Dez
20
2010
3

Christmas Resistance – Wehret dem Weihnachtsmann

Dass Weihnachten seit langem zu einem primär auf Schenken und Konsum ausgerichtetes Fest geworden ist, bei dem es primär darum geht, viel Geld in die Läden zu tragen, um oft nutzlosen Kram zu kaufen und anschließend auf den Gabentisch zu legen, ist ja nun keine neue Erkenntnis – schon Loriot wusste dies in seiner legendären Weihnachtsfolge treffend darzustellen.

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Dez
24
2009
6

Ich kaufe, also bin ich!

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© pitklad, stock.xchng

Statt irgendwelchen Technikplunder sollte man sich heute zu Weihnachten vielleicht lieber mal ein paar Minuten Zeit schenken, in denen man sich z.B. den kurzen Beitrag „Ich kaufe, also bin ich“ (>> mp3) von Deutschlandradio Kultur , einer Rezension des Buches „Leben als Konsum“ von Zygmunt Baumann, anhören kann. Gerade in diesen Tagen und Wochen des Turbokonsums kann es nicht schaden, sich die Auswirkungen des Daurkonsums auf unser Dasein einmal vor Augen, pardon, vor Ohren zu führen. ’nen frohes Fest allerseits, übrigens. :)

Der Soziologe Zygmunt Bauman zeigt in seinem Essay auf, wie sehr der Konsum inzwischen unser aller Leben bestimmt, mehr noch: wie er zum zentralen Moment unserer Gesellschaft geworden ist. Bauman sieht in den Selbstdarstellungsportalen wie Facebook auch den Versuch, sich selbst zum Produkt zu machen.

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Kommentare: 6 | Gesellschaft,Konsumkritik | Schlagwörter: , , , |
Nov
26
2009
20

Buy Nothing Day 2009 + Wildcat General Strike am 28.11.09

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Übermorgen, am 28. November (bzw. am 27. November in den USA) ist es mal wieder soweit – es ist Buy Nothing Day (Kaufnixtag). Seit nunmehr bereits 20 Jahren wird dieser bereits, initiiert von Adbusters, weltweit begangen. Die Grundidee ist eigentlich ganz einfach und einleuchtend: Wenn Ende November/Anfang Dezember die kränkeste Konsumphase des Jahres eingeleitet wird, weil es auf das Fest des Kaufens und Schenkens („Weihnachten“) zu geht, sollen die Menschen wenigstens für einen Tag innehalten und 24 Stunden lang nichts kaufen. Statt den Konsum anzuheizen geht es also darum, sich mit anderen Dingen im Leben zu beschäftigen. So sehr man den BND auch als Aktion mit beschränktem konkreten Nutzen kritisieren kann (vermutlich werden die meisten Leute, die daran teilnehmen, ihre Kaufentscheidungen nur vertagen), so sehr ist doch der symbolische Gehalt des Tages herauszustreichen sowie der grundlegende Gedanke, dass Leute tatsächlich mal über ihr Kaufverhalten, das bei den allermeisten inzwischen vermutlich ein automatisiertes Eigenleben führt, nachdenken.

Dieses Jahr will Adbusters den Buy Nothing Day auf eine neue Stufe heben und ruft gleichzeitig den „Wildcat General Strike“ (wilden Generalstreik) aus – auf der Webseite zu dieser Kampagne hat Adbusters diverse schöne Aktionen und Infos aus der ganzen Welt zusammengetragen, die zeigen, wie kreativ man der Konsummaschine den Mittelfinger zeigen kann. Darunter sind auch einige deutsche Initiativen, wie in Heilbronn (>> „den Konsumwahn boykottieren“ incl. Flashmob, Straßentheater uvm.) oder Leipzig (>> „Kauf Nix Tag 2009“).

Ich erlaube mir mal eben die Übersetzung des Adbusters-Textes:

———————–

Aus diesem Grunde rufen wir an diesem 27. November (28. November in Europa und in Übersee) einen wilden Generalstreik aus. Wir rufen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt auf, die kapitalistische Konsummaschine anzuhalten – wenn auch nur für einen Moment.

