Jun
20
2010
2

Lesetipps: Die Macht der Konsumentinnen und Konsumenten, auf dem Fahrrad quer durch Europa und die Lobby-Republik

Was kann es Schöneres an solch einem grauen Sonntag geben, als ein wenig erhellende Lektüre im Netz zu lesen? Ich hätte da heute wieder was im Angebot… Die Heinrich Böll-Stiftung widmet sich in einer aktuellen Studie dem spannenden Thema Ökologische Marktwirtschaft – „Grüner Lifestyle – die Macht der Konsumentinnen und Konsumenten“. Dabei werden sowohl die befürwortenden Seiten der LOHAS- und ähnlicher Bewegungen betrachtet wie auch kritische Stimmen zur Konsumzentrierung als Lösung vieler Probleme:

[...] Die Werbung lenkt die Konsumenten von ihrem Wertekanon ab

Die hippe heile Welt der Werbung hat sich zwischen uns und unsere Waren geschoben, und angesichts des gigantischen Etats der Werbung, der wir uns kaum entziehen können, wäre es naiv, ihren Einfluss zu leugnen. Rund 29 Milliarden Euro  geben Unternehmen allein in Deutschland dafür aus, dass Verbraucher  ihre Produkte so sehen, wie sie sie den Verbraucher zeigen möchten. Diese 29 Milliarden Euro haben lange gewirkt: Sie haben erreicht, dass die Verbraucher gar nicht auf die Idee kommen, sich zu fragen, auf welche Weise die Waren hergestellt werden, von wem und unter welchen Umständen. Dass diese nicht realisieren, dass diese Umstände etwas mit jedem Einzelnen zu tun haben könnten, dass jeder und jede  mit seinen Einkäufen diese Umstände bestimmen. Dass allgemein geglaubt wird, günstig sei gut und Geiz sei geil. Das ging über viele Jahre so – bis die Berichte über die skandalösen Zustände in pakistanischen Sweatshops plötzlich zu einem großen Medienthema wurden. [...]

[...] Hunderte von Umwelt- und Verbraucherorganisationen arbeiten an der Aufklärung der mündigen Käufer, und im Internet vernetzen sich kritische Konsumenten zu Ratgebergemeinschaften: www.karmakonsum.de, www.lohas.de, www.utopia.de. Über die Internetseite www.campact.de schicken sie Protestmails an Politiker, etwa gegen die Zulassung von GVO-Pflanzen in Deutschland, und beim Einkaufen nutzen sie die Online-Datenbank www.barcoo.de, die zum gescannten Strichcode eines Produkten Informationen zur Nachhaltigkeit liefert (über 700 000 Downloads). Andere verabreden sich zu Carrot Mobs, zu politisch motivierten Großeinkäufen, die den ökologisch oder sozial vorbildlichen Läden Geld für weitere Öko-Investitionen bringen sollen. Die Biobranche und der faire Handel boomen trotz Krise, und Konsumenten, die keine Bio-Lebensmittel kaufen, beginnen ungefragt, sich dafür zu rechtfertigen. Kurz: Der politische Konsum ist vom Thema einer engagierten Randgruppe in die breite Öffentlichkeit gelangt. [...]

[...] Abwälzung von Verantwortung und Greenwashing

Aber es gibt auch Kritik an dieser Bewegung: Klaus Werner etwa, der Co-Autor von Schwarzbuch Markenfirmen, sieht darin eine „Privatisierung der Verantwortung“. Tatsächlich besteht diese Gefahr: Je engagierter die Konsumenten ihre Verantwortung wahrnehmen, desto einfacher ist es für Politik und Wirtschaft, alle Verantwortung komplett abzuwälzen. So findet sich zum Beispiel in den „Kernforderungen Verbraucherpolitik“ der CDU vom Juli 2008 dieser Satz: „Die CDU setzt auf selbst bestimmte Verbraucher und lehnt Verbraucherbevormundung ab.“ Dahinter verbirgt sich die Ablehnung von gesetzlich verbindlichen Standards und besseren Informationsrechten. Die aber wären unerlässlich, um den Konsumenten die Wahrnehmung ihrer Verantwortung zu erleichtern. Ebenso wird die Haltung der Lohas kritisiert: Ihr Konsum von teuren öko-fairen Luxusartikeln diene lediglich der  Abgrenzung und Selbstbestätigung und münde nicht in politisches Handeln (so etwa Kathrin Hartmann in Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt). [...]

