{"id":6112,"date":"2009-10-28T10:32:49","date_gmt":"2009-10-28T08:32:49","guid":{"rendered":"http:\/\/konsumpf.de\/?p=6112"},"modified":"2009-10-28T11:35:03","modified_gmt":"2009-10-28T09:35:03","slug":"buchbesprechung-alexander-meschnig-mathias-stuhr-%e2%80%9ewunschlos-unglucklich-%e2%80%93-alles-uber-konsum%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/konsumpf.de\/?p=6112","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Alexander Meschnig &#038; Mathias Stuhr \u201eWunschlos ungl\u00fccklich \u2013 Alles \u00fcber Konsum\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/meschnig-wunschlos-unglucklich.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6118\" title=\"meschnig-wunschlos-unglucklich\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/meschnig-wunschlos-unglucklich.jpg\" alt=\"meschnig-wunschlos-unglucklich\" width=\"150\" height=\"225\" \/><\/a>In einem konsumkritischen Blog sehe ich es ja fast schon als meine Pflicht an, die \u2013 doch recht rar ges\u00e4te \u2013 deutschsprachige Literatur zum Thema Konsumkritik auch hier vorzustellen. Deshalb ist mit <strong>Alexander Meschnigs und Mathias Stuhrs \u201eWunschlos ungl\u00fccklich \u2013 Alles \u00fcber Konsum\u201c<\/strong> nun ein Buch an der Reihe, welches ich vor einiger Zeit per Zufall in einem Berliner Antiquariat entdeckte und dessen konkurrenzlos g\u00fcnstiger Preis von 2 \u20ac mich themengerecht zum spontanen Kauf verf\u00fchrte. Zumal die Ank\u00fcndigung auf dem Buchdeckel bereits sehr vielversprechend klang:<\/p>\n<blockquote><p>Konsum kann heute alles sein \u2013 praktisch jeder Bereich der gesellschaftlichen oder sozialen Realit\u00e4t kann unter diesem Aspekt betrachtet werden. Die Konsumgesellschaft verspricht grenzenloses Gl\u00fcck f\u00fcr alle: Ich kaufe \u2013 also bin ich. Meschnig und Stuhr lassen uns hinter die Kulissen der Konsumwelt blicken mit einem Handbuch, das \u201ealles \u00fcber Konsum wei\u00df\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit solch einem Anspruch liegt die Latte nat\u00fcrlich sehr hoch \u2013 und leider musste ich nach der Lekt\u00fcre auch konstatieren, dass das Buch diese Versprechungen nicht wirklich einhalten kann. Denn obwohl der grundlegende Tenor der beiden Autoren eher konsumkritisch gepr\u00e4gt ist, fallen manche Kapitel und Ausf\u00fchrungen \u2013 wohl unter dem vermeintlichen Zwang einer umfassenden und \u201eobjektiven\u201c Darstellung der Facetten der Konsumgesellschaft \u2013 seltsam unentschlossen und vage aus.<\/p>\n<p>Doch der Reihe nach. Das Buch ist in zehn Oberkapitel gegliedert, die sich mit den verschiedenen Bereichen besch\u00e4ftigen, die unsere heutige Konsumgesellschaft ma\u00dfgeblich bestimmen. In <em>\u201ePolitik\u201c<\/em> machen die Autoren deutlich, wie sich der Fokus der Zivilgesellschaft vom B\u00fcrger hin zum Konsumenten verschoben hat, um den nun alle buhlen. In <em>\u201eProduktion\u201c<\/em> werden Ver\u00e4nderungen sowohl in der herk\u00f6mmlichen Produktionswelt (hin zum Prosumenten, dem Ikea-Kunden, der einen Teil der M\u00f6belherstellung selbst \u00fcbernimmt) wie auch der Werbewelt beschrieben, die von der Darstellung von Fakten und Informationen weitestgehend abger\u00fcckt ist und nun nur noch Erlebniswelten und immaterielle Werte der Marke zu vermitteln versucht.