Jul
25
2011
3

Wall Street besetzen

Das Adbusters Magazine, selbsternanntes „Culture Jammer’s Headquarter”, macht nicht nur mit seiner Zeitschrift und dem Begründer Kalle Lasn von sich reden, sondern auch regelmäßig mit Aufrufen zu recht spektakulären konsumkritischen (Buy Nothing Day) oder sogar revolutionären (Week of Carnivalesque Rebellion) Aktionen. Immer getragen von einem sehr skeptischen Blick auf unsere Kommerz- und Reklamegesellschaft, auf unsere mediale Spektakelgesellschaft, auf unser oft sehr zerstörerisches und auf Wachstum fixiertes Wirtschaftssystem.

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Feb
23
2011
2

Meme Warfare – der Guerrillakrieg der Informationsgesellschaft (1/2)

© vassiliki, stock.xchng

Vor ca. drei Jahren stieß ich zum ersten Mal auf die Theorie des „Meme Warfare“, des „Kriegs der Gedankengene“ – Kalle Lasn, der Gründer der kanadischen Zeitschrift Adbusters beschrieb in seinem Buch „Culture Jamming“ plastisch, wie man mit den richtigen Ideen und Glaubenssätzen Veränderungen in den Köpfen der Menschen und damit in der Gesellschaft bewirken kann. Wem dies ein zunächst zu esoterisch anmutender Gedanke ist, der sei darauf verwiesen, dass wir seit jeher von „Meme Warfare“ umgeben und beeinflusst werden – Religionen, Politik, Ideologien arbeiten im großen Stil auf dieser Basis, und auch heutzutage sieht man dies an vielen Beispielen, allen voran der Gehirnwäsche per excellence, der Reklame. Warum wohl geben die Konzerne Abermilliarden aus, um ihre Botschaften Tag und Nacht ins Bewusstsein der Menschen zu transportieren? Weshalb stellt sich eine Bundesarbeitsministerin werbewirksam vor ein eigens für diesen Auftritt angefertigtes Plakat, auf dem „unter 3 Mio. Arbeitslose“ steht, wohlwissend, dass die Realität anders aussieht? Warum gibt es auf Infokrieger- und „Wahrheits“-Websites mantrahaft wiederholte Slogans von „Klimaschwindel“ und „New World Order“? Wieso jubelt die BILD einen Politiker oder Hetzautoren permanent hoch und bringt tendenziöse Interviews mit ihm, während gleichzeitig andere Leute einseitig abgewertet werden? All dies sind Prozesse, um die Meinungen von Menschen Stück für Stück in eine gewünschte Richtung zu bewegen – was an und für sich natürlich erst einmal völlig wertneutral ist.

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Apr
21
2010
1

Adbusting: Der Axt-Faktor

gord-2298549953_0e01fbb676Heute nur ein kurzer Lesetipp, auf den ich aufmerksam gemacht wurde – das einestages-Magazin auf Spiegel Online hat sich in dieser Woche dem Phänomen des Adbusting, also des Verfremden von Reklame mit dem Ziel, die hinter der schillernden Werbefassade liegende Aussage deutlich oder auf die Abgründe der Konzerne aufmerksam zu machen, gewidmet: „Der Axt-Faktor“. In dem Artikel gibt Danny Kringiel einen Überblick über die Geschichte dieser Widerstandsaktionen gegen den Kommerz sowie die Entwicklung der letzten Jahre und die Versuche der Vereinnahmung durch die Reklameindustrie selbst. Besonders schön ist die Bildergalerie mit gelungenen Adbust-Beispielen. Wollen wir mal hoffen, dass Adbusting weiterhin subversiv und gegen die Durchkommerzialisierung des Lebens gerichtet bleibt und nicht zum bloßen Spaß oder zum Kunstgag verkommt (was der Autor gegen Ende seines Textes befürchtet)…

Ecstasy von McDonald’s, Charles Manson als Jeansmodel: Seit den siebziger Jahren bekämpfen sogenannte Adbuster mit satirisch verfremdeten Werbeplakaten die Konsumkultur. einestages erzählt, wie aus der Reklame-Guerilla eine Massenbewegung wider Willen wurde (…)

In Sydney gründete 1980 eine Schar australischer Sprayer die Organisation B.U.G.A U.P, Billboard Utilising Graffitists Against Unhealthy Promotions, also: Reklametafeln verwendende Graffitikünstler gegen ungesunde Werbung. Frustriert über die nachsichtige Haltung der australischen Regierung gegenüber der Tabak- und Alkoholindustrie richteten sie ihre Angriffe ausschließlich gegen Zigaretten- und Alkoholwerbung. B.U.G.A U.P kooperierte sogar mit einer Bürgerinitiative, die sich für ein Verbot von Tabak- und Alkoholwerbung stark machte. Die gesundheitsbewussten Sprayer trafen den Nerv der Zeit.

