{"id":1713,"date":"2009-01-03T13:42:47","date_gmt":"2009-01-03T12:42:47","guid":{"rendered":"http:\/\/konsumpf.de\/?p=1713"},"modified":"2010-10-28T21:13:58","modified_gmt":"2010-10-28T19:13:58","slug":"buchbesprechung-neil-boorman-%e2%80%9egood-bye-logo-wie-ich-lernte-ohne-marken-zu-leben%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/konsumpf.de\/?p=1713","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Neil Boorman \u201eGood bye Logo. Wie ich lernte, ohne Marken zu leben\u201c"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1720\" title=\"0000444871\" src=\"http:\/\/konsumpf.de\/wp-content\/uploads\/2008\/12\/0000444871.jpg\" alt=\"0000444871\" width=\"136\" height=\"220\" \/>Dies ist ein bemerkenswertes Buch. Der Verlag preist es launig mit <strong>\u201eEin freches Experiment, das die Konsumgesellschaft radikal in Frage stellt\u201c<\/strong> an \u2013 die Grundidee ist schnell skizziert und klingt eher nach etwas freakiger Unterhaltung als nach einer wirklichen Auseinandersetzung mit unserer Kaufkultur: der britische Lifestyle-Journalist <strong>Neil Boorman<\/strong> versucht, ein ganzes Jahr lang konsequent auf alle Luxus- und Markenprodukte zu verzichten und schildert seine Erfahrungen in einem pers\u00f6nlichen Tagebuch.<\/p>\n<p>Der erste Teil von <strong>\u201eGood bye Logo\u201c<\/strong> best\u00e4tigt diese Vermutung zun\u00e4chst \u2013 Neil Boorman beschreibt sein Leben ausf\u00fchrlich als das eines wirklich Konsums\u00fcchtigen. Er definiert sich und seine Au\u00dfenwirkung vor allem \u00fcber die von ihm gekauften und zur Schau getragenen Marken und geht dabei so weit, auch alle anderen Menschen um ihn herum danach einzuteilen, ob sie die richtigen (Adidas, Apple) oder falschen, da uncoolen Marken (Puma) besitzen. Er arbeitet extrem viel, um sich dann in der knapp bemessenen Freizeit vor allem dem Konsum hinzugeben \u2013 die Samstage verbringt er traditionell mit seiner Freundin in den Shoppingcentern Londons. Bis zu diesem Moment klingen die Ausf\u00fchrungen des Autors zumindest f\u00fcr mich doch etwas arg \u00fcbertrieben, wenn nicht sogar klischee\u00fcberladen, da zumindest ich solche Extremk\u00e4ufer nicht kenne.<\/p>\n<p>Als Boorman jedoch nach der Lekt\u00fcre des ihm die Augen \u00f6ffnenden Werkes<strong> \u201eWays of Seeing\u201c<\/strong> von <strong>John Berger<\/strong> langsam an seinem Lebensstil zu zweifeln beginnt und tats\u00e4chlich eine waschechte Kaufsucht diagnostiziert, wird das Buch pl\u00f6tzlich interessant. Um sich von seiner Sucht zu heilen, beschlie\u00dft der Autor eine kathartische und aufsehenerregende Aktion: das \u00f6ffentliche Verbrennen ALLER seiner Markenprodukte und das darauf folgende Leben ohne all diese Dinge. Er gibt sich 180 Tage Zeit, um sich auf den gro\u00dfen Moment vorzubereiten und begleitet diese Phase der Bestandsaufnahme und Analyse per Internettagebuch. Je n\u00e4her der Termin r\u00fcckt, desto \u00f6fter wird er von Mitb\u00fcrgern f\u00fcr diese Aktion angefeindet, bei vielen ist das Kaufen und Besitzen von Sachen offenbar so tief verwurzelt, dass ihnen Boormans Plan als geradezu ketzerisch erscheint.<\/p>\n<p>Es ist faszinierend mitzuerleben, wie sich Boorman im Laufe des Buches tats\u00e4chlich weiterentwickelt, wie er beginnt, den Fundamenten unserer Konsumgesellschaft auf den Grund zu gehen \u2013 er vertieft sich intensiv in Literatur zu diesem Thema und l\u00e4sst den Leser an seinen Gedankeng\u00e4ngen und Erkenntnissen teilhaben. Die eigentliche Verbrennung seiner Markenhabe wird als gro\u00dfes Ereignis inszeniert, auf das er lange hinfiebert und das von den Medien entsprechend begleitet wird. Fortan findet ein radialer Lebensstilwandel statt \u2013 keine fetischisierten Adidasturnschuhe mehr, sondern preiswerte Treter aus dem Armyshop oder Second-Hand-Laden, kein Fernsehen, statt dessen Lesen, Spazierg\u00e4nge u.