{"id":3103,"date":"2009-02-24T09:59:38","date_gmt":"2009-02-24T08:59:38","guid":{"rendered":"http:\/\/konsumpf.de\/?p=3103"},"modified":"2010-11-01T20:41:49","modified_gmt":"2010-11-01T19:41:49","slug":"buchbesprechung-john-stauber-sheldon-rampton-%e2%80%9egiftmull-macht-schlank%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/konsumpf.de\/?p=3103","title":{"rendered":"Buchbesprechung: John Stauber &#038; Sheldon Rampton \u201eGiftm\u00fcll macht schlank\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/stauber-rampton_giftmuell_gro.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3104\" title=\"umschlag_giftmuell_PANTONE.indd\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/stauber-rampton_giftmuell_gro.jpg\" alt=\"Giftmuell macht schlank\" width=\"218\" height=\"291\" srcset=\"https:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/stauber-rampton_giftmuell_gro.jpg 296w, https:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/stauber-rampton_giftmuell_gro-224x300.jpg 224w\" sizes=\"(max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><\/a>Dies ist ein schreckliches Buch, dessen Lekt\u00fcre mir manches Mal nicht gerade leicht gefallen ist. Nicht etwa weil die beiden US-Amerikaner <strong>John Stauber und Sheldon Rampton<\/strong> einen schwerverst\u00e4ndlichen Stil am Leibe h\u00e4tten oder das Thema langweilig w\u00e4re. Nein, ganz im Gegenteil \u2013 es liegt vielmehr daran, dass einen die Abgr\u00fcnde, die dem Leser hier verdeutlicht werden, des \u00f6fteren den Atem stocken und unb\u00e4ndige Wut und Abscheu aufkommen lassen. In <strong>\u201eGiftm\u00fcll macht schlank. Medienprofis, Spin Doctors, PR-Wizards. Die Wahrheit \u00fcber die Public-Relations-Industrie\u201c<\/strong> (in den USA bereits 1995 erschienen) geben die Autoren einen best\u00fcrzenden Einblick darin, wie tief sich Propaganda und Desinformation in den letzten Jahrzehnten schon in unsere Gesellschaft, die Medien und das, was wir zu wissen glaubten, gefressen haben.<\/p>\n<p>Stauber und Rampton steigen in ihrem Buch hinab in die morastigen und schlammigen Untiefen einer Industrie, die unser aller Leben mehr bestimmt, als wir uns das bewusst sind, und die offensichtlich keine Skrupel kennt, wenn es nur in der eigenen Kasse klingelt \u2013 <strong>Public Relations<\/strong>, kurz: <strong>PR<\/strong>. Die \u201eregul\u00e4re\u201c Dosis an Fehlinformation und L\u00fcgen erh\u00e4lt der moderne Konsument tagt\u00e4glich ja bereits durch normale Werbung &amp; Reklame. Hier wei\u00df aber inzwischen eigentlich (fast) jeder, dass die Firmen in ihren Anzeigen gerne M\u00e4rchen erz\u00e4hlen und uns mit ihren Floskeln f\u00fcr dumm verkaufen wollen. Sehr viel subtiler und deshalb wirkungsvoller und noch gef\u00e4hrlicher ist jedoch das, was im Bereich der PR-Arbeit rund um die Uhr geschieht. Denn anders als bei offener Werbung passiert hier vieles quasi im Verborgenen \u2013 Auftraggeber bleiben f\u00fcr den B\u00fcrger unsichtbar, die PR-Unternehmen selbst in der Regel auch. Daf\u00fcr tarnen sie sich mit unterwanderten Aktivistengruppen, mit eigens daf\u00fcr initiierten B\u00fcrger- oder Umweltgruppen, sie kaufen Experten und Politiker, sie sorgen f\u00fcr eine besch\u00f6nigte Presse, machen Kritiker mundtot usw.<\/p>\n<p>In insgesamt 12 Kapiteln greifen die Autoren einige besonders krasse und erschreckende F\u00e4lle von PR-Arbeit (\u00fcberwiegend in den USA bzw. S\u00fcdamerika) auf. Schnell wird klar, dass PR sich nicht nur auf wirtschaftliche, sondern auch politische Bereiche erstreckt und bereits seit vielen Jahrzehnten intensiv praktiziert wird. Alle Beispiele\/Konzerne hier im einzelnen zu behandeln, w\u00fcrde den Rahmen meiner Rezension sprengen, aber um nur einige zu nennen: die amerikanische Atomindustrie, Pharmariesen, Genfirmen wie Monsanto, oder die dem Buch den Titel gebende Kampagne der