Schnell schlossen sich Hunderte von Studenten, Lehrern, Kindergärtnern, Designern, Ärzten, zum Teil ganze Familien der Gruppe an. Anders als die Billboard Liberation Front war dies keine Gruppierung abenteuerlustiger Freigeister, sondern eine Art Bürgerrechtsbewegung aus allen Schichten der Bevölkerung. Überall in und um Sydney fand man plötzlich auf Zigaretten- und Bierwerbungen Kommentare wie “Viel Spaß mit dem Krebs!” oder “Die letzte Nachricht an deine Leber”. Allein 1983 betrug der durch B.U.G.A U.P verursachte Schaden eine Million Dollar. Als die australische Regierung schließlich 1994 ein Verbot gegen Tabak-Plakatwerbung erließ, hatte B.U.G.A U.P den Beweis angetreten, dass sich die Welt durch Adbusting tatsächlich ändern lässt. (…)

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Jun
22
2009
33

Buchbesprechung: Kalle Lasn „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung“

„Werbung ist das am weitesten verbreitete und stärkste aller mentalen Umweltgifte.“
– Kalle Lasn, „Culture Jamming“

cover_culturejamming_groEine Rezension für dieses Buch zu schreiben fällt mir nicht ganz leicht. Normalerweise regen einen gute Bücher ja zum Nachdenken an, vielleicht sogar mal zum UMdenken in dem einen oder anderen Detail. Dass ein Buch jedoch einen so großen „Impact“ hat, dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, es hätte mein Leben verändert, ist extrem selten. Kalle Lasns „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung“ ist solch ein Buch. Schon seit Jahren trieb mich ein wachsendes Unbehagen über die Entwicklung um mich herum um, was die zunehmende Ausbreitung von Reklame und Kommerz angeht, ohne dass ich genau den Finger auf diese schwelende Wunde legen konnte. Aber nach nur wenigen Seiten Lektüre von „Culture Jamming“ wurde mir bewusst, dass hier jemand genau die Gedanken zu Ende gedacht hatte, die mich so lange bedrängten und (oft unbewusst) beschäftigten – meine Abscheu gegenüber der immer aufdringlicheren Dummbräsigkeit von Werbung übler Firmen, mein wachsender Unmut gegenüber den nur noch auf kommerziell verwertbare „Events“ ausgelegten Medien – der „Welt des Spektakels“ –, mein Unwohlsein angesichts der voranschreitenden Uniformität der (Waren-)Welt, all dies thematisiert Lasn in seinem bahnbrechenden Buch scharfsinnig und pointiert, fundiert und unterhaltsam.

„Culture Jamming“ ist in vier Bereiche aufgeteilt, die nach den Jahreszeiten Herbst Winter, Frühling und Sommer benannt sind und in der entsprechenden Logik auch den Zustand unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems beschreiben. Zu Beginn umreißt Lasn den Ist-Zustand („eine Bilanz des Schadens“, wie er schreibt), der in einer alle Lebensbereiche durchziehenden Kommerzialisierung besteht, in einer wachsenden Macht von immer größer werdenden Unternehmen und einer siechenden Natur. „Winter“ ist eine noch zugespitztere Darstellung – „Amerika in einer Konsumtrance“. Lasn verwendet America™ nur noch mit dem Trademarksymbol, um zu zeigen, dass die Konzerne es sind, die das Geschick des Landes leiten und dass der amerikanische „way of life“ wie ein (sehr erfolgreiches) Produkt den Globus überzieht und überall den gleichen Schaden beim Menschen wie der Umwelt anrichtet.

Ist also alles schon zu spät? Nein, in „Frühling“ erwachen die Menschen allmählich wieder zum Leben – es regt sich Widerstand. Ausgehend von den Situationisten in den 60er Jahren in Frankreich, die eine der geistigen Grundlagen für Culture Jamming und Adbusting gelegt haben (kleine Erklärung dieser Begriffe hier), zeigt Lasn, dass es schon immer Widerstand gegen die Vereinnahmung des Lebens durch die Wirtschaft gegeben hat, vor allem in der Kunst- und Musikszene. In den letzten Jahren und Jahrzehnten entsteht aber auch Widerstand konkret gegen Kampagnen und Reklame, Menschen fangen an, die „bequemen und abstumpfenden Muster zu durchbrechen, denen wir verfallen sind“. Im Culture Jamming geht es laut Lasn darum, „den Strom des Spektakels so lange anzuhalten, bis man sein System neu eingestellt hat. Debord nannte das ‚die alte Syntax durchbrechen‘ und durch eine neue ersetzen.“ Tatsächlich hörte ich in diesem Buch zum ersten mal von solch konkretem und teils „organisiertem“ Widerstand gegen die Ansinnen der Konzerne und der Reklame und war selbst von dieser Vorstellung sofort elektrisiert. Im weiteren Verlauf des Buches stellt Lasn dann das Adbusting, also das Karikieren, Ins-Gegenteil-Verkehren von Anzeigen und Werbespots vor und zeigt, dass sich hier eine vitale „Szene“ entwickelt hat.

„Sommer“ ist schließlich der Aufruf, selbst aktiv zu werden, etwas zu unternehmen und mit Änderungen auch im eigenen kleinen Bereich zu beginnen – und zu versuchen, auch andere Menschen „zu wecken“. Kalle Lasn spricht sich dafür aus, die Wut, die viele Menschen angesichts der momentanen Situation befällt, zu nutzen, um sich zu wehren und die Macht der Konzerne anzugreifen. Er regt zu Akten des zivilen Ungehorsams an und dazu, sich von Firmen nicht alles bieten zu lassen (bei ungebetenen Werbeanrufen soll man beispielsweise das Gegenüber um seine private Telefonnummer bitten, man werde dann später zurückrufen). Es geht ihm auch darum, vieles von dem, was uns die Reklameindustrie als „cool“ einzureden versucht, nicht mehr als „cool“ dastehen zu lassen – Dinge wie Fastfood oder überteuerte, unter üblen Bedingungen hergestellte Sportschuhe von Nike sind nicht „cool“, sondern schädlich und peinlich. Von daher verfolgt der Autor durchaus auch ein idealistisches Ziel, nämlich, das Bewusstsein der Leute für diese Missstände zu wecken und sie so zu einer Verhaltensänderungen anzuregen.