Wir wollen, dass Ihr nicht nur für 24 Stunden aufhört, zu kaufen, sondern auch das Licht, den Fernseher und andere unwichtige Geräte abschaltet. Wir möchten, dass Ihr Euer Auto stehen lasst, Eure Telefone und Eure Computer für diesen Tag ausschaltet. Wir rufen zu einem Ramadan-ähnlichen Fasten auf. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang werden wir uns in Massen ausklinken, nicht nur aus dem Feiertagsshopping, sondern von allen anderen Verlockungen unseres „5-Planeten-Lebensstils“. (Anm. PM: hier wird sich darauf bezogen, dass wir, wenn die gesamte enschheit den exzessiven Lebensstil der USA oder Europäer betreiben würde, 5 Planeten bräuchten, um uns mit den nötigen Rohstoffen für unseren Konsumstandard zu versorgen.)

Wage den Schritt:
Du weißt, wie man sagt: jede lange Reise beginnt mit einem einfachen ersten Schritt. Du hast das Gefühl, dass alles auseinanderfällt – die Temperaturen steigen, die Ozeane sind aufgewühlt, die weltweite Wirtschaft ächzt – wieso nicht etwas tun? Mache einen kleinen Schritt nach vorne in eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft. Gehe einen Pakt mit Dir selbst ein: begib dich auf eine Konsum-Diät. Schließ’ deine Kreditkarten und dein Bargeld weg und schalte dich aus dem kapitalistischen Spektakel aus. Du wirst vielleicht merken, dass das schwieriger ist, als du denkst, dass der Impuls, etwas zu kaufen, stärker in dir verankert ist als dir jemals bewusst war. Aber du wirst widerstehen und du wirst bewusster werden – vielleicht erreichst du die „Erleuchtung“, die die Welt verändern kann.

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Okt
28
2009
2

Buchbesprechung: Alexander Meschnig & Mathias Stuhr „Wunschlos unglücklich – Alles über Konsum“

meschnig-wunschlos-unglucklichIn einem konsumkritischen Blog sehe ich es ja fast schon als meine Pflicht an, die – doch recht rar gesäte – deutschsprachige Literatur zum Thema Konsumkritik auch hier vorzustellen. Deshalb ist mit Alexander Meschnigs und Mathias Stuhrs „Wunschlos unglücklich – Alles über Konsum“ nun ein Buch an der Reihe, welches ich vor einiger Zeit per Zufall in einem Berliner Antiquariat entdeckte und dessen konkurrenzlos günstiger Preis von 2 € mich themengerecht zum spontanen Kauf verführte. Zumal die Ankündigung auf dem Buchdeckel bereits sehr vielversprechend klang:

Konsum kann heute alles sein – praktisch jeder Bereich der gesellschaftlichen oder sozialen Realität kann unter diesem Aspekt betrachtet werden. Die Konsumgesellschaft verspricht grenzenloses Glück für alle: Ich kaufe – also bin ich. Meschnig und Stuhr lassen uns hinter die Kulissen der Konsumwelt blicken mit einem Handbuch, das „alles über Konsum weiß“.

Mit solch einem Anspruch liegt die Latte natürlich sehr hoch – und leider musste ich nach der Lektüre auch konstatieren, dass das Buch diese Versprechungen nicht wirklich einhalten kann. Denn obwohl der grundlegende Tenor der beiden Autoren eher konsumkritisch geprägt ist, fallen manche Kapitel und Ausführungen – wohl unter dem vermeintlichen Zwang einer umfassenden und „objektiven“ Darstellung der Facetten der Konsumgesellschaft – seltsam unentschlossen und vage aus.

