{"id":4878,"date":"2009-07-07T09:58:20","date_gmt":"2009-07-07T07:58:20","guid":{"rendered":"http:\/\/konsumpf.de\/?p=4878"},"modified":"2010-11-02T22:34:11","modified_gmt":"2010-11-02T21:34:11","slug":"buchbesprechung-horst-stowasser-%e2%80%9eanarchie%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/konsumpf.de\/?p=4878","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Horst Stowasser \u201eAnarchie!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/stowasser-anarchie.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4892\" title=\"stowasser-anarchie\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/stowasser-anarchie.gif\" alt=\"stowasser-anarchie\" width=\"266\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/stowasser-anarchie.gif 266w, https:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/stowasser-anarchie-199x300.gif 199w\" sizes=\"(max-width: 266px) 100vw, 266px\" \/><\/a>Ein Buch, das \u00fcber 500 Seiten m\u00e4chtig und dazu noch recht eng bedruckt ist, liest man nicht mal so eben flott durch. Folgerichtig habe ich an <strong>Horst Stowassers<\/strong> faszinierendem Werk <strong>\u201eAnarchie! Idee \u2013 Geschichte \u2013 Perspektiven\u201c<\/strong> eine ziemlich lange Zeit gelesen und tue mich nun auch ein wenig schwer, eine kurze &amp; knappe Rezension dieses Buches zu verfassen, denn es ist vollkommen ausgeschlossen, in ein paar Zeilen die F\u00fclle an Informationen und Anregungen, die der Autor dem Leser hier vermittelt, darzulegen. Dass es dringend angezeigt ist, sich Gedanken \u00fcber Alternativen zu den jetzigen bzw. sattsam bekannten (gescheiterten) Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen (Kapitalismus\/Marktwirtschaft, Kommunismus) zu machen, verdeutlicht die \u201eFinanzkrise\u201c tagt\u00e4glich aufs Neue und ist ja nun auch schon seit einer Weile ein st\u00e4ndig wiederkehrendes Thema in meinem Blog. Von daher ist Stowassers umfassende Analyse der Ideen der Anarchismus aktueller und notwendiger denn je \u2013 alternative Zukunftsvisionen, z.B. jenseits der Warenwirtschaft, zu entwickeln und zu durchdenken findet ja im allt\u00e4glichen Politzirkus unserer Parteien-Demokratie leider \u00fcberhaupt nicht statt.<\/p>\n<p>Wie schon der Untertitel andeutet ist Stowassers Buch in drei gro\u00dfe Bereiche gegliedert. Im ersten Teil,<strong> <em>\u201eDie Idee\u201c<\/em><\/strong>, geht es um die grundlegende Kl\u00e4rung dessen, was Anarchie bzw. Anarchismus eigentlich ist, was er will \u2013 und was nicht! Denn leider ist es ja doch so, dass heutzutage die meisten Menschen beim Begriff \u201eAnarchie\u201c an langhaarige Bombenleger, an Gewalt und Chaos denken. Dass dieses negative Image seine Wurzeln in einer sehr kurzen Phase der Anarchie hat, die Ende des 19. Jahrhunderts dazu f\u00fchrte, dass einige radikale Aktivisten meinten, die Repr\u00e4sentanten eines verhassten Systems mit Bomben aus dem Weg zu schaffen, f\u00fchrt der Autor sp\u00e4ter weiter aus \u2013 zun\u00e4chst stellt er klar, dass Anarchie grundlegend gewaltfrei ist und nichts mit chaotischen Zust\u00e4nden zu tun hat, das Grundprinzip der Anarchie ist von seinen Urspr\u00fcngen an \u201eOrdnung ohne Herrschaft\u201c (das Wort \u201eAnarchie\u201c kommt aus dem Griechischen und bedeutet \u201ekeine Herrschaft\u201c). Ich muss dabei gestehen, dass ich bis zur Lekt\u00fcre dieses Buches selbst wenig \u00fcber die Ideen wusste, die Anarchie ausmachen und auch eher dem Chaos-Begriff zuneigte. Dabei lerne ich schon auf den ersten Seiten, dass ich von meiner Pers\u00f6nlichkeit her tendenziell zu den \u201enat\u00fcrlichen Anarchisten\u201c z\u00e4hle :-) , also denjenigen, die z.B. ein Problem mit Herrschaftsstrukturen und starren Systemen haben.