kalle-lasn-adbusters_rsDas größte Plus von Lasns Buch ist für mein Empfinden der latent anarchische und vor allem proaktive Ansatz – hier wird also nicht nur abgehoben in theoretischen Sphären über Phänomene diskutiert, sondern es findet eine unmittelbare Aktivierung des Lesers statt – zumindest war dies bei mir der Fall. Sofort hat man Lust, mal sein Einkaufsverhalten zu überdenken und den ganzen überflüssigen und meist auch noch ungesunden Quatsch der großen Konzerne von seinem Einkaufszettel zu streichen. Oder Reklame so weit wie möglich aus dem eigenen Leben zu verbannen. Den Fernsehkonsum zu reduzieren, insbesondere den privater Sendeanstalten (deren Programm eh nur eine Dauerwerbesendung mit kurzen Anmoderationen darstellt). Rauszugehen und die Kommerzbotschaften der Firmen lächerlich zu machen. Widerstand zu leisten gegen die scheinbar unaufhaltsame Kommerzialisierung des gesamten Lebens. Oder auch einen Blog wie diesen hier ins Leben zu rufen. :-) Es gäbe noch viel mehr zu diesem Werk zu sagen, aber ich empfehle einfach, es mal selbst zu lesen, um den Kopf ein wenig frei zu bekommen, und sich auch mal die Website des kanadischen, von Lasn herausgegebenen Adbusters Magazine anzuschauen.

Fazit: „Culture Jamming“ ist ein wichtiges Buch, das jeder, der am aktuellen (Konsum-)Leben teilnimmt, gelesen haben sollte. Es schärft den Blick und motiviert zum selbstständigen, kritischen Denken, hilft bei der Befreiung von Konzernverkleisterung via Werbung und Imagekampagnen – und es animiert zum Aktivwerden und Widerstand leisten und macht Mut. Was will man mehr?

Kalle Lasn: „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung“, orange press, 3. Aufl. 2008, 224 S. + 16 Farbseiten, 20,– €

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Apr
29
2009
4

Jamming the ad culture

Die Adbusters- und Culture Jamming-„Gemeinde“ gewinnt in den letzten Jahren wieder vermehrt an Schwung und Schlagkraft, und natürlich freue ich mich immer, wenn in den Medien – seien es nun die Totholzmedien, Fernsehen (dort findet Kommerzkritik sehr selten statt!) oder das Internet – das Thema Werbekritik und Widerstand gegen die Reklamewucht auftaucht. So fand ich auf einer amerikanischen Website namens Ship of Fools („The Magazine for Christian Unrest“, hm, interessant, in welchen Ecken man sich mit dem Thema auch so befasst; ist mal ein neuer Blickwinkel in meinem Blog) neulich diesen – ursprünglich aus dem Jahre 2001 stammenden – prima Artikel Jamming the ad culture. Es geht um Kalle Lasn, das Adbusters Magazin und eben den Kampf gegen Werbung – und ich möchte Euch den Text heute übersetzt präsentieren.

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jammingculture

Blockieren der Werbekultur

Werbetreibende haben lange Zeit ihr Publikum als bloße Konsumenten angesehen, als passive Empfänger ihrer Botschaften und Produkte. Aber die Konsumenten beginnen, zurückzuschlagen. Susan Roberts berichtet über Culture Jammer, die Werbebotschaften unterwandern.

Shopping ist die neue Religion. Vergessen Sie Pilgerfahrten nach Canterbury: denken Sie eher an Reebok und Ralph Loren. Wir verbannen das Leid nicht mit Gebeten, sondern mit einer kleinen Einkaufstherapie.

An einem durchschnittlichen Tag sehen wir tausende von Marken und Logos, ob wir es wollen oder nicht. Sie sind die neuen Ikonen unserer Gesellschaft und sie infiltrieren jede Ecke des Lebens, vom Arbeitsplatz und Schulen bis hin zum eigenen Zuhause und dem Urlaub. Sie versammeln Menschen so wie das Kreuz die Kreuzritter hinter sich versammelt hat. Sie zielen darauf ab, Treue und ein Gefolge zu erzeugen.

Nach neuesten Studien sind manche Marken inzwischen glaubwürdiger als Politiker und Kirchenführer. Marketing funktioniert. Menschen fühlen sich stärker und besser, wenn sie ein Label wie ein Amulett gegen das Böse tragen. Sie fühlen, dass sie dazugehören, dass sie hineinpassen. Sie definieren sich selbst mit Hilfe von Logos.

Aber es entsteht eine Rebellion, eine kleine Rebellion, aber eine, die dennoch Zuversicht hat. Einige Konsumenten beginnen, zu protestieren. Sie lehnen die Art und Weise ab, wie Werbung so viel öffentlichen Raum besetzt – in Straßen, an den Häuserwänden, auf Bussen und Taxen. Sie sind wütend darüber, wie Werbung zufällig (ungerichtet) unser Bewusstsein bedrängt. Es ist an der Zeit, diesen Wahnsinn zu stoppen, sagen sie.