<\/p>\n<p>Der \u00dcbergang des Konsumismus hin zu einer Art Ersatzreligion ist aus diesem Grunde auch flie\u00dfend (siehe auch den Beitrag \u201e<a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=5609\">Welche Religion kommt nach dem Kapitalismus<\/a>\u201c) \u2013 aus dem Kaufen wird ein Kult, der jeden Tag zu zelebrieren ist und der jeden (der es sich finanziell leisten kann) miteinschlie\u00dft. Auch diese Klischees, religi\u00f6se Anspielungen und Motive, bedient die Reklame mittlerweile direkt oder indirekt.<\/p>\n<blockquote><p>Konsum ist nichts anderes als der tr\u00f6stliche Glaube an die Auferstehung aller Dinge. Die Regale im Supermarkt f\u00fcllen sich st\u00e4ndig neu, stets legt mehr vor unseren Augen, als wir tats\u00e4chlich kaufen k\u00f6nnen. Was ich heute wegnehme, liegt morgen in der gleichen Qualit\u00e4t wieder da. Wie durch ein Wunder ist alles stets auf Neue vorhanden. Unsere wahre Auferstehungskirche ist das Einkaufszentrum und sein Evangelium das Sonderangebot der Woche.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcberhaupt die neuen G\u00f6tzen: die Marken und Logos, Sie bestimmen Stadtbilder und werden zu eigenen Publikumsattraktionen, wie die \u201eVW-Autostadt\u201c in Wolfsburg. Und sie sorgen f\u00fcr Identit\u00e4ten, Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zu Gruppen \u2013 dies wird in den Kapiteln<em> \u201eIdentit\u00e4ten\u201c<\/em> und <em>\u201eMarken\u201c <\/em>n\u00e4her ausgef\u00fchrt, in denen auch deutlich gemacht wird, wie tief der Konsum inzwischen unser aller Leben, ob gewollt oder ungewollt, durchzogen hat. Von \u201eMarkenterror\u201c ist hier dann auch folgerichtig die Rede.<\/p>\n<blockquote><p>Kann bei aller Heimeligkeit des Konsums \u00fcberhaupt von Terror gesprochen werden? Den Terror \u00fcben die Produkte nicht unbedingt auf diejenigen aus, die regelm\u00e4\u00dfig einkaufen und das so selbstverst\u00e4ndlich tun, wie andere Sport treiben oder Haare waschen. Der Markenterror vollzieht sich auf der Ebene der sozialen Teilhabe. Es ist kein physischer Terror in Form von Anschl\u00e4gen oder \u00dcberf\u00e4llen. Wenn jemandem tagt\u00e4glich etwas Begehrtenswertes vor Augen gef\u00fchrt wird, das Objekt der Begierde aber nicht erreicht werden kann, dann beginnt die Unzufriedenheit, der psychische Terror. Eine Mischung aus Angst ud dem Gef\u00fchl der Ablehnung macht jede weitere Form des Kontakts mit der Konsumwelt zum Frusterlebnis.<\/p><\/blockquote>\n<p>(An dieser Stelle wage ich es doch, den Autoren zu widersprechen \u2013 der \u201eKonsumterror\u201c betrifft nicht nur diejenigen, die sich Dinge nicht leisten k\u00f6nnen, sondern auch die, die genug Geld haben, ihre Zeit, ihre Energie etc. aber daf\u00fcr verschwenden\/aufwenden, einzukaufen, up to date zu sein, mit der Mode zu gehen etc. Auch hier herrscht permanente Unterbefriedigung, wenn auch aus anderen Gr\u00fcnden.)