{"id":4184,"date":"2009-05-03T10:00:33","date_gmt":"2009-05-03T08:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/konsumpf.de\/?p=4184"},"modified":"2009-05-03T13:20:54","modified_gmt":"2009-05-03T11:20:54","slug":"buchbesprechung-bill-mckibben-%e2%80%9ethe-age-of-missing-information%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/konsumpf.de\/?p=4184","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Bill McKibben \u201eThe Age of Missing Information\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/mckibben-age-of-missing-information.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-4195\" title=\"mckibben-age-of-missing-information\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/mckibben-age-of-missing-information.jpg\" alt=\"mckibben-age-of-missing-information\" width=\"170\" height=\"263\" \/><\/a>Man kann es drehen und wenden wie man will, und egal ob es einem gef\u00e4llt oder nicht \u2013 das Fernsehen ist auch heutzutage immer noch das Massenmedium Nr. 1 mit dem gr\u00f6\u00dften Einfluss auf die Gesellschaft. Je nach dem welche Studie man zu Rate zieht, verbringt der durchschnittliche Nordamerikaner immerhin unglaubliche 4 bis 6 Stunden am Tag damit, vor dem Flimmerkasten zu sitzen und sich berieseln zu lassen. Ein Ph\u00e4nomen, das so vielen Menschen so viel Lebenszeit raubt bzw. dem sie einen so gro\u00dfen Teil ihrer Freizeit widmen, verdient es nat\u00fcrlich, eingehender unter die Lupe genommen zu werden.<\/p>\n<p>Diesen Versuch, das Ph\u00e4nomen Fernsehen zu analysieren, hat auch der amerikanische Autor und Kulturkritiker <strong>Bill McKibben<\/strong> in seinem gleicherma\u00dfen unterhaltsamen wie vielseitigen Buch <strong>\u201eThe Age of Missing Information\u201c<\/strong> (leider nur auf Englisch erh\u00e4ltlich) unternommen, das urspr\u00fcnglich bereits 1992 erschien und 2006 neu aufgelegt wurde, mit einigen kurzen Erg\u00e4nzungen hinsichtlich der \u201eneuen\u201c Medien, namentlich des Internets. McKibben n\u00e4hert sich den Ausma\u00dfen, die die Fernsehberieselung in unserer Gesellschaft mittlerweile angenommen hat, auf eine wahrlich originelle Weise, n\u00e4mlich in Form eines Selbstexperiments. Dazu verbrachte der Autor einen Tag und eine Nacht in der unber\u00fchrten Natur, in den Bergen, alleine mit seinem Zelt und seinen Gedanken. Gleichzeitig lie\u00df er sich von Freunden und Bekannten das komplette 24-Stunden-Programm aller insgesamt ca. einhundert Sender, die er in seinem Ort empfangen kann, auf Video aufnehmen und verglich dann anschlie\u00dfend (in m\u00fchsamer Einzelauswertung aller Videob\u00e4nder der einzelnen Sender, auch von Shoppingkan\u00e4len, was ihn viele Monate in Anspruch nahm) die Anzahl und Qualit\u00e4t der Informationen, die er bei seinem Aufenthalt in der Natur erfuhr mit der, die der normale Fernsehzuschauer am selben Tag vermittelt bekam. Denn obwohl wir in einem vermeintlichen \u201eInformationszeitalter\u201c (\u201eAge of Information\u201c) leben, zweifelt McKibben doch stark an, dass wir in vielen wichtigen Bereichen des Lebens wirklich informiert sind bzw. durch das Fernsehen tats\u00e4chlich relevant informiert werden \u2013 statt dessen leben wir f\u00fcr ihn, wie der Titel es schon andeutet, teilweise eher in einem Zeitalter der ausgelassenen\/ausgeblendeten Informationen.<\/p>\n<p>Diese Grundthese des Buches wird auf insgesamt gut 250 Seiten ausgiebig untersucht \u2013 in den einzelnen Kapiteln, die nach den verschiedenen Tageszeiten benannt sind, entbl\u00e4ttert der Autor zum einen ein faszinierendes \u201ePsychogramm\u201c amerikanischer Fernsehlandschaft (viele Referenzen auf einzelne US-Serien etc. sind f\u00fcr uns hier nat\u00fcrlich nicht direkt nachvollziehbar, was aber f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Textes nicht weiter dramatisch ist) und auch der Bedeutung, die Fernsehen f\u00fcr die heutige Kultur hat. Gleichzeitig entwickelt McKibben Schritt f\u00fcr Schritt einen umfassenden Katalog an Argumenten und Beobachtungen, die verdeutlichen, wie stark vor allem auch die negativen Folgen der Allgegenwart des TV sind. Ich habe eine Weile \u00fcberlegt, wie ausf\u00fchrlich ich diese Analysen hier in meiner Buchbesprechung vorstellen soll, und habe mich dann entschlossen, zumindest einige der wichtigsten Punkte kurz anzurei\u00dfen, da ich die dargelegten Erkenntnisse durchaus f\u00fcr beachtenswert halte. (Um tiefer in die Materie einzusteigen, empfehle ich dann doch die Lekt\u00fcre des Buches selbst, oder andere medienkritische Werke wie von Marshall McLuhan, der in diesem Buch auch mehrfach Erw\u00e4hnung findet.)