Ihre Akte von stillem Protest – die in Amerika stark zunehmen – kennt man als Culture Jamming. Culture Jammer parodieren Anzeigen und kidnappen Plakatwände, um deren Botschaften umzukehren. Sie zielen darauf ab, Leute dazu zu animieren, über die tiefere Wahrheit hinter den Marketingkampagnen nachzudenken.

Absolut Vodka

Adbusters, ein alle zwei Monate erscheinendes Magazin, das in Vancouver herausgegeben wird, ist eine der Schaltzentralen der Bewegung. Es wurde 1989 von dem in Estland geborenen Kalle Lasn gegründet, der es als „aalglatt/subversiv“ beschreibt. Von fern scheint es sich um eine glänzende und visuell fesselnde Kunstzeitschrift zu handeln. Doch sobald Sie es aufblättern, entdecken sie etwas ganz anderes.

Adbusters ist ein revolutionäres Werkzeug, die Bibel des Gegenschlags gegen Konsum und weltweites Marketing. Es parodiert große Anzeigenkampagnen, analysiert kulturelle und kommerzielle Trends und berichtet über das Verhalten von Konzernen. Es beabsichtigt, die „Kultur-Gifte“ zurückzudrängen, jene Kräfte des Kommerzialismus, die der Adbusters-Meinung nach die Gesellschaft verformen. Es möchte die Art, wie wir denken, ändern.

„Unser Ziel ist es, die existierenden Machtstrukturen zu kippen und ein grundlegendes Umdenken darüber, wie wir im 21. Jahrhundert leben, anzuregen“, besagt ihr Leitspruch. „Wir glauben, dass Culture Jamming für unsere Zeit das wird, was der Kampf für Bürgerrechte für die 60er, was der Feminismus für die 70er und der Kampf für die Umwelt für die 80er war.“

Die professionell gestalteten Adbusters „Spoof Ads“ sind genauso einprägsam wie die Originale, die sie lächerlich machen. Joe Camel, Zigarettenraucher, wird zu Joe Chemo, der in einem Sarg liegt. Ein Pferd grast auf einem schneebedeckten Friedhof in Marlboro Country. Das bekannte Bild einer Wodkaflasche welkt über dem Slogan „Absolute Impotenz“.

Adbusters initiiert auch Kampagnen. Am „Buy Nothing Day“ (Kauf Nichts-Tag), am Tag nach Thanksgiving, werden die Leute dazu aufgerufen, eine Pause von ihrer Shopping-Ekstase einzulegen und über die Tatsache nachzudenken, dass 20 Prozent der Weltbevölkerung 80 Prozent der natürlichen Ressourcen verbrauchen. Unser überzogenes Konsumniveau tötet den Planeten: „Finde Freude an deiner Macht als Konsument, um das ökonomische Umfeld zu ändern.“

adbusters_flagDie letzte Kampagne war ein „Corporate America Flag Jam“. Am 4. Juli, dem amerikanischen Independence Day, lieferte Adbusters einen, wie sie es nannten, symbolischen Ungehorsam, indem es eine alternative Version der Stars-and-Stripes-Fahne erstellte, eine „Brands-and-Bands“, eine Amerika-Flagge, bei der die Sterne durch eine Reihe von Konzernlogos ersetzt wurden. Es war, wie sie sagten, ein Symbol für all das, was falsch läuft in den USA.

„Das Amerika der Konzerne schwelgt in einem Goldenen Zeitalter. Eine schrumpfende Zahl der größten Unternehmen der Welt – AOL Time Warner, Shell, Nike, Microsoft, McDonald’s – stellen das Geld hinter den Präsidenten, die Macht, die weltweite Handelsregeln bestimmt, die Stimme der Autorität darüber, wie wir leben und wie wir denken.“

Fünfhundert dieser speziellen Adbusters-Fahnen wurden von Protestierenden in der ganzen USA geschwenkt, über Brücken gehängt und vor großen Handelsketten wie Wal Mart sowie dem Weißen Haus präsentiert. Einige zogen Menschenmengen an, andere waren nur ein Ein-Mann-Protest. Die Aussage wurde klar und kraftvoll rübergebracht, sagt Adbusters-Herausgeber Kalle Lasn.„Der Hauptgrund für den großen Erfolg der Fahne war, dass sich Amerika mehr als jedes andere Land auf der Welt davon entfernt hat, eine radikale Demokratie zu sein, in der die Menschen entscheiden, was passieren wird“, sagt er. „Es hat sich einem Konzernstaat angenähert.“

Kalle Lasn glaubt, dass Amerika die ursprüngliche Vision der Gründerväter leider aus den Augen verloren hat. Er sagt, dass die Zeit gekommen ist, auf die ursprüngliche Bedeutung der Revolution des Landes zurückzublicken, der Wunsch nach einer wirklichen Demokratie, nach Freiheit und Gerechtigkeit für alle. Es ist an der Zeit, die Macht der großen Unternehmen in Frage zu stellen. „Bürger sind zu Konsumenten geworden und Kultur zur Konsumkultur“, sagt er. „Produkte und Kommerz sind die dominierenden Werte geworden.“

Lasn sagt, dass derzeit 40.000 Menschen im Adbusters E-Mail-Netzwerk sind und Neuigkeiten über Aktivitäten und Kampagnen erhalten. Ca. 10.000 Leute besuchen jeden Tag die Website. Die Verkaufszahlen des Magazins steigen stetig. Die Auflage von 100.000 – 2/3 davon in den U.S.A. – steigt mit jeder Ausgabe um 4.000–5.000. (Anm. P.M.: Inzwischen sind, laut Adbusters-Website, knapp 83.000 Leute auf dem E-Mailverteiler.)

