Martin Kannegie\u00dfer,  Arbeitgeberpr\u00e4sident von Gesamtmetall,  startete eine Umfrage ob die Deutschen  eine gute Meinung von der  Marktwirtschaft h\u00e4tten oder nicht und das Ergebnis  veranlasste ihn zur  Gr\u00fcndung der Initiative. 22 Prozent im Osten und nur 44 Prozent im  Westen hatten eine gute Meinung von der Marktwirtschaft. Seitdem sah  es  die Initiative als ihre Aufgabe an, einen &#8220;Bewusstseinswandel der  Deutschen  voranzutreiben&#8221;, wie es Martin Kannegie\u00dfer formuliert hat.  M\u00f6glichst viele  Deutsche sollten fortan den Weg der Neoliberalen als  den Weg zu mehr Freiheit  und zu mehr Wohlstand ansehen.  Wirtschaftsliberale Themen sollten zudem fortan  auf die politische und  mediale Agenda gesetzt werden. Folglich \u00fcberweist der   Arbeitgeberverband Gesamtmetall bis zum Jahr 2010 rund 10 Millionen Euro   j\u00e4hrlich an die Initiative, welche die Summe zu 70% f\u00fcr PR \u2013 Kampagnen  und zu  30% f\u00fcr Anzeigen verwendet. [&#8230;]<\/p>\n<p>[&#8230;] Die <em>Agentur Scholz &amp;  Friends<\/em> in Berlin ist die &#8220;PR-Maschine&#8221; der INSM und liefert mit rund 40  Mitarbeitern permanente  Zuarbeit. Sie entwickelt die Strategie der INSM,  verwaltet die  ausf\u00fchrliche Internetseite inklusiver neuer Studien und ist   verantwortlich f\u00fcr die Kampagnen. Grundlage aller Kampagnen sind   wissenschaftliche Arbeiten und Studien, welche zumeist vom Institut der   deutschen Wirtschaft (IW) und vom demoskopischen Institut Allensbach   herausgegeben werden. [&#8230;]<\/p>\n<p>[&#8230;] Die st\u00e4ndige Wiederholung von  augenscheinlich unver\u00e4nderbaren  Sachverhalten, wie der demografische Wandel und die Globalisierung,  fungieren als Hauptargumente f\u00fcr marktwirtschaftliche  Reformen, die in  erster Linie den Grossunternehmen mehr Profit bringen, den Sozialstaat  jedoch abbauen und die Demokratie damit als ganzes zusehends aush\u00f6hlen,  da immer mehr Menschen von der gesellschaftlichen Teilhabe  ausgeschlossen werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sehr zu empfehlen ist dazu \u00fcbrigens auch der <a href=\"http:\/\/insmwatchblog.wordpress.com\/\"><strong>INSM-Watchblog<\/strong><\/a>, der deren Aktivit\u00e4ten mit Argusaugen betrachtet.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend noch etwas f\u00fcr die Generation YouTube \u2013 wer also nicht so gerne so viel lesen m\u00f6chte, kann ja stattdessen ein paar Minuten seiner Zeit f\u00fcr diesen Beitrag opfern:<\/p>\n<p><object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" width=\"500\" height=\"300\" codebase=\"http:\/\/download.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=6,0,40,0\"><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\" \/><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"always\" \/><param name=\"src\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/57aaqtyEzOQ&amp;color1=0xb1b1b1&amp;color2=0xcfcfcf&amp;hl=de_DE&amp;feature=player_embedded&amp;fs=1\" \/><param name=\"allowfullscreen\" value=\"true\" \/><embed type=\"application\/x-shockwave-flash\" width=\"500\" height=\"300\" src=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/57aaqtyEzOQ&amp;color1=0xb1b1b1&amp;color2=0xcfcfcf&amp;hl=de_DE&amp;feature=player_embedded&amp;fs=1\" allowscriptaccess=\"always\" allowfullscreen=\"true\"><\/embed><\/object><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/9d6a0c2bf54e4d699dc5d0df6365778d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<h3 class='related_post_title'>Verwandte Beitr\u00e4ge:<\/h3><ul class='related_post'><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=2370\" title=\"Wissensbasis: Marktradikale Pressuregroups\">Wissensbasis: Marktradikale Pressuregroups<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=5472\" title=\"Beeinflussung der \u00f6ffentlichen Meinung im neoliberalen Sinne\">Beeinflussung der \u00f6ffentlichen Meinung im neoliberalen Sinne<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=14377\" title=\"Lesetipps: FDP-Firmengeflecht | Euro-Tode | H\u00e4nde weg von News | Wasserverschwendung\">Lesetipps: FDP-Firmengeflecht | Euro-Tode | H\u00e4nde weg von News | Wasserverschwendung<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=13435\" title=\"PR in der Schule\">PR in der Schule<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=7931\" title=\"Schwarz wie Milch \u2013 Kurzfilm \u00fcber Manipulation in den Medien\">Schwarz wie Milch \u2013 Kurzfilm \u00fcber Manipulation in den Medien<\/a><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lobbyismus ist ein in unserer Demokratie immer bedrohlicher werdendes Problem \u2013 sickern doch viele durch gro\u00dfe Unternehmen und Interessensgruppen eingeleitete und zum Teil medial flankierte Initiativen irgendwann in den politischen Entscheidungsprozess, ohne dass die meisten Menschen dies \u00fcberhaupt wahrnehmen. 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