Apropos Konsumkritik – vor einigen Tagen machte mich Blogleser und ERASMUS-Austauschstudent Moritz auf ein eigenes Projekt aufmerksam, das ich hier doch auch gerne erwähnen möchte – zusammen mit einem Freund wird er im Juli die 3000 km von Pamplona in Spanien nach Hamburg mit dem Fahrrad zurücklegen, also CO2-neutral. Nachzulesen sind die Details der Tour auf seinem Blog. Sein Ansatz dabei:

Was wir in Deutschland immer sperrig umschreiben, eine Abkehr des Konsumismus, wird hier in Spanien als “de-crecimiento” bezeichnet, “Ent-Wachstum”. In einem solchen Sinne versuche ich, nicht das Flugticket zu konsumieren, um möglichst schnell wieder einem normalem Leben nachzugehen, sondern den Reichtum der Orte und Begegnungen zu nutzen, der zwischen den Stationen meines Lebens liegt. “Langsames” Reisen per Fahrrad als ressourcenschonende und reichhaltige Fortbewegung.

Marco Bülow schaut in seinem Artikel „Die Lobby-Republik“ in der Reihe Denkanstöße (Solidarische Moderne) ein wenig hinter die Abgründe, von denen viele Bürger oft gar nichts ahnen: wie tief Wirtschaft und Politik verstrickt sind und wie weit Lobbyismus politisches Handeln bestimmt (die Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers durch die schwarz-gelbe Chaosregierung ist ein besonders deutlich hervorstechendes aktuelles Beispiel dafür). Den kompletten Text gibt es als pdf zum Download.

In seinem Beitrag gibt Marco Bülow zunächst einen sehr persönlichen Einblick in den parlamentarischen Alltag des Deutschen Bundestages. Am Beispiel des CCS-Gesetzgebungsverfahrens beschreibt er wie finanzkräftige und gut orga-nisierte Interessengruppen aus der Wirtschaft die Gesetzgebung zu ihren Gunsten beeinflussen. Er zeigt auf wie sich angesichts einer Vielzahl mächtiger Einzelinteressen das Parlament in Gesetzgebungsprozessen zunehmend selbst entmachtet. Darauf aufbauend werden sieben Forderungen entwickelt, die den Lobbyismus neu regeln und den Parlamentarismus wieder demokratischer machen sollen.

  • Share/Bookmark
Drucken Drucken
Apr
18
2010
4

Blick durchs Netz: Der Materialismus zerstört Russland und Autos keine Statussymbole mehr

luxZwei interessante Artikel wurden mir in den letzten Tagen von Lesern empfohlen, die ich Euch auf jeden Fall auch darreichen möchte. Zum einen ein Bericht im Schweizer Tagesanzeiger über die gesellschaftliche Entwicklung Russlands, in der der Konsumismus nun offenbar besonders schlimme Blüten zu treiben beginnt – „Alles haben, ohne irgendwas zu tun“:

Der Materialismus zerstört Russlands Wesen. Einfacher Wohlstand ist nicht mehr erstrebenswert, alle wollen den märchenhaften, irrealen Reichtum wie Oligarchen und Popstars. (…)

(…) Die letzte Idee, die wir nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vom Westen übernommen haben, ist die Konsum-«Philosophie», die den materiellen Wohlstand zu einem unumstösslichen Wert des Seins erklärt. Auf russischen Boden gelangt, wurde diese Idee sofort zum Idol, verwandelte sich vom eigentlich normalen menschlichen Wunsch nach einem Leben in Komfort in einen Kult des Geldes, des Reichtums und des schnellen Profits.

Für die meisten Menschen im heutigen Russland bemisst sich der Sinn des Lebens in Dollar. Im Westen, scheint mir, ist die Konsumgesellschaft aus der protestantischen Ethik der Arbeit hervorgegangen, wo Verdienst und Arbeit in unmittelbarem Bezug zueinander stehen. In Russland dagegen traf die Ideologie des materiellen Wohlstands auf die in der Sowjetgesellschaft entstandene Abneigung gegen jegliche Arbeit, ja, deren Verachtung. (…)

Und dann fand sich noch dieser Informationssplitter beim MDR – eine Entwicklung, die zumindest etwas erfreulicher ist, da das Protzen mit riesigen Autos offenbar bei der Jugend nicht mehr so angesagt ist (trotzdem wird der eigene Wert der Persönlichkeit immer noch mit nach außen vorzeigbaren Besitztümern bemessen) – „Multimedia ist neues Statussymbol“:

(…) Demnach hat die junge Generation keine emotionale Bindung mehr an das Statussymbol Auto. Für sie ist es nur noch ein Verkehrsmittel. (…)

Laut der Wirtschaftswoche sind Laptop, Smart- oder iphone einfach hipper als polierte Karossen. Möglicherweise wird dieser Trend durch immer bessere Nahverkehrsnetze unterstützt.

  • Share/Bookmark
Drucken Drucken
Dez
24
2009
6

Ich kaufe, also bin ich!