Gro\u00dfindustrie, in der sie den B\u00fcrgern und Bauern ihren giftigen, bleikontaminierten Kl\u00e4rschlamm als gesunden D\u00fcnger zu verkaufen versucht (kein Scherz!), um so die teure Entsorgung zu umgehen und daf\u00fcr bestellte Gutachten vorlegt und Aktivisten lahmlegt. Das schlimme ist \u2013 selbst mit solch f\u00fcr den gesunden Menschenverstand absurden Ansinnen haben PR-Firmen und damit ihre Auftraggeber Erfolg. Es wird schnell klar, dass die gro\u00dfen der PR-Branche wie <strong>Burson-Marsteller<\/strong> keine Skrupel haben, die widerlichsten Konzerne wie Philip Morris, Eli Lilly, Nestl\u00e9, Pfizer, Genentech etc. und selbst Diktaturen zu vertreten. Wenn man en detail liest, mit welchen Methoden PR-Profis Umweltgruppen unterwandern oder Politiker auf ihre Seite zu ziehen versuchen, kann man eigentlich nur noch Ekel und Verachtung f\u00fcr solches Gesch\u00e4ftsgebaren empfinden. Ein Beispiel von vielen aus dem Buch:<\/p>\n<blockquote><p><strong>CAST<\/strong> (Council for Agricultural Science and Technology) wurde 1972 gegr\u00fcndet und wird von Hunderten von Unternehmen finanziert, die alle mit genetisch ver\u00e4nderten Lebensmitteln, Agrarchemie, Additiven f\u00fcr Lebensmittel und industrieller Landwirtschaft zu tun haben. Darunter finden sich Firmen wie Dow, General Mills, Land O\u2019Lakes, Ciba-Geigy, Archer Daniels Midland, Monsanto, Philip Morris und Uniroyal. (&#8230;) CAST ist eine klassische Tarnorganisation der Industrie, die behauptet, \u201eaktuelle, unverf\u00e4lschte und wissenschaftlich Informationen \u00fcber Nahrungsmittel und Agrarwirtschaft zu liefern\u201c. Tats\u00e4chlich hat CAST \u00fcber zwei Jahrzehnte lang heftig f\u00fcr pestizidverseuchte Nahrung, bestrahltes Obst und Gem\u00fcse sowie den Einsatz von Hormonen und Pharmazeutika in der Tierzucht gek\u00e4mpft. Die Hunderte von Wissenschaftlern aus Industrie und Forschung, die CAST angeh\u00f6ren, sind oft Empf\u00e4nger gro\u00dfz\u00fcgiger Drittmittel und anderer Gelder, die von den gleichen Konzernen stammen, de CAST finanzieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein besonders schlimmes Kapitel befasst sich mit den <strong>Verquickungen von Public Relations mit den Medien<\/strong>. Es ist klar, dass das Gerede von einer \u201efreien Presse\u201c ohnehin nur eine Illusion ist. Doch die PR-Firmen treiben die Abh\u00e4ngigkeiten von Presse und Wirtschaft noch einen Schritt weiter, in dem sie f\u00fcr ihre Kunden eigene Beitr\u00e4ge, teils auch schon fertig geschnittene Filme, vermeintliche Nachrichten (die eigentlich nur Pressemitteilungen von Firmen darstellen) produzieren und diese dann kostenlos an die Medien weitergeben. Und die Sender und Redaktionen greifen freudig und begeistert zu \u2013 kritische journalistische Recherche findet in solchen F\u00e4llen kaum mehr statt, so dass die Sender zu reinen Verlautbarungsstationen der Konzerne verkommen. Wer beispielsweise hierzulande den sog. \u201eNachrichtenkanal\u201c N24 einschaltet und dort die rund um die Uhr laufende Milit\u00e4rpropaganda sieht, ahnt vielleicht schon, woher diese Beitr\u00e4ge <em>eigentlich<\/em> stammen&#8230;<\/p>\n<blockquote><p>Die PR-Abteilungen von Unternehmen haben einen enormen Einfluss auf die Gestaltung der Nachrichten, auch wenn Redakteure das Gegenteil behaupten. Gro\u00dfunternehmen pumpen allein in den USA jedes Jahr hundert Milliarden Dollar in die Kassen der Medienunternehmen. Ben Bagdikian betont \u201eDie Auswahl von Nachrichten nach dem Kriterium der optimalen Werbeunterst\u00fctzung ist mittlerweile\u00a0 so normal geworden, dass man inzwischen mit wissenschaftlicher Pr\u00e4zision darangeht und es zum allt\u00e4glichen Handwerk der Medien geh\u00f6rt.\u201c Der PR-Manager Robert Dilenschneider gibt zu: \u201eDer Glaube, betriebswirtschaftliche und redaktionelle Entscheidungen in der Presse und den Medien w\u00fcrden v\u00f6llig getrennt voneinander getroffen, ist in weiten Z\u00fcgen in Mythos.