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Deutschland rückt wieder nach rechts

Man möge mir diesen Ausflug ins politische Altagsgeschehen verzeihen, aber ich muss das Folgende einfach mal loswerden. Während der ganzen unseligen Debatte über Thilo Sarrazins sozialdarwinistische und rassistische Thesen habe ich mich immer gefragt, ob es wohl etwas noch Abstoßenderes gibt als diesen Mann und sein arrogant-bräsiges Auftreten. Als ich neulich im Report Mainz den Bericht „Wie islamfeindlich sind die Deutschen?“ sah, wusste ich, dass es sehr wohl schlimmer geht – denn noch bedenklicher, erschreckender und ekliger als die Thesen selbst ist letztlich, wie sehr dieser Mann nun gefeiert und von ganz normalen, vermeintlich gebildeten Menschen beklatscht und fast schon als Messias umjubelt wird – getreu dem BILD-Motto „Endlich traut sich mal jemand, die Wahrheit zu sagen“. Schaut Euch den Beitrag mal an, dann wisst Ihr, was ich meine. Vorsicht, Kotzgefahr!

Kritiker von Sarrazin werden bei einer Veranstaltung des Münchener Literaturhauses vor gut bürgerlichem Publikum niedergebuht und ausgepfiffen. Der Berliner Bezirksstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Jan Stöß (SPD), berichtet von Übergriffen auf Muslime. Die Sozialarbeiterin Amal Samhat wird von einem deutschen Ehepaar übel beschimpft.
Der Wissenschaftler Oliver Decker von der Universität Leipzig schildert exklusiv seine neuesten Untersuchungsergebnisse zu islamfeindlichen Einstellungen in der Mitte unserer Gesellschaft: Die haben enorm zugenommen. Und auch die von REPORT MAINZ in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage kommt zu besorgniserregenden Ergebnissen: 37 Prozent der Befragten finden ein Deutschland ohne Islam besser.

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Lesetipps: „Die Diktatur des Lebenslaufs“ / „Welch hoffnungsloses Menschenbild!“ / Feuchte Luft und Hundekot können Strom liefern

© siwlian, stock-xchng

Die Debatte um Sarrazins Buch und Thesen neigt sich ja nun hoffentlich bald dem Ende zu, auf dass die nächste Sau durch’s mediale Dorf getrieben werden kann. Dennoch möchte ich noch kurz auf den wirklich lesenswerten Artikel des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel in der ZEIT hinweisen – „Welch hoffnungsloses Menschenbild!“. Ruhig und sachlich zeigt er die Perfidie in Sarrazins Gedankengängen auf, ohne gar zu sehr mit der Rassismuskeule zu wedeln. Ich denke, nach der Lektüre dieses Texts sollte man das Sarrazinsche Werk nicht mehr als Grundlage für irgendwelche Debatten heranziehen, es hat sich selbst als vorgestrig disqualifiziert.

(…) Eines steht fest: Man kann Thilo Sarrazin jedenfalls nicht vorwerfen, er würde nicht klar und deutlich schreiben, was er denkt und was er will. Sein Buch ist nicht mehr und nicht weniger als die Rechtfertigungsschrift für eine Politik, die zwischen (sozioökonomisch) wertvollem und weniger wertvollem Leben unterscheidet. Er greift dabei zurück auf bevölkerungspolitische Theorien, die Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grundlage für die schrecklichsten Verirrungen politischer Bewegungen wurden. Staatliche Entscheidungen über gewünschtes und unerwünschtes Leben führten in Schweden – unter Anleitung von Sozialdemokraten (!) – zu 60.000 Sterilisationen. Und auch in Deutschland war es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowohl in bürgerlichen wie in sozialdemokratischen Kreisen durchaus populär, für eine vom Staat getroffene Unterscheidung zwischen gewünschter und unerwünschter Fortpflanzung einzutreten. Am katastrophalen Ende bemächtigten sich die Nationalsozialisten der Eugenik. Andere hatten ihnen dafür den Boden bereitet, und Wissenschaftler lieferten die perversen Begründungen für die Auslöschung »unwerten« Lebens. (…)