685272_bad_santa

© pitklad, stock.xchng

Statt irgendwelchen Technikplunder sollte man sich heute zu Weihnachten vielleicht lieber mal ein paar Minuten Zeit schenken, in denen man sich z.B. den kurzen Beitrag „Ich kaufe, also bin ich“ (>> mp3) von Deutschlandradio Kultur , einer Rezension des Buches „Leben als Konsum“ von Zygmunt Baumann, anhören kann. Gerade in diesen Tagen und Wochen des Turbokonsums kann es nicht schaden, sich die Auswirkungen des Daurkonsums auf unser Dasein einmal vor Augen, pardon, vor Ohren zu führen. ‘nen frohes Fest allerseits, übrigens. :)

Der Soziologe Zygmunt Bauman zeigt in seinem Essay auf, wie sehr der Konsum inzwischen unser aller Leben bestimmt, mehr noch: wie er zum zentralen Moment unserer Gesellschaft geworden ist. Bauman sieht in den Selbstdarstellungsportalen wie Facebook auch den Versuch, sich selbst zum Produkt zu machen.

  • Share/Bookmark
Drucken Drucken
Kommentare: 6 | Gesellschaft, Konsumkritik | Schlagwörter:, , , |
Okt
11
2009
2

Welcome to the Rat Race!

Diesen schönen “Cartoon”, den ein Blogleser gestern in seinem Kommentar verlinkte, möchte ich Euch doch auch nicht vorenthalten (zu finden auf Loleg.com, im Original auf Polyp.co.uk):

polyp_cartoon_rat_race

Der hier gefällt mir auch sehr gut, ebenfalls aus der Rubrik „Consumerism“:

polyp_cartoon_enough

  • Share/Bookmark
Drucken Drucken
Kommentare: 2 | Grundlegendes, Humor, Konsumkritik | Schlagwörter:, , |
Apr
22
2009
3

Weise Worte (7)

Dieselben Mechanismen, die zum Rauschmittelmissbrauch führen können, sind auch bei einer anderen Variante der Abhängigkeit im Spiel, die ich hier „Konsumismus“ nennen möchte. Kaufen ist zunächst angenehm, ist es doch so schön, ein neues Auto zu haben, eine neue Waschmaschine oder neue Kleidung. Ähnlich wie Drogen führt auch Kaufen schnell und leicht zu einem angenehmen Gefühl, weshalb manche Menschen vom Kaufen genau so abhängig sind wie andere von Drogen: Sie veranstalten wahre „Konsumorgien“ und empfinden einen „Schmacht“ nach Konsum wie der Alkoholiker nach Alkohol. Was für den Alkoholiker der Kater am nächsten Morgen ist, ist für den Konsum-Abhängigen die finanzielle Pleite, die seinen Exzessen regelmäßig folgt. So wird er zum Sklaven in einem Teufelskreis von Konsum und Bankrott.

Unglücklicherweise bedient sich die Wirtschaft unserer Lustlosigkeit. Rauschmittelgebrauch und Konsumismus werden durch die Massenmedien angeheizt und viele Menschen verdienen gerade daran, dass eine lustlose Bevölkerung ihr Geld für Drogen und Konsumartikel ohne echten Gebrauchswert ausgibt. Denken wir nur an das Jammer- und Protestgeschrei unserer Tabakbauern bei einer drohender Senkung des Zigarettenkonsums und uns wird schnell deutlich, in welchem Maße die Wirtschaft unseres Landes von der Lustlosigkeit der Bevölkerung abhängt. Das ist ein Teufelskreis! Millionen wahnsinniger „Konsumisten“ hasten mit Wohnmobilen, Geländewagen und geländegängigen Motorrädern unzählige Meilen durch unser Land, zerstören die Landschaft, vergeuden Energie, verpesten die Luft und suchen den Gefühlskitzel, den sie viel eher finden könnten, wenn sie anhielten und ihr Selbst mit sich und ihrer Umwelt kommunizieren ließen.

Das Wirtschaftswachstum, auf das wir Amerikaner so stolz sind, beruht auf einer Wahnsinnsspirale von Verdienen, Ausgeben, Produzieren, Verkaufen und Energie verbrauchen, die uns in jeder Hinsicht unserer eigenen Grundlagen beraubt. Wir sitzen mitten auf der Schutthalde unseres Bruttosozialproduktes und lechzen nach süßen Düften, sauberer Luft, Freiraum, Sonnenschein und „gutem Leben“.

Claude Steiner, „Wie man Lebenspläne verändert“, 1998

  • Share/Bookmark
Drucken Drucken

Konsumpf 2008 - Powered by WordPress | Aeros Theme | TheBuckmaker.com WordPress Themes