<\/p>\n<ul>\n<li>Einer der ersten kritischen Punkte sieht der Autor in einer gewissen medial bewirkten Gleichschaltung von Geschm\u00e4ckern weltweit sowie ein durch die weltweite Werbung transportiertes \u201enormiertes\u201c Menschenbild oder Frauenideal, das gewachsene Vorstellungen, beispielsweise vom Altern, ersetzt und zerst\u00f6rt.\n<p><div id=\"attachment_4199\" style=\"width: 252px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.sxc.hu\/photo\/9192\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4199\" class=\"size-full wp-image-4199\" title=\"media_overload\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/04\/media_overload.jpg\" alt=\"media_overload\" width=\"242\" height=\"162\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4199\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 erikdungan, stock.xchng<\/p><\/div><\/li>\n<li>Wir haben zwar den Eindruck, durch die ganzen Geschichtsdokus umfassend Bescheid zu wissen, doch in Wirklichkeit wird die Menschheitsgeschichte stark verk\u00fcrzt \u2013 alles, was vor der Erfindung des Films lag, wirkt auf den heutigen Menschen fast unglaubw\u00fcrdig. Daf\u00fcr werden die Dinge, die bereits auf Film gebannt wurden, immer und immer wieder gezeigt (ich denke da an die ganzen Hitler-Dokus mit den immer gleichen Originalaufnahmen). Au\u00dferdem wird unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem des ewigen Wachstums und Konsumierens als das einzig m\u00f6gliche dargestellt, da wir via Fernsehen nichts anderes kennen (Fernsehbilder reichen eben nur 60, 70 Jahre zur\u00fcck) \u2013 quer durch alle Sender.<\/li>\n<li>Naturfilme im Fernsehen werden auf die uns von Hollywood &amp; Co. antrainierten Formate getrimmt \u2013 dramatische Musik, Spannungskurven etc., so dass uns die reale Natur langweilig vorkommt. (Wer hat sich nicht auch schon mal eine Zeitlupe in der Realwelt gew\u00fcnscht? So weit hat uns Sportfernsehen mittlerweile konditioniert.) F\u00fcr McKibben sind die Fernsehdokus so etwas wie ein \u201eBest of\u201c, die nur besonders spannende Momente herausgreifen und so das Gesamtbild v\u00f6llig verzerren. Dieses Prinzip der einseitigen Darstellung gilt auch f\u00fcr viele andere vermeintliche Informationen, die das Fernsehen liefert.<\/li>\n<li>In unserem sonstigen Leben erwarten wir \u00e4hnliche Kicks und Dauerh\u00f6hepunkte wie sie uns das Fernsehen permanent vorf\u00fchrt, und deshalb wird uns schnell langweilig (und wir schalten den Fernseher ein).<\/li>\n<li>Diese Jagd nach Sensationen f\u00fchrt dazu, dass zwar viele Katastrophen ausf\u00fchrlichst gesendet werden, daf\u00fcr aber sehr viel weniger Zeit f\u00fcr grundlegendere Themen (z.B. den Klimawandel, der zu manchen der Katastrophen gef\u00fchrt hat) zur Verf\u00fcgung steht, weil sich komplexe und \u00fcber Jahre oder Jahrzehnte entwickelnde Prozesse nun mal schlecht im 15-Minuten-TV-Format darstellen und abhandeln lassen. Ein Mangel an Tiefe ist darum vielen Berichterstattungen zu eigen.<\/li>\n<li>Statt unser Leben wirklich zu leben, mit all seinen H\u00f6hen und Tiefen, mit Euphorie und Trauer, mit Belustigung und Langeweile, verwenden viele das Fernsehen als eine Art \u201eZentralheizung\u201c, die unser Empfindungsniveau immer auf einem gleichen Level h\u00e4lt. Tats\u00e4chlich haben Studien herausgefunden, dass viele Menschen Fernsehen nicht bewusst nach gewissen Sendungen aussuchen, sondern es einfach laufen lassen, als Ablenkung oder Entspannung, (fast) egal, was geboten wird. Fernsehkonsum soll, diesen Studien zufolge, nicht dazu dienen, Neues zu entdecken, sondern sich in gewohnten Strukturen wiederzufinden und dort, in einer k\u00fcnstlichen, aber bekannten Welt, so etwas wie Halt und Vertrautes zu entdecken.