{"id":1921,"date":"2009-01-06T11:24:56","date_gmt":"2009-01-06T10:24:56","guid":{"rendered":"http:\/\/konsumpf.de\/?p=1921"},"modified":"2010-10-31T22:30:40","modified_gmt":"2010-10-31T20:30:40","slug":"werbung-schadet-1-%e2%80%93-die-versaubeutelung-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/konsumpf.de\/?p=1921","title":{"rendered":"Werbung schadet (1) \u2013 Die Versaubeutelung der Sprache"},"content":{"rendered":"<p>In meiner neuen (unregelm\u00e4\u00dfigen), subjektiv gef\u00e4rbten, differenziert-polemischen Artikel-Serie m\u00f6chte ich die verschiedenen <strong>sch\u00e4dlichen Facetten von Reklame<\/strong> streiflichtartig beleuchten, um zu verdeutlichen, dass der Kampf gegen die \u00dcberflutung mit Marken und Werbung nicht nur eine Sache der pers\u00f6nlichen Antipathie ist, sondern ein Gebot der Stunde. Auch will ich den forschen Behauptungen entgegentreten, Werbung w\u00e4re informativ oder gar ein wichtiger Teil unserer Kultur \u2013 vor allem von denjenigen, die in dieser Industrie t\u00e4tig sind (und die sich gerne als Kulturschaffende sehen w\u00fcrden), wird nat\u00fcrlich versucht, dem Reklamegetue irgendeinen h\u00f6heren Anspruch zu verleihen, und manche Medien mischen munter mit \u2013 was kein Wunder ist, <span style=\"text-decoration: line-through;\">prostituieren<\/span> finanzieren sich doch die meisten Erzeugnisse auf dem Markt durch Anzeigen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-1971\" title=\"voller-briefkasten\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/voller-briefkasten-300x199.jpg\" alt=\"voller-briefkasten\" width=\"229\" height=\"152\" srcset=\"https:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/voller-briefkasten-300x199.jpg 300w, https:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/voller-briefkasten.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 229px) 100vw, 229px\" \/>Die Wirklichkeit sieht nat\u00fcrlich anders aus, als sich das die Herren &amp; Damen in den Werbeagenturen so vorstellen. Reklame wird doch von der Mehrzahl der Menschen als sehr st\u00f6rend, als Bel\u00e4stigung empfunden. Dies erkennt man z.B. daran, dass neue Festplattenrecorder gleich mit einer Funktion zum automatischen Wegschneiden von Werbebl\u00f6cken versehen sind. Dass Fernsehreklamespots lauter sind als der eigentliche Film, weil die Werbetreibenden wissen, dass die meisten Zuschauer auf Toilette oder in die K\u00fcche gehen, wenn der Konsumterror beginnt. Und von meinen Streifz\u00fcgen mit Flugzettelverteilen wei\u00df ich, dass viele B\u00fcrger sich den Einwurf von Reklameged\u00f6ns mit mehr oder minder deutlichen Aufklebern an ihren Briefk\u00e4sten verbitten (nicht alle so direkt wie ein Anwohner in Hamburg: <strong>\u201eKeine Schei\u00df Reklame!\u201d<\/strong>). Nat\u00fcrlich kann Werbung auch n\u00fctzlich sein, vor allem im kleineren Rahmen, doch auf die gro\u00dfen Image- &amp; Markenkampagnen in Funk &amp; Fernsehen trifft dies sicherlich nicht zu.<\/p>\n<p>Im ersten Teil meiner kleinen \u201eAufkl\u00e4rungsserie\u201c soll es um das gehen, was die Werbeindustrie der <strong>Sprache<\/strong>, dem Sprachempfinden der Menschen antut. Tats\u00e4chlich begann meine eigene kritische Auseinandersetzung mit Reklame und meine schrittweise Losl\u00f6sung aus der Umklammerung der Werbebotschaften (Anfang\/Mitte der 90er) genau mit diesem Ph\u00e4nomen: es machte mich wahnsinnig, die unglaublich dummen, plumpen und nervigen Spr\u00fcche zu h\u00f6ren, dieses mit englischen F\u00fcllworten durchsetze Marketingsprech, das soooo gerne cool und trendy w\u00e4re, aber doch nur erb\u00e4rmlich hohl und leer wirkt. Das f\u00fchrt zu so grausigen Phrasen wie \u201e<strong>Die neue web &#8216;n&#8217; walk Card<\/strong>\u201c oder <strong>\u201eOffice