(…) Das gleiche gilt für ihn auch für den Länderfinanzausgleich zwischen dem Süden und dem Norden Deutschlands, weil » die in Schwaben lebenden Menschen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten haben als jene in der Uckermark (…)«. (S. 24) Nicht die Deindustriealisierung des Nordostens nach der Wiedervereinigung ist also schuld am hohen Anteil von Hartz-IV-Empfängern, sondern die genetisch bedingt weniger tüchtige Bevölkerung (vgl. S. 77). Wer denen im Norden oder im Nordosten Geld gibt, der schmeißt für Thilo Sarrazin nur Geld zum Fenster heraus, denn Geld macht nicht klüger. Es führt nur dazu, dass die Dummen weiter unter sich bleiben können. Aber eigentlich ist das Ganze noch viel schlimmer, denn selbst die Abwanderung aus dem Norden in den Süden ist kein Ausweg: Wenn sich nämlich die Norddeutschen mit den Süddeutschen durch Abwanderung und Heirat vermischen, sinkt die durchschnittliche Intelligenz der Süddeutschen. Wohlgemerkt: Dieser absurde Unsinn stammt nicht aus einer Aschermittwochsrede in Bayern, sondern aus dem medial wie kein zweites Buch gehypten angeblichen »Integrations«-Bestseller Thilo Sarrazins. (…)

Ja, wie gesagt, es lohnt sich, den gesamten Artikel zu lesen. Wie auch – Themenwechsel – „Die Diktatur des Lebenslaufes“ in der taz. Hatten Kinder und Jugendliche früher noch vergleichsweise viel Zeit und Raum, um sich zu entfalten, um etwas auszuprobieren und Neigungen zu testen, so steht heutzutage das ganze Leben unter dem Damoklesschwert der Karriere, die man möglichst schon in der Grundschule anpeilt und dann konsequent und zielstrebig in so kurzer Zeit wie möglich nach der Uni erreicht. Diese Durchökonomisierung und diesen Einfluss der Effizienz auf das eigene Leben habe ich hier im Blog ja schon einige Male sehr kritisch gesehen.

(…) Fred Grimm ist ein Experte für das Lebensgefühl junger Generationen. Für sein Buch „Wir wollen eine andere Welt“ hat der Autor in Briefen und Tagebüchern junger Menschen seit 1900 recherchiert. Die Lage der aktuellen Jugend analysiert Grimm klar: „Es gab bessere Zeiten, jung zu sein“. Während der eine Teil der Jugend unter der „Diktatur des Lebenslaufes“ leide, lebe der andere im Bewusstsein, in der Gesellschaft überflüssig zu sein.

Ähnlich sehen das diejenigen, die mit den Auswirkungen eines karriere-orientierten Bildungssystems direkt konfrontiert sind. Der rheinland-pfälzische Schülervertreter Philipp Bodewing bemängelt die Ganztags-Gängelung junger Menschen in den Schulen. Immer früher müssten junge Menschen immer größere Unterrichtsmengen verarbeiten, strikt nach Lehrplan. Raum zur eigenen Entfaltung bleibe da kaum. (…)

Interessantes gibt es aus der Forschung zu berichten – trotz der unsinnigen Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke hierzulande („unsinnig“ natürlich nur für die Bürger, nicht für die Konzerne) wird auf immer neue Weisen versucht, Energie aus alternativen Stoffen zu gewinnen. Pressetext.de führte unlängst zwei ungewöhnliche Varianten an – „Feuchte Luft kann Strom liefern“ und „Hundekot beleuchtet einen Park“. Es lohnt sich also anscheinend, auch in ungewöhnliche Richtungen zu denken. Ob aus den Experimenten jemals etas wirklicb Verwertbares entspringt, steht natürlich in den Sternen.

Zur Debatte rund um den Wachstumszwang unserer Wirtschaft, den auch die Politiker einhellig am Laufen halten, gibt es einen weiteren gelungenen Beitrag, diesmal von Cornelius Patscha auf changeX – „Auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Wachstumsdilemma“. Ich hatte ja vor einigen Tagen bereits auf den neuesten Artikel von Niko Paech hingewiesen (HIER), der allerdings eine noch etwas konsequentere/radikalere Sicht auf das Problem hat.

(…) Doch Wohlstand allein am Umfang des materiellen Besitzes ausmachen zu wollen, würde zu kurz greifen. Das Wohlergehen des Einzelnen ist entscheidend. Seit mehr als einem Jahrhundert wird die Mehrung von Wohlstand jedoch vor allem in einer Mehrung des materiellen Konsums gesehen. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steht im Fokus wirtschaftlicher und vieler politischer Aktivitäten. Der Ökonom E. F. Schumacher, der als früher Prophet der Nachhaltigkeit gilt und die Wendung “small is beautiful” geprägt hat, machte auf die Tendenz aufmerksam, dass im Streben nach wirtschaftlicher Expansion die eigentlichen Ziele in Vergessenheit geraten und die eingesetzten Mittel ihren Platz einnehmen können. Das Wohlergehen des Einzelnen läuft Gefahr, weniger Beachtung zu finden, wenn die Sicherstellung der wirtschaftlichen Expansion vom Mittel zum Ziel wird. (…)