Doch der Reihe nach. Das Buch ist in zehn Oberkapitel gegliedert, die sich mit den verschiedenen Bereichen beschäftigen, die unsere heutige Konsumgesellschaft maßgeblich bestimmen. In „Politik“ machen die Autoren deutlich, wie sich der Fokus der Zivilgesellschaft vom Bürger hin zum Konsumenten verschoben hat, um den nun alle buhlen. In „Produktion“ werden Veränderungen sowohl in der herkömmlichen Produktionswelt (hin zum Prosumenten, dem Ikea-Kunden, der einen Teil der Möbelherstellung selbst übernimmt) wie auch der Werbewelt beschrieben, die von der Darstellung von Fakten und Informationen weitestgehend abgerückt ist und nun nur noch Erlebniswelten und immaterielle Werte der Marke zu vermitteln versucht.

Der Übergang des Konsumismus hin zu einer Art Ersatzreligion ist aus diesem Grunde auch fließend (siehe auch den Beitrag „Welche Religion kommt nach dem Kapitalismus“) – aus dem Kaufen wird ein Kult, der jeden Tag zu zelebrieren ist und der jeden (der es sich finanziell leisten kann) miteinschließt. Auch diese Klischees, religiöse Anspielungen und Motive, bedient die Reklame mittlerweile direkt oder indirekt.

Konsum ist nichts anderes als der tröstliche Glaube an die Auferstehung aller Dinge. Die Regale im Supermarkt füllen sich ständig neu, stets legt mehr vor unseren Augen, als wir tatsächlich kaufen können. Was ich heute wegnehme, liegt morgen in der gleichen Qualität wieder da. Wie durch ein Wunder ist alles stets auf Neue vorhanden. Unsere wahre Auferstehungskirche ist das Einkaufszentrum und sein Evangelium das Sonderangebot der Woche.

Überhaupt die neuen Götzen: die Marken und Logos, Sie bestimmen Stadtbilder und werden zu eigenen Publikumsattraktionen, wie die „VW-Autostadt“ in Wolfsburg. Und sie sorgen für Identitäten, Zugehörigkeitsgefühl zu Gruppen – dies wird in den Kapiteln „Identitäten“ und „Marken“ näher ausgeführt, in denen auch deutlich gemacht wird, wie tief der Konsum inzwischen unser aller Leben, ob gewollt oder ungewollt, durchzogen hat. Von „Markenterror“ ist hier dann auch folgerichtig die Rede.

Kann bei aller Heimeligkeit des Konsums überhaupt von Terror gesprochen werden? Den Terror üben die Produkte nicht unbedingt auf diejenigen aus, die regelmäßig einkaufen und das so selbstverständlich tun, wie andere Sport treiben oder Haare waschen. Der Markenterror vollzieht sich auf der Ebene der sozialen Teilhabe. Es ist kein physischer Terror in Form von Anschlägen oder Überfällen. Wenn jemandem tagtäglich etwas Begehrtenswertes vor Augen geführt wird, das Objekt der Begierde aber nicht erreicht werden kann, dann beginnt die Unzufriedenheit, der psychische Terror. Eine Mischung aus Angst ud dem Gefühl der Ablehnung macht jede weitere Form des Kontakts mit der Konsumwelt zum Frusterlebnis.

(An dieser Stelle wage ich es doch, den Autoren zu widersprechen – der „Konsumterror“ betrifft nicht nur diejenigen, die sich Dinge nicht leisten können, sondern auch die, die genug Geld haben, ihre Zeit, ihre Energie etc. aber dafür verschwenden/aufwenden, einzukaufen, up to date zu sein, mit der Mode zu gehen etc. Auch hier herrscht permanente Unterbefriedigung, wenn auch aus anderen Gründen.)

In „Unternehmen“ werden einige der großen Marken und Konzerne und ihr Aufstieg in den globalen Kaufolymp vorgestellt – Puma, Ikea oder auch Mattel. Gerade hier fehlte mir beim Lesen zuweilen etwas die kritische Distanz. Die Shopping-Malls und Einkaufstempel sind das Thema von „Räume“ – die großen Einkaufszentren sind mancherorts, vor allem in den USA, ja schon zum Ersatz für ein richtiges soziales Leben geworden, das frühere Stadtzentren abseits des Kaufenmüssens boten. Besonders schrecklich und erschreckend fand ich die Beschreibung von Celebration City, einer Art antiseptischer Kunststadt, die der Disney-Konzern in die Gegend gepflanzt hat und in der eben jene ehemaligen, durch den Konsum zerstörten städtischen öffentlichen Räume nachgebildet werden. Dies nicht etwa wie in Disneyland als Touristenattraktion, sondern als „gated community“ für echte Bürger. In den Worten des ehemaligen Disney-Chefs Michael D. Eisner:

„Ich wäre glücklich in Celebration leben zu können – ich schätze die Freundlichkeit und Sauberkeit, den hohen architektonischen Standard und den unverkennbaren Gemeinschaftsgeist und Stolz, der dort herrscht. Außerdem gefällt es mir, dass man dort an die idealisierenden Familien-Comedies im Fernsehen der fünfziger Jahre erinnert wird, als die Häuser noch Holzzäune hatten und Donna Reed und Jane Wyatt von ihren Veranden aus ihren Kindern, die in Sicherheit zur Schule gehen konnten, zum Abschied zuwinkten.“

Natürlich können sich nur wohlhabende Menschen Plätze in diesem gruseligen Wohnsubstitut leisten…

Noch spannender wird es dann in dem Kapitel „Kulturen“, das aufzeigt, wie die Konsumkultur auch Subkulturen, Widerstand und Gegenbewegungen nach und nach aufsaugt, aussaugt und infiltriert und wie die Medien und die Reklameindustrie aus ehemals im Untergrund schwelenden Entwicklungen neue Megatrends und Hypes generiert, die sich am Ende für die Konzerne in klingender Münze auszahlen. Den „Medien“ ist demzufolge auch ein eigenes Kapitel gewidmet, hier neben der Werbung insbesondere auch Fernsehsendungen, die mit Product Placement und Cross-Selling den Konsum permanent weiter anheizen.

Wirklich groß wird das Buch dann für mein Empfinden im abschließenden Kapitel „Ausblick“, in dem ganz klare und unzweideutige konsumkritische Töne angeschlagen werden, die vor allem auch über das generelle Wirtschafts- und Produktionssystem, da auf dem immer steigen müssenden Konsum basiert, reflektieren und auch durchaus am sog. „politischen Konsum“ (Lohas etc.) als Lösung zweifeln. Ich habe mal beim Verlag eva (Europäische Verlagsanstalt) angefragt, ob ich ein Unterkapitel hier vielleicht im Blog veröffentlichen darf; eine Antwort steht bislang leider noch aus.

Kritischer Verbraucher zu sein bedeutet meist ausschließlich, sich für die Verteidigung eigener Interessen einzusetzen. Ein mündiger Bürger zu sein würde im Gegensatz dazu bedeuten, dass man versuchte, seine vereinzelte Existenz zu überwinden, vom eigenen Leben zu abstrahieren und sich mit anderen zusammenzutun, um Einfluss auf die Politik zu nehmen, Macht zu teilen und gemeinsam auszuüben. Verbraucherkritik allein verbleibt im System des von ihr Kritisierten. (…)

Verbraucherkritik bedeutet in den allermeisten Fällen auch nicht, den Verzicht zu postulieren. Man soll „anders“ konsumieren, aber nicht den Konsum per se verweigern. Der Kampf um die Kaufkraft ist das letzte Tabu, an das niemand zu rühren wagt. Kein Politiker kann ernsthaft den Verzicht predigen, ohne Schaden zu nehmen. Und selbst von alternativer Seite vernehmen wir nur sehr leise Töne, wenn es um private Einschränkungen geht. (…)

(…) Im Konsumentenstaat besteht die Tendenz, jegliches politisches Handeln nur noch im Hinblick auf die eigene Kaufkraft zu messen. Geht sie zurück, muss die politische Führung abgewählt werden. Politik reduziert sich für die meisten Bürger inzwischen auf Fragen des privaten Konsums. Politische Kommunikation wird zu einer Form der Werbung. Genau wie diese muss Politik heute Aufmerksamkeit um jeden Preis erregen. Die Omnipräsenz der Werbung ist dabei symptomatisch für einen umfassenden Erregungszustand der Gesellschaft, der die Aufmerksamkeit zum „Zahlungsmittel“ macht. Es entsteht ein „mentaler Kapitalismus“, der mit den Massenmedien einen eigenen Dienstleistungssektor hervorbringt. (…)