<\/p>\n<p>In <em>\u201eUnternehmen\u201c<\/em> werden einige der gro\u00dfen Marken und Konzerne und ihr Aufstieg in den globalen Kaufolymp vorgestellt \u2013 Puma, Ikea oder auch Mattel. Gerade hier fehlte mir beim Lesen zuweilen etwas die kritische Distanz. Die Shopping-Malls und Einkaufstempel sind das Thema von <em>\u201eR\u00e4ume\u201c<\/em> \u2013 die gro\u00dfen Einkaufszentren sind mancherorts, vor allem in den USA, ja schon zum Ersatz f\u00fcr ein richtiges soziales Leben geworden, das fr\u00fchere Stadtzentren abseits des Kaufenm\u00fcssens boten. Besonders schrecklich und erschreckend fand ich die Beschreibung von <a href=\"http:\/\/sciencev1.orf.at\/science\/news\/58869\">Celebration City<\/a>, einer Art antiseptischer Kunststadt, die der Disney-Konzern in die Gegend gepflanzt hat und in der eben jene ehemaligen, durch den Konsum zerst\u00f6rten st\u00e4dtischen \u00f6ffentlichen R\u00e4ume nachgebildet werden. Dies nicht etwa wie in Disneyland als Touristenattraktion, sondern als \u201egated community\u201c f\u00fcr echte B\u00fcrger. In den Worten des ehemaligen Disney-Chefs Michael D. Eisner:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch w\u00e4re gl\u00fccklich in Celebration leben zu k\u00f6nnen &#8211; ich sch\u00e4tze die Freundlichkeit und Sauberkeit, den hohen architektonischen Standard und den unverkennbaren Gemeinschaftsgeist und Stolz, der dort herrscht. Au\u00dferdem gef\u00e4llt es mir, dass man dort an die idealisierenden Familien-Comedies im Fernsehen der f\u00fcnfziger Jahre erinnert wird, als die H\u00e4user noch Holzz\u00e4une hatten und Donna Reed und Jane Wyatt von ihren Veranden aus ihren Kindern, die in Sicherheit zur Schule gehen konnten, zum Abschied zuwinkten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen sich nur wohlhabende Menschen Pl\u00e4tze in diesem gruseligen Wohnsubstitut leisten&#8230;<\/p>\n<p>Noch spannender wird es dann in dem Kapitel <em>\u201eKulturen\u201c<\/em>, das aufzeigt, wie die Konsumkultur auch Subkulturen, Widerstand und Gegenbewegungen nach und nach aufsaugt, aussaugt und infiltriert und wie die Medien und die Reklameindustrie aus ehemals im Untergrund schwelenden Entwicklungen neue Megatrends und Hypes generiert, die sich am Ende f\u00fcr die Konzerne in klingender M\u00fcnze auszahlen. Den <em>\u201eMedien\u201c<\/em> ist demzufolge auch ein eigenes Kapitel gewidmet, hier neben der Werbung insbesondere auch Fernsehsendungen, die mit Product Placement und Cross-Selling den Konsum permanent weiter anheizen.<\/p>\n<p>Wirklich gro\u00df wird das Buch dann f\u00fcr mein Empfinden im abschlie\u00dfenden Kapitel <em>\u201eAusblick\u201c<\/em>, in dem ganz klare und unzweideutige konsumkritische T\u00f6ne angeschlagen werden, die vor allem auch \u00fcber das generelle Wirtschafts- und Produktionssystem, da auf dem immer steigen m\u00fcssenden Konsum basiert, reflektieren und auch durchaus am sog. \u201epolitischen Konsum\u201c (Lohas etc.) als L\u00f6sung zweifeln. Ich habe mal beim Verlag eva (Europ\u00e4ische Verlagsanstalt) angefragt, ob ich ein Unterkapitel hier vielleicht im Blog ver\u00f6ffentlichen darf; eine Antwort steht bislang leider noch aus.<\/p>\n<blockquote><p>Kritischer Verbraucher zu sein bedeutet meist ausschlie\u00dflich, sich f\u00fcr die Verteidigung eigener Interessen einzusetzen. Ein m\u00fcndiger B\u00fcrger zu sein w\u00fcrde im Gegensatz dazu bedeuten, dass man versuchte, seine vereinzelte Existenz zu \u00fcberwinden, vom eigenen Leben zu abstrahieren und sich mit anderen zusammenzutun, um Einfluss auf die Politik zu nehmen, Macht zu teilen und gemeinsam auszu\u00fcben. Verbraucherkritik allein verbleibt im System des von ihr