\u00e4. Hier wird ihm und uns schnell klar, wie schwierig es mittlerweile geworden ist, der Allgegenwart der gro\u00dfen Konzerne zu entkommen, die sich in allen Lebensbereichen breit gemacht haben. So wird seine Suche nach markenfreien Produkten teilweise zu einer echten Odyssee, selbst im gro\u00dfen London.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber sein Verh\u00e4ltnis zur Werbeindustrie reflektiert Boorman im Laufe der Wochen verst\u00e4rkt und erkennt, mit welch perfiden Methoden die Reklame arbeitet, um bei den Menschen eine latente Unzufriedenheit zu erzeugen und den Kauf von profanen Gegenst\u00e4nden als L\u00f6sung dieser Unterbefriedigung, als pers\u00f6nlichkeitsbildend anzubieten. Vor allem seine \u00dcberlegungen zu diesem wichtigen Themenkreis geh\u00f6ren zu den besonders starken Momenten von \u201eGood bye Logo\u201c, die durch mannigfaltige Zitate und Literaturverweise gest\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>Erschreckend ist auch seine Erkenntnis, dass viele Leute, die beispielsweise Nike-Schuhe kaufen, sehr wohl \u00fcber die schlechten Arbeitsbedingungen, den niedrigen Lohn der Arbeiter(innen) und die extreme Spanne zwischen Endverbraucherpreis und Produktionskosten Bescheid wissen, dennoch aber unvermindert dieser Marke die Treue halten. Nicht nur Boorman beschleichen hier ungute Gef\u00fchle dar\u00fcber, wie tief der Marken- und Konsumfetisch bereits ins allgemeine Bewusstsein eingesickert ist, wie sehr f\u00fcr den modernen Konsumenschen Marken zur Pers\u00f6nlichkeit geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Schwachpunkt des Ansatzes des Autors ist sicherlich, dass er sich bei seinem Konsumverhalten nur auf das Vermeiden von Marken konzentriert und dabei nicht unbedingt auf Nachhaltigkeit etc. achtet \u2013 Bio<em>marken<\/em> sind bei ihm ebenfalls tabu. Dennoch f\u00fchrt sein neuer Lebensstil dazu, dass er sich ges\u00fcnder ern\u00e4hrt, weniger Zeit f\u00fcr Kauf und Pflege irgendwelcher Dinge verschwendet und sein Denken von der Besch\u00e4ftigung mit Coolness und Trendgerechtheit befreit. Der lockere, leicht zu lesende Stil und die von mir geschilderte zunehmende Dichte der Informationen machen das Buch somit zu einem echten Lesegenuss, machen Mut und regen den eigenen Geist an, \u00fcber unser Verh\u00e4ltnis zum Warenfetisch und der verheerenden Wirkung von Werbung nachzudenken. Eine ganz klare Kaufempfehlung! (Interessante Frage: Ist eine Kaufempfehlung f\u00fcr ein Buch \u00fcber Konsumkritik ein Widerspruch in sich? ;-)<\/p>\n<p>&gt;&gt; Boormans Website <a href=\"http:\/\/www.brand-aid.info\/site\/\">Bonfire of the Brands<\/a>, auf der er das Projekt dokumentiert<\/p>\n<p><em>Neil Boorman \u201eGood bye Logo. Wie ich lernte, ohne Marken zu leben\u201c. Econ 2007, 304 S., 16,95 \u20ac \u2013 Neuauflage Januar 2009, Ullstein Taschenbuch, 8,95 \u20ac<br \/>\n<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/7e60dbfcecfe470a8a44960f0dbca82f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<h3 class='related_post_title'>Verwandte Beitr\u00e4ge:<\/h3><ul class='related_post'><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=12582\" title=\"Buchvorstellung: Einfacher leben\">Buchvorstellung: Einfacher leben<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=6386\" title=\"Buchbesprechung: Carrie McLaren &#038; Jason Trochinsky \u201eAd Nauseam: A Survivor\u2019s Guide to American Consumer Culture\u201c\">Buchbesprechung: Carrie McLaren &#038; Jason Trochinsky \u201eAd Nauseam: A Survivor\u2019s Guide to American Consumer Culture\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=14469\" title=\"Affluenza \u2013 das Konsum-Virus \u2013 \u201eDer Markt ist unser Gott\u201c\">Affluenza \u2013 das Konsum-Virus \u2013 \u201eDer Markt ist unser Gott\u201c<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/konsumpf.de\/?p=12397\" title=\"Der verkaufte K\u00e4ufer. 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