Eindeutig gewinnen die Adbusters-Aktivitäten an Schwung, aber einige Kritiker fragen sich, ob ihre Arbeit überhaupt einen echten Einfluss hat. In vielerlei Hinsicht ist es immer noch eine „Insider“-Zeitschrift. Es mangele ihr an Massenappeal. Aber die wachsende Zahl von Abonnenten und Aktivisten sprechen eine andere Sprache – und die Bewegung wächst. In England sammelt das Subvertise-Projekt Werbeparodien und Fotos von Plakatwänden, die mit Anti-Werbe-Graffitti verändert wurden.

Weltweit hat Culture Jamming einen gewissen Einfluss. Nike, als offensichtliche Antwort auf die Vorwürfe, dass es in ihren Fabriken in den Entwicklungsländern auf Kinderarbeit zurückgreife, brachte unlängst ihre eigene „gejammte“ Reklame in Australia heraus: „Die anstößigsten Stiefel, die jemals gemacht wurden. 100 Prozent Sklavenarbeit.“ Nike hat begonnen, sich den öffentlichen Zynismus zunutze zu machen, erklärt Adbusters.

Andere Adbusters-Kritiker – und nicht nur die in den großen Unternehmen – sind einfach der Meinung, dass Shopping Spaß macht. Ihnen macht es nichts aus, manipuliert zu werden. Sie sind der Meinung, dass sie ihre Entscheidungen vollkommen unter Kontrolle haben. „Das grundlegende Problem mit Adbusters ist, dass es festlegen möchte, wie Glück/Zufriedenheit aussehen soll und welche Dinge eine Bedeutung haben und welche nicht“, so ein Leserbrief in einer aktuellen Ausgabe. „Eine der Stützen der Freiheit in den USA ist das Recht des ‚eigenen Wegs zum Glück‘. Bedenken Sie, dass die Definition von ‚Glück‘ nicht von Ihnen gepachtet ist, denn, nun, das bedeutet Freiheit.“

Aber die Zeitschrift hat hohe Ideale und Lasn glaubt, dass sie zu einem wachsenden weltweiten Unwohlsein passt, einem Gefühl, dass die Dinge einfach nicht richtig laufen.

Er spricht von einer dringenden Notwendigkeit, anzuhalten und einen Raum für andere Formen des Denkens und des Daseins zu bewahren. Er plädiert für eine Welt ohne kommerzielles Inferno, eine geschützte Zone. Er fürchtet, dass es eine reale Gefahr darstellt, dass die Macht des Konzermarketings uns diese nehmen kann. Er fühlt auch, dass wir ohne diesen mentalen Freiraum uns selbst nicht wirklich werden finden können.

Seneca sagte vor 2.000 Jahren ziemlich genau das gleiche: „Prüfe alles, das um dich herum liegt, als wäre es Gepäck in einem Gästezimmer; Du musst weiterreisen“, schrieb er. „Die Natur macht dich bei deiner Abreise genauso nackt/bloß wie bei deiner Ankunft.“

Bücher:

Culture Jam von Kalle Lasn, Herausgeber des Adbusters Magazins (auf deutsch: „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung”). Lasn bietet einen Leitfaden, das derzeitige Denken zu verändern um den kommerziellen Mediahype zu vermeiden, geformt durch Markennamen, Stars und leeren Glanz, der unsere moderne Kultur ausmacht.
No Logo No Logo von Naomi Klein. Klein zeigt, wie allgegenwärtig Marken geworden sind, nicht nur in den Medien und auf den Straßen, aber zunehmend auch in Schulen. No Logo ist eine verständliche Bestandsaufnahme, was die globale Wirtschaft bewirkt hat und welche Aktionen stattfinden, um dem entgegenzuwirken.

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Jan
20
2009
2

Was ist eigentlich Culture Jamming? Und was soll Adbusting?

Angesichts der Tatsache, dass ich in meinem Konsumpf-Blog schon des Öfteren von Culture Jamming und Adbusting geschrieben, diese Begriffe aber noch gar nicht explizit gewürdigt habe, möchte ich mich an einer kleinen persönlichen Definition dieser beiden Begriffe/Konzepte versuchen.

1abtvDer Ausdruck „Culture Jamming“ stammt ursprünglich aus den 80er Jahren und wurde erstmalig von der (sozialkritischen) amerikanischen Band Negativland verwendet. Einen größeren Bekanntheitsgrad erreichte CJ, als Kalle Lasn in Kanada das Adbusters Magazine als „Culturejammer’s Headquarters“ gründete und das Buch „Culture Jamming“ veröffentlichte, in welchem er die neue Bewegung in Bezug zu den französischen Situationisten um Guy Debord („Die Gesellschaft des Spektakels“) setzt. Einige Jahr vor diesem Buch 1993 brachte Mark Dery in seinem Artikel „Culture Jamming: Hacking, slashing and sniping in the empire of signs” den Begriff einem größeren Publikum dar.