in your Pocket-L\u00f6sung\u201c<\/strong> (beides <a href=\"http:\/\/sprache-werner.info\/TMobile-Werbung.5032.html?shl=1\">T-Mobile<\/a> \u2013 die Telekom mit ihren ganzen Unterspielarten tut sich ja seit jeher besonders bei der Vergewaltigung des allgemeinen Sprachgef\u00fchls hervor), oder zu bl\u00f6dsinnigen Binnenmajuskeln wie beim <strong>InterCityExpress<\/strong> \u2013 ich habe schon damals nicht verstanden, was daran modern oder schick sein solle. U.a. Bastian Sick l\u00e4sst sich in seinen Sprachkritik-B\u00fcchern auch des \u00f6fteren \u00fcber solche Unarten aus. (Zu Recht.)<\/p>\n<p>Genauso hirnrissig war und ist der Trend, unbedingt jede Marke mit einem sog. \u201eClaim\u201c zu versehen, also einem Spruch, der das Unternehmen charakterisieren soll. <strong>\u201eCome in and find out\u201c<\/strong> von Douglas ist ja ein klassischer Fall von Eigentor, weil das kaum jemand verstanden hat. <strong>\u201eGood food, good life\u201c<\/strong> von Nestl\u00e9 fand ich auch so erb\u00e4rmlich d\u00fcrftig, dass ich mich fragte, wieso das den Pappnasen in der Werbeabteilung nicht selbst aufgefallen ist (f\u00fcr diesen Spruch hat das Unternehmen vermutlich auch noch viel Geld bezahlt!). Aber wie ich oben schon schrieb, merkt man in diesen Kreisen offenbar gar nicht mehr, wie \u00fcbel die Ergebnisse der eigenen Hirnst\u00fcrme so sind. Klar entstehen dabei manchmal auch ein paar gelungene kreative Wortsch\u00f6pfungen wie <strong>\u201eunkaputtbar\u201c<\/strong>, aber schon bei den in den allgemeinen Sprachschatz \u00fcbergegangenen Parolen <strong>\u201eGeiz ist geil\u201c<\/strong> oder <strong>\u201eDa werden Sie geholfen\u201c<\/strong> zeigt sich, dass Reklame zwar wirksam sein kann, jedoch keinen besonders positiven Einfluss auf den Menschen hat \u2013 schlie\u00dflich ist es eben nicht \u201ecool\u201c, Geiz (im Sinne von: m\u00f6glichst wenig Geld f\u00fcr irgendeinen Schund auszugeben, ohne R\u00fccksicht darauf, wie diese Preise zustande gekommen sind) als Tugend zu proklamieren, und genauso wenig geil erscheint es mir, falsche Grammatik zu verbreiten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-1972\" title=\"zeit_fr_ne_pizza\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/zeit_fr_ne_pizza-300x225.jpg\" alt=\"zeit_fr_ne_pizza\" width=\"186\" height=\"139\" srcset=\"https:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/zeit_fr_ne_pizza-300x225.jpg 300w, https:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/zeit_fr_ne_pizza.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 186px) 100vw, 186px\" \/>Davon, dass viele Werbespr\u00fcche eine unzul\u00e4ssige Verk\u00fcrzung der Realit\u00e4t darstellen und oft genug eben NICHT den wahren Unternehmensabsichten entsprechen, sondern eher kaschieren, will ich hier gar nicht reden. Sondern nur noch kurz darauf hinweisen, dass die Reklamesprache eine schleichende Entwertung von so manchem Begriff vorantreibt (siehe <a href=\"http:\/\/www.tamagothi.de\/2008\/12\/07\/treue\/\">die Gedanken von Lumi\u00e8res dans la nuit zum Thema \u201eTreue\u201c<\/a>, welche fr\u00fcher eine tiefgehende menschliche Tugend war und heute oft nur noch bedeutet, dass man 3 Mal die gleiche Klopapiermarke kauft), gleichzeitig aber auch durch Vorspiegelung falschen Glanzes sich selbst der L\u00e4cherlichkeit preisgibt, aber damit auch zeigt, dass man den Kunden f\u00fcr sehr naiv und beeinflussbar h\u00e4lt. So wird auch mit viel Aufgeblasenheit und falschem Pathos gearbeitet. Was soll ich von einem profanen Pizzabringdienst halten, der sich <strong>\u201eMundfein \u2013 Pizzawerkstatt\u201c<\/strong> nennt? Ich sehe da richtig vor mir, wie der Besitzer, im verzweifelten Versuch, seinen Laden wie einen originellen, selbstironischen Dienstleister dastehen