<\/p>\n<p>Folgerichtig lehnen Anarchisten die Idee und das Konzept eines Staates als Bevormundungs- und auch Unterdr\u00fcckungssystem ab, aber auch die uns derzeit beherrschende Form der Demokratie als Parteienherrschaft. Eine anarchistische Partei w\u00e4re demnach ein Widerspruch in sich (obwohl es so etwas mal in Spanien gab). Generell gibt es \u2013 anders als bei Zwangsbegl\u00fcckungssystemen wie dem Kommunismus als <em>\u201estaatstriefende Version des Sozialismus\u201c<\/em> \u2013 beim Anarchismus kein starres Programm, kein dogmatisches Regelwerk, nach dem man sich zu richten h\u00e4tte \u2013 die individuelle (aber eher solidarisch verstandene, also nicht neoliberal-egoistische) Freiheit des Menschen steht im Mittelpunkt sowohl der Gesellschaft wie auch der Wirtschaft.<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDer Staat ist eine Abstraktion, die das Leben des Volkes verschlingt \u2013 ein unerme\u00dflicher Friedhof, auf dem alle Lebenskra\u0308fte eines Landes gro\u00dfzu\u0308gig und anda\u0308chtig sich haben hinschlachten lassen.\u00ab <em>\u2013 Michail Bakunin \u2013<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Zu den ersten H\u00f6hepunkten von Stowassers Ausf\u00fchrungen geh\u00f6ren f\u00fcr mich, neben den Abschnitten \u00fcber die anarchistische Kritik am Kommunismus, am Staat und der (Parteien-)Demokratie, das Kapitel <strong><em>\u201eEine andere \u00d6konomie\u201c<\/em><\/strong>, in der der Autor eine in meinen Augen hervorragende und messerscharfe Analyse unseres Wirtschaftssystems vornimmt und den Finger an viele Wunden legt und dabei auch unsere \u201eWissenschaft\u201c (Betriebswirtschaftslehre etc.) nicht verschont. Da ich dieses Kapitel f\u00fcr so grundlegend wichtig halte, habe ich es einmal als eigenes pdf extrahiert (<a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/stowasser-anarchie-freiheitpur-eine-andere-oekonomie.pdf\">hier herunterzuladen<\/a>) \u2013 jeder BWLer, jeder Banker und alle Anh\u00e4nger der ach! so sozialen Marktwirtschaft sollten diese 25 Seiten mal gelesen haben&#8230; Viele andere Facetten des ersten Abschnitts dieses Buches, sei es das Patriarchat, Gedanken zu einer freieren Kunst, zur Vernetzung, zur \u00d6kologie usw. kann ich an dieser Stelle nicht n\u00e4her ausf\u00fchren.<\/p>\n<blockquote><p>In der Schule \u2013 gleichgu\u0308ltig ob staatlich oder religio\u0308s gepra\u0308gt \u2013 wu\u0308rden Untertanen hergestellt. Auch wenn als Erziehungsziel offiziell der \u203akritische und mu\u0308ndige Staatsbu\u0308rger\u2039 gefordert werde, bleibe es immer noch beim <em>Staats<\/em>bu\u0308rger. Neben Lesen, Schreiben, Rechnen und viel \u203aSachwissen\u2039 werde vor allem eines gelehrt: Anpassung an die bestehenden Gesellschaftsverha\u0308ltnisse \u2013 zwar nicht als Lehrfach, aber u\u0308berall versteckt. Und selbst das