Insgesamt ist das Buch durchaus zu empfehlen, auch wenn es, wie geschrieben, teilweise etwas unklar positioniert ist – für den Anfänger ist es vielleicht zu vielfacettig und damit verwirrend, für den Konsumkritiker manchmal zu austarierend. Dennoch wirft es auf jeden Fall einen gelungenen Blick hinter die Kulissen des Konsumtreibens, das uns alle umgibt und über das „man“ für gewöhnlich nicht weiter nachdenkt.

Alexander Meschnig/Mathias Stuhr: „Wunschlos unglücklich – Alles über Konsum“, eva Europäische Verlagsanstalt 2005, 198 S., 4.90 € (direkt beim Verlag)

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Jul
16
2009
2

Sollte Shoppen patriotische Bürgerpflicht sein? Teil 1/2

discarted_09-einkaufswagenNoch recht zu Beginn des offiziellen Ausbruchs der aktuellen Wirtschafts- und „Finanzkrise“, nämlich im November 2008, als alle Regierungen die Bürger, besser gesagt die Konsumenten dazu aufriefen, ordentlich shoppen zu gehen, um die Wirtschaft mit frischem Geld zu fluten, brachte die BBC einen interessanten Beitrag nebst Diskussion über Sinn und Unsinn solcher Appelle und die Fundamente unserer Konsumgesellschaft – „Should shopping be a patriotic duty?“. Zu Wort kamen u.a. der Konsumkritiker Neil Boorman, aber auch Psychologen und eine Tante, die für ein Hochglanz-Shoppingmagazin schreibt. Die Aussagen letzterer, vor allem ihr reflexartiger Vergleich des Verzichts auf sinnlosen Konsum mit den Zuständen in Kambodscha oder Afghanistan ist ausgesprochen lächerlich bis peinlich, wie ich finde, aber bildet Euch doch einfach selbst eine Meinung – hier meine Übersetzung des Textes:

————————–

Sollte Shoppen patriotische Bürgerpflicht sein?

Politiker und Zentralbanker in England und der ganzen Welt kämpfen darum, Sie dazu zu bringen, mehr Geld für nicht (lebens-)wichtige Dinge auszugeben, so dass der Nachfragemangel die globale Wirtschaft nicht in den freien Fall führt.

Aber sogar in diesen momentanen harten Zeiten gibt es abweichende Stimmen, die diese Gelegenheit dazu nutzen wollen, den Konsumismus ein für alle Mal zu Fall zu bringen. Sie sagen, dass unsere Liebe zu Dingen, die wir oft gar nicht wirklich brauchen und uns nicht leisten können das ist, was uns mit in diese Bredouille geführt hat. Einkaufen ist zu unserem Gott geworden und muss entthront werden, sagen sie.

Am anderen Ende des Spektrums gibt es Leute, die Shopping verteidigen – als etwas, das uns aufmuntert, wenn wir bedrückt sind, als eine soziale Aktivität, als ein Ausduck von Freiheit und als das „Laster“, das uns retten könnte.

DER ANTI-KONSUMISMUS-AKTIVIST

Neil Boorman, Autor von „Good-bye Logo“, ein Tagebuch seiner Ablehnung eines Lebensstils, der von Markengütern dominiert wird, hat einen Kurzfilm („The Good Consumer“) gedreht, um den Buy Nothing Day zu unterstützen, einen jährlich stattfindenden Protest gegen Konsumismus.

„Es gibt Millionen von Auswahlmöglichkeiten für uns Konsumenten. Aber die eine Wahl, die wir vergessen zu haben scheinen, ist die Entscheidung, nicht zu kaufen“, sagt Boorman, der glaubt, dass es „ökonomische Gotteslästerung“ geworden ist, nicht shoppen zu gehen.