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer es bis zum letzten Kapitel <strong>\u201eDen eigenen Hinterhof erobern\u201c <\/strong>geschafft hat, ohne vollends an der Welt dort drau\u00dfen zu verzweifeln, bekommt am Ende dann doch auch ein paar vers\u00f6hnlichere und aufbauendere T\u00f6ne zu h\u00f6ren. Dass beispielsweise PR nicht per se \u201eb\u00f6se\u201c sein muss, sondern nat\u00fcrlich auch f\u00fcr viele gute Aktionen und Ideen PR betrieben wird, um ihnen Geh\u00f6r zu verschaffen. Und Stauber &amp; Rampton machen uns Mut, sich gegen die Desinformationsmaschine zu stellen und vor allem im lokalen Bereich aktiv f\u00fcr die eigenen Rechte und die Kommunen einzutreten, weil diese \u201e<strong>NIMBY<\/strong> (Not In My Backyard)\u201c-Bewegungen tats\u00e4chlich gute Chancen haben, selbst gro\u00dfe, \u00fcberm\u00e4chtig erscheinenden Gegner, die mit dem ganzen Waffenarsenal der PR k\u00e4mpfen, aufzuhalten oder zumindest Sand in deren Getriebe zu streuen. Au\u00dferdem rufen sie dazu auf, dass wir uns abseits der Mainstreammedien eine Meinung bilden und bei allen Meldungen, die wir so lesen, im Hinterkopf behalten, dass dahinter eventuell gewaltige Interessensgruppen stehen, die diese Nachrichten mit voller Absicht verbreiten (oder manches bewusst unterdr\u00fccken).<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/cmd-radio.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3117\" title=\"cmd-radio\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/cmd-radio.jpg\" alt=\"cmd-radio\" width=\"200\" height=\"149\" \/><\/a>Die Tatsache, dass sich Unternehmen und Regierungen bem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlen, jedes Jahr Milliarden f\u00fcr die Manipulation der \u00d6ffentlichkeit auszugeben, ist eine perverse Hommage an die menschliche Natur und an unsere eigenen Moralvorstellungen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die beiden Autoren betreiben \u00fcbrigens die Website <a href=\"http:\/\/www.sourcewatch.org\/index.php?title=SourceWatch\">SourceWatch<\/a> und geben in ihrem <em>Center for Media and Democracy<\/em> das viertelj\u00e4hrlich erscheinenden Magazin <a href=\"http:\/\/www.prwatch.org\/\"><strong>PR Watch<\/strong><\/a> heraus, auf der man sich eingehender \u00fcber die aktuellen Verflechtungen von PR, Lobbyarbeit, Politik &amp; Wirtschaft informieren kann.<\/p>\n<p><em>John Stauber &amp; Sheldon Rampton \u201eGiftm\u00fcll macht schlank\u201c. orange press 2006, 319 S., 20,\u2013 \u20ac, ISBN 978-3-936086-28-7<br \/>\n<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/ebf9b27965304c0ea31d4ea177ecc35c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<h3 class='related_post_title'>Verwandte Beitr\u00e4ge:<\/h3><ul class='related_post'><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=3135\" title=\"Weise Worte (8)\">Weise Worte (8)<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=7063\" title=\"PR-Berater: Gesch\u00e4fte und Machenschaften\">PR-Berater: Gesch\u00e4fte und Machenschaften<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=5199\" title=\"Wikipedia und die PR der Atomlobby\">Wikipedia und die PR der Atomlobby<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=5181\" title=\"PR im Namen von Zensursula und Ulla Schmidt\">PR im Namen von Zensursula und Ulla Schmidt<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=2334\" title=\"Chemieeinsatz f\u00fcr mehr Nachhaltigkeit \u2013 BASF und die \u00d6kobilanz von \u00c4pfeln\">Chemieeinsatz f\u00fcr mehr Nachhaltigkeit \u2013 BASF und die \u00d6kobilanz von \u00c4pfeln<\/a><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist ein schreckliches Buch, dessen Lekt\u00fcre mir manches Mal nicht gerade leicht gefallen ist. 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