Culture Jamming, das bedeutet direkt übersetzt das Blockieren, Stören, Verkleben der Kultur. Wobei unter Kultur hier insbesondere die Zustände verstanden werden, die unser Leben der Durchökonomisierung und Kommerzialisierung zuführen, d.h. alles rund um das Hamsterrad aus permanenten Produzieren und Konsumieren. Culture Jamming ist somit natürlich immer auch Konsumkritik. Aber Culture Jamming geht darüber und über bloßen „nachhaltigen“ oder „politischen“ Konsum hinaus und beinhaltet, was nur folgerichtig ist, auch einen sehr kritischen Blick darauf, welche Inhalte und Weltbilder uns in den Medien rund um die Uhr vermittelt werden. Das Augenmerk ist zudem auf die demokratische Entwicklung gerichtet, die durch Marktmachtkonzentration (u.a. im Mediensektor) bedrängt und gefährdet wird. Das heißt, Fernsehkritik ist ebenfalls elementarer Bestandteil des CJ, da die Berieselung mit den bunten Bildern die Menschen sediert und zu passiven Empfangssubjekten von inszenierten Spektakeln degradiert. Und Culture Jamming ist nicht zuletzt ganz klar Werbekritik. Sowohl an einzelnen Kampagnen, die ein krankes Menschenbild vermitteln oder schädliche Produkte schönfärben, sprich: den Betrachter hinters Licht führen und zum Konsum animieren wollen. Wie auch an der grundsätzlichen Beeinflussung der Bürger=Konsumenten durch die Reklameindustrie, Stichwort „Mindfuck“.

Culture Jammer wollen mit ihrem Tun also letzten Endes erreichen, dass aus stumpfen, willigen Konsumenten wieder (oder erstmalig) wache Bürger werden, dass Menschen beginnen, das zu hinterfragen, womit sie tagein, tagaus bombardiert werden, dass sie ihr eigenes Hirn einschalten und sich auch gegen die stetig voranschreitende Usurpierung des gesamten (öffentlichen) Lebens durch den Kommerz zur Wehr setzen. Gleichzeitig soll die Macht der Konzerne, die in immer mehr Lebensbereiche hereinragt, gestoppt und gebrochen werden. Runter von der passiven Fernsehcouch, Schluss mit dem resignierten Schulterzucken und statt dessen selbst aktiv werden, so lautet das Motto.

marlboro-countryEine Methode, dies zu erreichen, ist das sog. Adbusting. Hier werden Produktanzeigen kreativ verändert, entstellt und die Werbebotschaften teils in ihr Gegenteil verkehrt, um das, was hinter der schillernden bunten Werbefassade steckt, zum Vorschein zu bringen. Mit den Mitteln der Parodie und Ironie wird der stete Strom der systemformenden und -bestätigenden Symbole und Aussagen unterbrochen und mit neuen Inhalten gefüllt, die in der Regel näher dran an den tatsächlichen Hintergründen der materiellen Gesellschaft sind (sog. „SpoofAds“). Ziel ist es also, den Betrachter zu verwirren, aus den gewohnten Bahnen zu schubsen, sein Sehen zu deautomatisieren und dazu zu bringen, kritischer an das heranzugehen, was ihm die Dödel aus den Marketingabteilungen weismachen wollen. Hierin steckt ein gewaltiges subversives Potential, u.a. da den Rezipienten solcher Adbustingaktionen oft nicht bekannt ist, von wem diese stammen und worin die genaue Absicht der Verwirrung besteht. Wie bei einer Guerilla-Bewegung wird gerne aus dem Hintergrund agiert und agitiert.

absoluteonice-previewSehr gut beschriebene, nachvollziehbare Einführungen in das Phänomen Culture Jamming/Adbusting bieten auch diese beiden Artikel, die ich Euch besonders ans Herz legen möchte:

  • Marc Alexander Holtz. „Mindfuck nach Till Eulenspiegel“ (einmal in der Version auf seinem persönlichen Blog, und dann in einer überarbeiteten Fassung auf Info-Parkour). Als vernünftig gesetztes, fehlerbereinigtes pdf könnt Ihr Euch den Artikel HIER herunterladen. Und als mp3-Podcast (gesprochen von Henriette Carla Schrader & Marc Alexander Holtz) HIER.

Werbegegner nehmen sich das Recht auf Werbung zu antworten. Die Idee ist es, Konsumenten zu der Erkenntnis zu verhelfen, dass er wenig bis gar nichts darüber weiß, was „wirklich“ ist. Es geht um die generelle Sensibilisierung des eigenen Geistes, um richtige von falschen, wichtige von unwichtigen Informationen unterscheiden zu können.

  • Christoph Behnke. „Culture Jamming und Reklametechnik“ (europäisches institut für progressive kulturpolitik). Eine eher mit gewissem wissenschaftlichen Anspruch geschriebene Abhandlung, in der es auch um Erfolgsaussichten und eventuelle Widersprüche im CJ geht.

Wir wollen im folgenden zwei Praktiken des Culture Jamming analytisch unterscheiden: eine interne Strategie, die ihre Praktiken insbesondere an den vorhandenen Formen der Reklametechnik ausrichtet und dort eine ganze Bandbreite von Themen ‘alternativ’ kommuniziert wie Alkoholmissbrauch, Tabakmissbrauch bis hin zu politischen Fragestellungen im Kontext der Globalisierung, Stichwort ‘No Logo’. Dem steht gegenüber ein externer Gebrauch des Culture Jamming, wo die Technik der Kommunikation, die Aufmerksamkeitsökonomie selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung wird, wo also eher der „Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwanghafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren“ unterlaufen werden soll, indem z.B. die Zerstreuung als dominante Rezeptionsform ausgeschlossen wird. Diese Praktiken entstehen naturgemäß im Kunstfeld.