„Das Konsumentenvertrauen, so sagt uns die Regierung, ist lebenswichtig für die Erholung der Wirtschaft. Ein Sprung zu dem Ein-Tages-Sonderverkauf bei Marks & Spencer ist DAS sozial verantwortliche Verhalten, so wie der Kauf von Staatsanleihen im Krieg.“

Boorman glaubt, dass wir ein absolutes Recht darauf haben, zu sparen statt auszugeben. Schließlich haben wir hart gearbeitet, das Geld zu verdienen.

„Ich möchte klarstellen, was Ökonomen mit dem Ausdruck ‚Konsumentenvertrauen‘ meinen – es ist die Bereitschaft der Öffentlichkeit, Geld für Luxusgüter auszugeben – insbesondere für Produkte, die wir nicht benötigen.“

Und während Konsumenten 1.5 Billionen £ an persönlichen Schulden aufgehäuft haben, haben sie wenig an Gegenwert dafür erhalten, legt er dar.

„Der Wert eines neuen Autos halbiert sich in dem Moment, wo wir den Händler verlassen, die meisten technischen Spielereien sind veraltet oder gehen kaputt, sobald die Garantie ausläuft, und Kleidung ist praktisch wertlos, sobald man sie getragen hat. Diese Luxusgüter sind alle sehr aufregend, wenn wir sie aus den Geschäften nach Hause tragen, aber als Investments sind sie schlechtere Wetten als Woolworth-Aktien. Im Grunde werden wir über den Tisch gezogen.“

Boorman möchte, dass wir alle Urlaub vom Shoppen machen an diesem internationalen Buy Nothing Day („Kaufnix-Tag“ in Dtl.).

„Stellen Sie sich vor, dass wir alle ein nachhaltiges Bekenntnis ablegen, weniger zu konsumieren – wir könnten Kreditkartenschulden begleichen, sogar weniger Zeit auf der Arbeit verbringen. Vor die Wahl gestellt: ein neues Auto oder eine 4-Tages-Arbeitswoche, wüsste ich, wofür ich mich entscheide. Als Anti-Konsumismus-Aktivist werde ich oft als unverantwortlich gebrandmarkt, wenn ich Menschen dazu ermuntere, mit dem Kaufen aufzuhören. Aber die Regierung ist erheblich rücksichtsloser, wenn sie uns dazu ermuntert, uns aus der Krise durch Shoppen zu befreien.“

Übertriebener Konsum ist außerdem die Wurzel für Umweltzerstörung, sagt Neil Boorman.

„Wenn es jemals einen geeigneten Zeitpunkt gegeben hat, unsere Abhängigkeit vom Konsumismus zu überdenken, wenn die wirtschaftlichen Regeln neu geschrieben werden, dann ist er jetzt gekommen. Und wir sollten uns daran erinnern, dass wir früher einen ‚Buy Nothing Day‘ in jeder Woche des Jahres genossen. Er hieß Sonntag.“

DER (DIE) SHOPPING-GURU

Lucia van der Post gründete das Financial Times Hochglanzmagazin How To Spend It (Wie man es ausgibt) vor mehr als einem Jahrzehnt. In einem zukünftigen Heft wird eine Verteidigung des Shoppens von ihr abgedruckt werden. Als inzwischen Selbständige hat sie Menschen seit den 1970ern beraten, wie sie ihr Geld mit Spaß ausgeben können.

„Ich habe niemals über Dinge geschrieben, von denen ich dachte, sie wären lediglich sinnloser Luxus“, sagt sie. „Und ich war niemals jemand, der Menschen davon überzeugen wollte, Geld auszugeben, das sie nicht hatten. Macawber hat Recht. Es ist erbärmlich, Schulden zu machen.“

Aber die Tatsache bleibt, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft die Leute in der Lage sein sollten, ihr Geld, das sie verdient und versteuert haben auszugeben wofür sie möchten.

„Spaß ist grundlegend für alle von uns – so grundlegend wie Essen und Wasser“, merkt sie an.