<\/li>\n<li>Die tats\u00e4chlichen Informationen, die per Fernsehen vermittelt werden, werden durch die Vielzahl an anderen Eindr\u00fccken, die auf den normalen Zuschauer sonst noch so am Tag einprasseln, oftmals wieder nivelliert \u2013 jede Menge Belangloses begr\u00e4bt die wenigen behaltenswerten Fakten und Infos.<\/li>\n<li>Dadurch, dass die meisten Sender jeden Tag 24 Stunden Programm f\u00fcllen m\u00fcssen, werden Unmengen an belanglosem Kram \u00fcber den \u00c4ther gejagt, kommerzielle Botschaften, Trivialit\u00e4ten etc., so dass die Qualit\u00e4t mit den Jahren immer weiter gesunken ist (schreibt McKibben \u2013 gerade durch den Eintritt der Privatsender stimmt das wohl leider auch).<\/li>\n<li>Fernsehen produziert Stars, die nur f\u00fcr ihr Starsein als solches gefeiert und hofiert werden. Sie werden zu \u201eLegenden\u201c, eben weil das TV seine Sendezeit f\u00fcllen muss. Menschen, die wirklich etwas k\u00f6nnen und leisten, sind f\u00fcr die Konsumkultur und den Starkult hingegen oft uninteressant.<\/li>\n<li>Fernsehen befeuert nicht Fantasien, sondern propagiert eine triste Realit\u00e4t \u2013 f\u00fcr McKibben ist TV absolut anti-utopisch, da wir entmutigt werden, dar\u00fcber nachzudenken, dass es, abgesehen vom Kauf neuer Produkte, einen besseren Weg gibt, viele Dinge zu tun oder Grunds\u00e4tzliches zu \u00e4ndern.<\/li>\n<li>Durch das Fernsehen wird uns der Eindruck vermittelt, dass der jeweilige Zuschauer das wichtigste Wesen auf der Welt ist und sich alles andere um ihn herum dreht, insbesondere, was Konsumg\u00fcter etc. angeht. Gerade dadurch, dass wir uns nicht mehr mit realen Menschen, sondern den Zerrbildern im Fernsehen vergleichen, sind wir mit uns unzufrieden und meinen, immer mehr kaufen zu m\u00fcssen, um uns zu vervollkommnen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Soweit also eine Auswahl der Punkte, die der Autor in seinem Buch anspricht \u2013 einige der Punkte waren mir bisher noch gar nicht so bewusst und nehme ich als willkommene Erg\u00e4nzung f\u00fcr potentielle Diskussionen gerne in mein Argumentationsrepertoire auf :-) McKibben verteufelt \u00fcbrigens nicht das Medium Fernsehen per se, sondern vor allem den unheimlichen Status, den es im Leben der Menschen in den letzten Jahrzehnten erlangt hat, und die Auswirkungen, die sich f\u00fcr das gesellschaftliche Miteinander daraus ergeben.<\/p>\n<p>Sumasummarum ist <em>\u201eThe Age of Missing Information\u201c<\/em> ein spannendes und angenehm locker zu lesendes Werk mit vielen Gedanken, die zu Diskussionen und eigenem Gr\u00fcbeln anregen. So soll ein gutes Buch sein!<\/p>\n<p><em>Bill McKibben, \u201eThe Age of Missing Information\u201c, Random House 2006, 264 S., 14.95 US$<\/em><\/p>\n<h3 class='related_post_title'>Verwandte Beitr\u00e4ge:<\/h3><ul class='related_post'><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=11825\" title=\"Das L\u00fcgenfernsehen\">Das L\u00fcgenfernsehen<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=10238\" title=\"Buchbesprechung: Caroline Glathe \u201eKommunikation von Nachhaltigkeit in Fernsehen und Web 2.0\u201c\">Buchbesprechung: Caroline Glathe \u201eKommunikation von Nachhaltigkeit in Fernsehen und Web 2.0\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=8930\" title=\"Buchrezension: Dirk Kurbjuweit \u201eUnser effizientes Leben\u201c\">Buchrezension: Dirk Kurbjuweit \u201eUnser effizientes Leben\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=4926\" title=\"Buchbesprechung: Kembrew McLeod \u201eFreedom of Expression\u00ae\u201c\">Buchbesprechung: Kembrew McLeod \u201eFreedom of Expression\u00ae\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=6629\" title=\"Buchbesprechung: Lohoff\/Trenkle\/W\u00f6lflingseder\/Lewed \u201eDead Men Working\u201c\">Buchbesprechung: Lohoff\/Trenkle\/W\u00f6lflingseder\/Lewed \u201eDead Men Working\u201c<\/a><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann es drehen und wenden wie man will, und egal ob es einem gef\u00e4llt oder nicht \u2013 das Fernsehen ist auch heutzutage immer noch das Massenmedium Nr. 1 mit dem gr\u00f6\u00dften Einfluss auf die Gesellschaft. 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