(…) Wenn im Jahr 2050 rund neun Milliarden Menschen nach Nahrung, Kleidung und einem Dach über dem Kopf verlangen, und darüber hinaus noch nach einem Auto, einer Villa und einem Pool, stoßen auch lobenswerte und notwendige Ideen für geschlossene Stoffkreisläufe, wie zum Beispiel Cradle to Cradle, an ihre Grenzen. Solch eine Weltwirtschaft wäre um ein Vielfaches größer als unsere heutige. Die Kosten für Umwelt und Gesellschaft wären es vermutlich auch. Dennoch fahren wir mit voller Kraft darauf zu. (…)

(…) Ob wir uns in Zukunft weiterhin daran messen, wer sich die meisten, neuesten, teuersten Güter leisten kann oder wessen Lebensstil Umwelt und Ressourcen am besten schont, das entscheidet jeder für sich. Doch auch wenn sich unsere Lebensweise deutlich ändern wird, geht es beileibe nicht darum, wieder in Höhlen zu hausen. Es wird weiter konsumiert werden, nur anders und weniger. (…)

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Helden des Alltags: Keine BILD-„Zeitung“ in Ottensen

Ich hatte mir geschworen, mich an dem ganzen Rummel um die Äußerungen und das Buch Thilo Sarrazins hier im Blog nicht zu beteiligen, zumal der Herr mit seinen Thesen seine eigenen Behauptungen, dass Deutschland immer dümmer werde, beeindruckend beweist. (Man muss dabei auch konstatieren, dass Sarrazin manches anspricht, was eine Reihe von Bürgern im Land ebenfalls so empfindet – und dieses Unbehagen, das manche Menschen beim Thema Integration, „Multikulti“ etc. überkommt, hat Herr S. natürlich nicht eigens erfunden, sondern nur (von latent rassistischen Untertönen begleitet) verbalisiert und erneut auf die Tagesordnung gesetzt. So funktioniert Demagogie… Ein Thema aufgreifen, das vielen unter den Nägeln brennt und dieses dann mit radikalen Thesen verknüpfen. Eine sinnvolle und konstruktive Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Problemen bei der Integration sieht anders aus.)

Nun, da aber so ziemlich alle Medien auf das Thema auf- und angesprungen sind und die BILD-„Zeitung“ abstoßende rechtspopulistische Kampagnen auffährt, wird eines klar: die Verdummung der Deutschen (und aller anderen Menschen) droht nicht von etwaiger „Überfremdung“ o.ä. Schimären, sondern durch besagte Medien selbst. Wer die BILD, Focus, Gala oder die Bunte liest, RTL, Pro7 & Co. schaut, wird ganz bestimmt zumindest nicht klüger, das ist offensichtlich. Gerade die verlogene Empörung „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist, wie Martin Blumentritt in „Die PC-Lüge“ es schon vor vielen Jahren ausgeführt hat, nichts anderes, als ein plumper Versuch, jede noch so verquere Aussage vor jeglicher Kritik zu immunisieren:

(…) Man ist das ewige “man darf heute ja nicht sagen”, das jede ausländerfeindliche, antisemitische, nationalistische oder faschistische Rede einleitet, schon längst satt, so oft hat man das gehört. Daher ist die Formulierung durch die Abwehr einer angeblichen Gefahr von “political correctness” ersetzt worden. Die Funktion ist die gleiche geblieben. Man will etwas sagen, was vorab das schlechte Gewissen beunruhigt und antezipiert die Kritik, die zwangsläufig der Ungehörigkeit der Äusserung folgen muß.
Die Abwehr von PC fällt auf den Autoren zurück, sie kündigt nur die Unverschämtheiten an, die dann folgen werden. Wer etwas zu sagen hat, das nicht rechtens auf Empörung jeden anständigen Menschen stoßen wird, der kommt nicht auf die Idee seine Rede mit “man darf das ja heute nicht sagen” oder “es entspricht nicht der PC”, was ich sagen will einzuleiten.
Wenn ein Text damit beginnt gegen PC zu wettern muß man ihn nicht mehr zuendelesen, um zu wissen, daß Verstöße gegen die Menschenwürde und Volksverhetzung folgen werden.
Die Abwehr von PC soll genau das Erreichen, was man einer angeblichen Durchsetzung von PC unterstellt, sie soll die eigenen in der Regel unakzeptable rassistischen, nationalistischen oder antisemitische Auffassungen gegen Kritik immunisieren, sie ist also Projektion. (…)

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