Kritisierten. (&#8230;)<\/p>\n<p>Verbraucherkritik bedeutet in den allermeisten F\u00e4llen auch nicht, den Verzicht zu postulieren. Man soll \u201eanders\u201c konsumieren, aber nicht den Konsum per se verweigern. Der Kampf um die Kaufkraft ist das letzte Tabu, an das niemand zu r\u00fchren wagt. Kein Politiker kann ernsthaft den Verzicht predigen, ohne Schaden zu nehmen. Und selbst von alternativer Seite vernehmen wir nur sehr leise T\u00f6ne, wenn es um private Einschr\u00e4nkungen geht. (&#8230;)<\/p>\n<p>(&#8230;) Im Konsumentenstaat besteht die Tendenz, jegliches politisches Handeln nur noch im Hinblick auf die eigene Kaufkraft zu messen. Geht sie zur\u00fcck, muss die politische F\u00fchrung abgew\u00e4hlt werden. Politik reduziert sich f\u00fcr die meisten B\u00fcrger inzwischen auf Fragen des privaten Konsums. Politische Kommunikation wird zu einer Form der Werbung. Genau wie diese muss Politik heute Aufmerksamkeit um jeden Preis erregen. Die Omnipr\u00e4senz der Werbung ist dabei symptomatisch f\u00fcr einen umfassenden Erregungszustand der Gesellschaft, der die Aufmerksamkeit zum \u201eZahlungsmittel\u201c macht. Es entsteht ein \u201ementaler Kapitalismus\u201c, der mit den Massenmedien einen eigenen Dienstleistungssektor hervorbringt. (&#8230;)<\/p><\/blockquote>\n<p>Insgesamt ist das Buch durchaus zu empfehlen, auch wenn es, wie geschrieben, teilweise etwas unklar positioniert ist \u2013 f\u00fcr den Anf\u00e4nger ist es vielleicht zu vielfacettig und damit verwirrend, f\u00fcr den Konsumkritiker manchmal zu austarierend. Dennoch wirft es auf jeden Fall einen gelungenen Blick hinter die Kulissen des Konsumtreibens, das uns alle umgibt und \u00fcber das \u201eman\u201c f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht weiter nachdenkt.<\/p>\n<p><em>Alexander Meschnig\/Mathias Stuhr: \u201eWunschlos ungl\u00fccklich \u2013 Alles \u00fcber Konsum\u201c, eva Europ\u00e4ische Verlagsanstalt 2005, 198 S., 4.90 \u20ac (<a href=\"http:\/\/www.europaeische-verlagsanstalt.de\/eva\/details.php\/p_id\/184\">direkt beim Verlag<\/a>)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<h3 class='related_post_title'>Verwandte Beitr\u00e4ge:<\/h3><ul class='related_post'><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=12582\" title=\"Buchvorstellung: Einfacher leben\">Buchvorstellung: Einfacher leben<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=14469\" title=\"Affluenza \u2013 das Konsum-Virus \u2013 \u201eDer Markt ist unser Gott\u201c\">Affluenza \u2013 das Konsum-Virus \u2013 \u201eDer Markt ist unser Gott\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=12645\" title=\"Buchbesprechung: Erich Fromm \u201eHaben oder Sein &#8211; Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft\u201c\">Buchbesprechung: Erich Fromm \u201eHaben oder Sein &#8211; Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=6386\" title=\"Buchbesprechung: Carrie McLaren &#038; Jason Trochinsky \u201eAd Nauseam: A Survivor\u2019s Guide to American Consumer Culture\u201c\">Buchbesprechung: Carrie McLaren &#038; Jason Trochinsky \u201eAd Nauseam: A Survivor\u2019s Guide to American Consumer Culture\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=1713\" title=\"Buchbesprechung: Neil Boorman \u201eGood bye Logo. 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