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Jan
13
2009
3

Die Zurückeroberung von „cool“

(Dies ist meine Übersetzung des Artikels „The Reconquest of Cool“ des streitbaren Adbusters-Gründers und „Ur-Culture-Jammers“ Kalle Lasn, der als Editorial in der März 2008er Ausgabe vom Adbusters Magazine erschien. Der Text passt auch gut zu meiner Serie über die Schädlichkeit der Werbung, insbesondere zum ersten Teil, war doch die Aneignung von Begriffen für Werbezwecke dort ebenfalls Thema.)

cool-typical_french_parisian_girlVierzig Jahre nachdem Konzerne den Begriff „cool“ gekidnappt haben, wird es Zeit, wieder ein authentisches „cool“ von der Basis her zu erschaffen.

Von seinen Wurzeln in Afrika bis zur Jugendkultur heutiger Tage war cool immer eine Gesinnung des Widerstands gegen Unterjochung, ein Ausdruck von Rebellion und eine Trotzhaltung.

In den 60er Jahren, mitten in einer der größten kulturellen Revolutionen unserer Zeit, entdeckten die Konzerne, dass cool unglaublich gewinnträchtig sein kann. Während junge Menschen spontan auf die Straßen gingen und Festivals und Anti-Kriegs-Demonstrationen organisierten, begannen Konzerne damit, diese Gegenkultur zu plündern und auffällige Symbole und Redewendungen in ihre Werbekampagnen einzubauen.

So begann ein Tanz des authentischen „cool“ mit dem vorgetäuschten, kommerziellen „cool“. Wie Thomas Frank in seinem Buch „The Conquest of Cool“ („Die Eroberung von cool“) 1997 erklärte, wurde cool Schritt für Schritt „zentral für die Art und Weise, wie der Kapitalismus sich selbst verstand und gegenüber der Öffentlichkeit erklärte.“ In einem der erstaunlichsten kulturellen Staatsstreiche aller Zeiten haben Werbeagentur-Gurus herausgefunden, „wie man eine Maschine konstruieren kann, die Entfremdung und Verzweiflung in Konsens verwandelt.“

Vierzig Jahre nach der Übernahme von cool durch die Konzerne, findet wir uns erneut in einer Ära eines außergewöhnlichen kulturellen und politischen Umbruchs wieder. Die globale Erderwärmung jagt uns Angst ein, eine Seuche von Stimmungsverwirrungen untergräbt unsere Zuversicht und der Krieg gegen den Terror verwandelt sich in einen 4. Weltkrieg mit offenem Ende; wir fühlen uns unsicherer als je zuvor.

Plötzlich wachen die Menschen in Scharen aus dem Traumland des Konzern-cool auf. Wir werden uns bewusst, dass wir, seitdem wir als kleine Babys um das Fernsehgerät im Wohnzimmer herum krabbelten, belogen wurden, mit Propaganda überzogen – uns wurde unaufhörlich, Tag für Tag, erzählt, dass wir unser Glück im Konsumieren finden würden. Deshalb haben wir, wie Ratten in einer Skinner-Box, permanent auf den KAUF-Knopf gedrückt – Millionen von uns marschieren im Gleichschritt, alle den gleichen Konsumententraum träumend.

Nun hebt sich der Nebel. Wir verstehen endlich, wohin uns dieses Schein-cool geführt hat: nicht zu Glück und Wohlstand, wie es in den Anzeigen versprochen wurde, sondern zu Zynismus, Umweltzerstörung und einer brutalen Ellenbogengesellschaft.

Dies ist der magische Augenblick, in dem das kapitalistische „cool“ ins Schlingern geraten und ein authentisches „cool“ wieder nach oben gelangen kann. Und nach Jahrzehnten des Herumirrens in der Wildnis, wird uns auf der Linken endlich klar, worum es bei diesem magischen Moment geht. Clive Hamilton – der Autor von Growth Fetish („Wachstumsfetisch“) und „Affluenza“ – bringt es in seinem Artikel „What’s Left? The Death of Social Democracy” („Was ist Links/was bleibt übrig? Der Tod der Sozialdemokratie“) auf den Punkt, wenn er schreibt: „Das bestimmende Problem der modernen industriellen Gesellschaft ist nicht Ungerechtigkeit sondern Entfremdung … die zentrale Aufgabe fortschrittlicher Politik besteht heutzutage nicht darin, Gleichheit zu erzeugen, sondern Befreiung.“

Vergesst es, die Symptome zu behandeln. Vergesst das Heckenlabyrinth der Identitätspolitik. Entflieht den glorreichen Kämpfen um Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit der Vergangenheit. Befreit Euch statt dessen vom kapitalistischen „Mindfuck“ (geht in Richtung Gehirnwäsche; Anm. PM). Fangt an, wieder authentisches „cool“ von der Basis her zu entwickeln. Der Rest wird folgen.

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Okt
17
2008
0

Culture Jamming vs. Kommerzialisierung

(Auch an dieser Stelle noch mal der Beitrag, den ich gerade als „Worum geht’s?” erstellt habe und der dort zukünftig als Einführung in die Absicht meines Bloggens dienen soll.)