zu lassen, zu einer geschniegelten Werbeagentur gelaufen ist und sich da ein paar \u00fcberbezahlte Hoschis dachten, dass man hier sch\u00f6n Augenwischerei betreiben kann. Die Absicht einer jeden Reklame ist ja, dass der Betrachter das, was er sieht, die positiven Bilder &amp; Emotionen, die ihm dargebracht werden, 1:1 auf das Unternehmen oder das Produkt \u00fcbertr\u00e4gt. Schade, dass das bei mir schon lange nicht mehr klappt&#8230;<\/p>\n<p>Noch ein paar Artikel zum Thema Sprache\/Werbung:<br \/>\n&gt;&gt; <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/31\/Deutsch-Aufmacher\">Die ZEIT: Die verkaufte Sprache<br \/>\n<\/a>&gt;&gt; <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/it\/artikel\/0,2828,595920,00.html\">Manager Magazin: Debatte \u00fcber Werbesprache \u2013\u00a0 Alles denglisch oder was?<\/a> <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/31\/Deutsch-Aufmacher\"><br \/>\n<\/a>&gt;&gt; <a href=\"http:\/\/www.student.euv-frankfurt-o.de\/~euv-6847\/1.htm\">Uni Frankfurt: Was ist Werbesprache und wie wird sie in der Sprachwissenschaft eingeordnet?<\/a> <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/31\/Deutsch-Aufmacher\"><br \/>\n<\/a><\/p>\n<blockquote><p>Trotz ihrer Bem\u00fchung, spontan und der Alltagssprache nah zu bleiben, ist die Werbesprache <strong>k\u00fcnstlich<\/strong>, sie besitzt <strong>keine Sprechwirklichkeit<\/strong>, sondern ist stets auf eine <strong>bestimmte Wirkung<\/strong> hin gestaltet.<\/p><\/blockquote>\n<p>&gt;&gt; <a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=2044\">Teil 2: Die untrennbare Vermischung von Reklame und Redaktionellem<br \/>\n<\/a>&gt;&gt; <a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=2975\">Teil 2b: Medienmanipulation durch Werbeentzug<\/a><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=2044\"><br \/>\n<\/a>&gt;&gt; <a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=2191\">Teil 3: Ressourcenverschwendung<br \/>\n<\/a>&gt;&gt; <a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=3355\">Teil 4: Die Verschandelung des \u00f6ffentlichen Raums und die Durchkommerzialisierung des Alltags<br \/>\n<\/a><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/8d6b114102424e46bf25b5fb05a0d41e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<h3 class='related_post_title'>Verwandte Beitr\u00e4ge:<\/h3><ul class='related_post'><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=12206\" title=\"Werbung schadet \u2013 Manipulierte Jugendliche (2\/2)\">Werbung schadet \u2013 Manipulierte Jugendliche (2\/2)<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=12188\" title=\"Werbung schadet \u2013 Manipulierte Jugendliche (1\/2)\">Werbung schadet \u2013 Manipulierte Jugendliche (1\/2)<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=10927\" title=\"Jetzt mit Werbung!\">Jetzt mit Werbung!<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=6827\" title=\"Werbung ist Krieg\">Werbung ist Krieg<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=6386\" title=\"Buchbesprechung: Carrie McLaren &#038; Jason Trochinsky \u201eAd Nauseam: A Survivor\u2019s Guide to American Consumer Culture\u201c\">Buchbesprechung: Carrie McLaren &#038; Jason Trochinsky \u201eAd Nauseam: A Survivor\u2019s Guide to American Consumer Culture\u201c<\/a><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner neuen (unregelm\u00e4\u00dfigen), subjektiv gef\u00e4rbten, differenziert-polemischen Artikel-Serie m\u00f6chte ich die verschiedenen sch\u00e4dlichen Facetten von Reklame streiflichtartig beleuchten, um zu verdeutlichen, dass der Kampf gegen die \u00dcberflutung mit Marken und Werbung nicht nur eine Sache der pers\u00f6nlichen Antipathie ist, sondern ein Gebot der Stunde. 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