angeblich wertfreie \u203aSachwissen\u2039 stecke bei na\u0308herem Hinsehen voller Einseitigkeit, Ideologie und Phantasielosigkeit. Vielfalt, wirkliche Alternativen und vor allem Freiheit des Lernens gebe es nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im zweiten Teil, <strong><em>\u201eDie Vergangenheit\u201c<\/em><\/strong>, liefert uns Horst Stowasser eine packende Zusammenfassung der Geschichte der Anarchie, von fr\u00fchern Vorl\u00e4ufern, ersten Experimenten, \u00fcber die Entstehung des Anarchie-Konzepts im 19. Jahrhundert parallel bzw. zu Beginn sogar gemeinsam mit der Entwicklung des Sozialismus \u2013 erst nach einiger Zeit begannen sich Sozialisten und Anarchisten in unterschiedliche Richtungen zu entwickeln. Tats\u00e4chlich wurden die Sowjet-Kommunisten (zusammen mit den Faschisten) im 20. Jahrhundert die gr\u00f6\u00dften Feinde der Anarchisten und bek\u00e4mpften diese mit aller Macht. Ich muss gestehen, dass ich im Geschichtsunterricht nichts \u00fcber diese Entwicklungen gelernt habe und mir diese ganzen Details und Verkn\u00fcpfungen komplett neu waren; ich kannte nicht einmal die bekanntesten K\u00f6pfe der Anarchiebewegung wie Michail Bakunin oder Pierre-Joseph Proudhon. Da Stowasser einen sehr angenehmen, lockeren Schreibstil hat, der nicht unn\u00f6tig mit Fachvokabular \u00fcberfrachtet ist, fand ich diese \u201eGeschichtsstunde\u201c extrem spannend und bereichernd, zumal man erf\u00e4hrt, wie stark die Idee des Anarchismus\/Anarchosyndikalismus von allen Seiten der Repression ausgesetzt war. Der Autor findet darum verst\u00e4ndlicherweise auch wenig gute Worte \u00fcber Kommunisten, Kapitalisten und Faschisten, aber auch nicht f\u00fcr Sozialdemokraten und die Gewerkschaften, die ihre urspr\u00fcnglichen Ideen und Ideale l\u00e4ngst auf dem Altar der Machterhaltung geopfert haben.<\/p>\n<p>So deprimierend und hart sich auch manches liest, was dem Leser dort an (ausgerotteter) anarchistischer Geschichte vor Augen gef\u00fchrt wird, so ist es auch faszinierend zu sehen, wie vielschichtig, wie bunt und schillernd diese Bewegung all die Jahrzehnte \u00fcber war \u2013 und dass sie 1936 f\u00fcr 3 Jahre in Spanien (wo die Bewegung auch heute noch am st\u00e4rksten ist) einige gro\u00dfe St\u00e4dte wie Barcelona unter ihrer Selbstverwaltung hatten und trotz des Kampfes gegen die spanischen Faschisten (den sie am Ende bekanntlich gegen Francos Truppen verloren) dort ein funktionierendes und den Umst\u00e4nden entsprechend bl\u00fchendes Alltagsleben initiieren konnten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/stowasser.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4893\" title=\"stowasser\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/stowasser.jpg\" alt=\"stowasser\" width=\"120\" height=\"165\" \/><\/a>Etwas ern\u00fcchtert ist Stowassers Analyse des heutigen Zustands des Anarchismus, der aktuell durch eine gewisse Rat- und Richtungslosigkeit gekennzeichnet ist, wobei sich andererseits viele Initiativen, die zwar nicht das Label \u201eAnarchie\u201c tragen, dennoch aber deren Gedanken in die Tat umsetzen, entwickelt haben \u2013 selbst verwaltete Firmen, regionales Wirtschaften uvm. \u2013 u.a. darum geht es im dritten und k\u00fcrzesten Teil, <strong><em>\u201eDie Zukunft\u201c<\/em><\/strong> des Anarchismus.