Wir leben heute in einer Gesellschaft, die sowohl von permanentem Wachstumsglauben, aber auch vom Glauben an den Segen des Konsums durchdrungen ist. Begleitet werden wir dabei auf Schritt und Tritt von Werbung für Produkte und Marken, von sündhaft teuren, einschleimenden Imagekampagnen, die aus zerstörerischen Großunternehmen harmlose Klimaschützer machen sollen. Von Zeitschriften und anderen Medien, in denen, bedingt auch durch die Konzentrationstendenzen in dieser Branche, die Trennlinie zwischen (redaktioneller) Information, gekaufter Meinung, Produktplacement und direkter Reklame immer schwerer auszumachen ist (wenn nicht ohnehin gleich komplette Verdummung angesagt ist). Öffentlicher Raum wird immer mehr, immer unverhohlener von Konzernen und Markenfetischen beansprucht, Kommerzialisierung durchzieht bald all unsere Lebensbereiche – Einkaufszentren werden zu den neuen Mittelpunkten ehemals öffentlichen Lebens.

In Nordamerika, das uns in dieser Beziehung immer schon ein bis zwei Jahrzehnte voraus war, erlebt man erschreckende Entwicklungen, die deutlich machen, dass Reklame & Marketing nicht nur nervig und störend sind, sondern einen massiven Eingriff in unsere Gesellschaft darstellen. Das geht über die bloße Überrepräsentation großer Marken und Logos weit hinaus – unerreichbare Schönheitsidelae werden produziert, latente Unzufriedenheit der Menschen mit ihrem Leben geschürt und Kaufen (und Schulden machen) als Weg zum Glück propagiert. Natürlich läuft niemand, der irgendwo einen Werbespot sieht, sofort los und kauft das entsprechende Produkt, aber das Gift wirkt schleichend und gerade deshalb so gut, weil wir alle gerne glauben, dass Reklame UNS ja nun wirklich nicht beeinflusst. (Dies wird im sehr empfehlenswerten Buch „Good bye logo” von Neil Boorman treffend beschrieben.)

In den USA sehen wir zudem, dass die zunehmende Marktmacht der großen Konzerne auch die Demokratie und Meinungsfreiheit beeinträchtigt. Weltbekannt wurde bereits 1998 der Fall eines Schülers der Greenbrier High School, der am „Coke Day” an seiner Schule ein Pepsi-T-Shirt trug und deshalb an dem Tag von der Schule verwiesen wurde. Genauso bedenklich: an einer von Coca Cola gesponsorten Universität wollte eine Studentengruppe eine Informationsveranstaltung über die schlimmen Bedingungen, unter denen Arbeiter dieser Firma in Lateinamerika zum Teil tätig sind, abhalten, doch die Verwaltung wollte ihnen dafür keinen Raum zuteilen, da sie ja negativ über ihren Sponsor berichten würden. (Beides nachzulesen in Naomi Kleins Globalisierungsbestseller „No Logo!”, in Kalle Lasns „Culture Jamming” oder auch in de Graafs „Affluenza: Zeitkrankheit Konsum”.) Wenn die Wirtschaft und die Markenkonzerne bereits so früh in der Entwicklung des politischen Verständnisses der Menschen eingreifen, steht viel mehr auf dem Spiel als nur der Verkauf oder das Verbot von brauner Blubberbrause oder fettigen Burgern – die Freiheit des Zusammenlebens wird massiv aufs Spiel gesetzt.

Vor diesem Hintergrund ist in den letzten 20 Jahren der Widerstand gegen die Überkommerzialisierung bzw. das Bewusstsein für diese Entwicklung in der Gesellschaft gewachsen, und durch den Kanadier Kalle Lasn und seine Adbusters Foundation hat diese Bewegung auch eine bekannte (und nicht immer ganz unumstrittene) Gallionsfigur. Lasn und Culture Jammer weltweit bekämpfen die Werbebotschaften, die tagtäglich auf uns einprasseln, sie versuchen sie zu parodieren, in ihr Gegenteil zu verkehren, sie kapern Werbetafeln, um damit in den alltäglichen Diskurs, aber auch die alltägliche Wahrnehmung und die Hirne der einzelnen Menschen Informationen einsickern zu lassen, die über die Hintergründe der glänzenden Markenfassenden aufklären. Auch soll der Konsum seinen Status als goldenes Kalb, um das sich unser aller Leben zu drehen hat und der als das Allheilmittel für all unsere Probleme angepriesen wird, endlich wieder verlieren.

An diesem noblen und dringend notwendigen Quest möchte ich mich auch mit meinem Blogprojekt Konsumpf beteiligen. Ursprünglich war er als reiner Culture Jamming/Anti-Werbung- und Konsumkritik-Blog geplant, doch wie das halt so ist, wenn man sich einmal mit diesem Thema beschäftigt, stellt man schnell fest, dass viele dieser Probleme auf unserer Welt miteinander verbunden sind und monokausale Erklärungsversuche fehl schlagen. Von daher werde ich immer auch Überlegungen und Fundstücke aus den Bereichen Globalisierungskritik, Konzernkritik, Umweltpolitik/Ökologie, Nachhaltigkeit, Mediendemokratie und komplementäre/alternative Währungssysteme mit einfließen lassen.

Kurz gesagt soll Konsumpf (m)eine Stimme gegen die Wurstigkeit im real existierenden Dasein sein.

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