„Ich bin grundsätzlich libertär. Ich werde es mir nie eine Jacht leisten können, aber ich mag es in einer Welt zu leben, in der einige Leute Jachten besitzen. Wollen wir in einer Welt leben, in der niemand weiß, wie man eine Jacht baut oder eine edle Uhr?“

Großbritannien ist ein Land, das einen erheblichen Anteil an Menschen aufweist, die die Nase rümpfen in Bezug auf die Vorstellung, Nicht-Wesentliches einzukaufen und große Summen an Geld dafür auszugeben.

„Prestigekäufe / Geltungskonsum? Das ist, wenn der andere mehr ausgibt als du.“ Aber während das Kaufen von nicht-lebensnotwendigen Gütern als frivole Aktivität gesehen werden kann, gibt es dennoch das Argument, dass es uns mit den Plätzen/Orten verbindet, an denen wir sind.

„Wenn Sie in ein Land wie Indien fahren und dort nicht shoppen gehen, lassen sie sich nicht auf die örtliche Kultur ein“, sagt van der Post.

Und für einige kann Einkaufen auch als Ausdruck von Freiheit in einer kapitalistischen liberalen Demokratie angesehen werden.

„Der Weg der selbstauferlegten Sparsamkeit und nur Dinge zu kaufen, die wir wirklich benötigen, führt zu den Verhältnissen in Kambodscha unter Pol Pot, Afghanistan unter den Taliban oder China unter Mao“, beschließt sie.

——–

Kurzer Einschub von mir: diese letzte Aussage ist, wie ich oben schon erwähnte, unfassbar ignorant, dreist und auch dämlich. Wenn die Leute keinen überflüssigen Konsum betreiben (freiwillig, wohlgemerkt!), dann entspricht das dem Leben in einer blutigen Diktatur, in der Andersdenkende verfolgt und getötet werden? Wie kann jemand einen derartigen Bullshit ablassen? Mal abgesehen von der auch sehr diskutablen Aussage, dass man unbedingt (überflüssigen Kram) einkaufen gehen muss, um an der örtlichen Kultur teilzuhaben. Mit den Äußerungen hat sich die Dame eigentlich selbst disqualifiziert, wie ich finde, aber was soll man von einer Autorin erwarten, die solch ein Magazin für „Luxus, Lebensart und Lifestyle“ gegründet hat… So, Wutmodus aus, weiter geht es dann morgen mit Teil 2 des Artikels.

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Jul
02
2009
5

Der Quelle-Katalog muss leben!

Nichts ist in unserer Gesellschaft so wichtig, wie der Erhalt von Arbeitsplätzen (so sinn- & nutzlos sie auch sein mögen) sowie die Möglichkeit, ungebremst kaufen kaufen kaufen zu können. Klar, dass es sich die Politik im Wahljahr 2009 da nicht nehmen lässt, das marode Versandhausunternehmen Quelle mit Steuergeldern aus der Patsche zu helfen. Rein rechnerisch wird jede Seite des nun doch erscheinenden neuen Quelle-Katalogs mit 36.000 € subventioniert – selten war ein Druckwerk so kostbar. Von der Ressourcenverschwendung durch den Druck so eines Trumms will ich gar nicht erst anfangen. Das Magazin quer auf Bayern 3 im Bayerischen Fernsehen brachte dann letzte Woche auch einen entsprechend satirisch-kritischen Beitrag  „Warum der Quelle-Katalog nicht sterben darf“ sowie die Fotostrecke „Ein Hoch auf den Quelle-Katalog“:

Das Versandhaus Quelle braucht dringend einen Kredit vom Staat, damit es seinen überlebenswichtigen Winterkatalog drucken kann. Eine Bürgschaft über 20 Millionen Euro aus bayerischen Steuergeldern wurde bereits schnell und unbürokratisch zugesagt. Auch wenn Kritiker die Rettungsaktion als kurzsichtige Geldvernichtung anprangern, findet quer: Recht so! Deutschland hat dem Quelle-Katalog so viel zu verdanken, da lohnt jeder Cent.

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