<\/p>\n<p>Am Ende der mehr als 500 Seiten trennt man sich nur ungern von der Lekt\u00fcre dieses gro\u00dfartigen Buches, das ich wirklich wieder einmal nur jedem ans Herz legen kann. Aber Vorsicht: Wer ein Patentrezept f\u00fcr ein zuk\u00fcnftiges Gesellschaftssystem erwartet, also eine fertige Anleitung mit integriertem Regelsystem, wird entt\u00e4uscht sein, denn so etwas widerspr\u00e4che irgendwie auch dem Geist des Anarchismus. Vielmehr geht es m.E. darum, in vielen Bereichen die festgefahrenen Denkschablonen zu verlassen und Diskussionen \u00fcber Alternativen zuzulassen und anzuregen. Und zu erkennen, dass Menschen schon seit langem kreativ \u00fcber ein menschengerechteres Zusammenleben nachdenken. Die Marktwirtschaft ist nicht das Ende der Geschichte.<\/p>\n<p>Ach ja, bevor mir jetzt jemand wieder einen Konsumaufruf unterstellt, weil ich dieses Buch empfehle: Die alte Ausgabe dieses Werkes gibt es tats\u00e4chlich <strong>legal und kostenlos als pdf<\/strong> im Netz, und zwar auf der Website <a href=\"http:\/\/mama-anarchija.net\/book\/download.html\">Mama Anarchija<\/a> (&gt;&gt; <a href=\"http:\/\/mama-anarchija.net\/media\/downloads\/FreiheitPurPlus4-2007.pdf\">pdf<\/a>). Diese 1995 im <strong>Eichborn Verlag<\/strong> erschienene Version ist gut 100 Seiten schlanker, hei\u00dft noch <strong>\u201eFreiheit pur \u2013 Die Idee der Anarchie\u201c<\/strong> und diverse aktuelle Entwicklungen und Betrachtungen fehlen nat\u00fcrlich (damals hatten wir beispielsweise noch die D-Mark!), aber als Einstieg ist auch diese Variante durchaus zu empfehlen.<\/p>\n<p><em>Horst Stowasser: \u201eAnarchie! Idee \u2013 Geschichte \u2013 Perspektiven\u201c, Edition Nautilus 2006, 511 S., 24,90 \u20ac<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/eb3bd072d0e242029568e9487be5b89e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<h3 class='related_post_title'>Verwandte Beitr\u00e4ge:<\/h3><ul class='related_post'><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=12645\" title=\"Buchbesprechung: Erich Fromm \u201eHaben oder Sein &#8211; Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft\u201c\">Buchbesprechung: Erich Fromm \u201eHaben oder Sein &#8211; Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=12412\" title=\"Telekolleg: Anarchie\">Telekolleg: Anarchie<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=11692\" title=\"Horst Stowasser \u00fcber Anarchismus\">Horst Stowasser \u00fcber Anarchismus<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=7159\" title=\"Buchbesprechung: Tanja Busse \u201eDie Einkaufs-Revolution \u2013 Konsumenten entdecken ihre Macht\u201c\">Buchbesprechung: Tanja Busse \u201eDie Einkaufs-Revolution \u2013 Konsumenten entdecken ihre Macht\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=6112\" title=\"Buchbesprechung: Alexander Meschnig &#038; Mathias Stuhr \u201eWunschlos ungl\u00fccklich \u2013 Alles \u00fcber Konsum\u201c\">Buchbesprechung: Alexander Meschnig &#038; Mathias Stuhr \u201eWunschlos ungl\u00fccklich \u2013 Alles \u00fcber Konsum\u201c<\/a><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Buch, das \u00fcber 500 Seiten m\u00e4chtig und dazu noch recht eng bedruckt ist, liest man nicht mal so eben flott durch. 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