Mrz
29
2009
1

Buchbesprechung: Robert W. McChesney, John Nichols „Unsere Medien? Demokratie und Medienkonzerne in den USA“

mcchesney-nichols-unsere-medienNicht immer muss ein Buch dick und schwer sein (wie z.B. Naomi Kleins Bestseller „No Logo!“ oder „Das neue Schwarzbuch Markenfirmen“) um zu beeindrucken. Schlank und elegant kommt beispielsweise „Unsere Medien? Demokratie und Medienkonzerne in den USA“ von Robert McChesney, John Nichols u.a. daher, veröffentlicht in der Open Media-Reihe des Verlags Schwarzerfreitag aus Berlin. Die Open Media-Reihe wurde ursprünglich Anfang der 90er Jahre in Amerika ins Leben gerufen, als Opposition zum ersten Golfkrieg, und konnte bislang auch Autoren wie Noam Chomsky (der auch zu diesem Buch einen Kommentar beisteuert) gewinnen.

Der Titel macht bereits klar, worum es den beiden Autoren in ihrem Buch geht – sie wollen eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Entwicklung des Mediensektors in den USA bieten, die so oder in ähnlicher Form mittlerweile auch weltweit zu beobachten ist. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat die Zahl der den Markt bestimmenden Konzerne von über 50 auf inzwischen nur noch 10 Big Player abgenommen. Solch eine Konzentration wäre auch auf anderen, „normalen“ Gütermärkten bereits bedrohlich und eine potentielle Gefahr für die freie Gesellschaft, aber gerade im Medienbereich, wo schließlich auch Meinungen gemacht und beeinflusst werden, ist dies mehr als nur eine latente Bedrohung der Demokratie.

McChesney (Professor an der University of Illinois) und Nichols (Korrespondent von The Nation) legen in ihrem dreigeteilten Werk (Teil 1: Analyse, Teil 2: Problembeschreibung/Unzufriedenheit und Teil 3: Aufbau einer Medienreform-Bewegung) den Finger sehr eindringlich auf mehrere Wunden, die sich diesbezüglich auftun. Die ursprüngliche Aufgabe der sog. „freien Presse“, die auch die Gründerväter der USA so in der Verfassung vorgesehen haben, war die Kontrolle derjenigen, die die politische Macht innehaben – sie sollte dazu dienen, „die Freiheit zu beschützen“, wie James Madison im 18. Jahrhundert schrieb.

Weit entfernt davon, die Zivilisation insgesamt zu stärken, liefert das Mediensystem, wie es zur Zeit in den Vereinigten Staaten opereriert, noch nicht einmal die Grundlagen für die Staatsbürgerschaft: Es beschützt nicht und dient nicht dem Allgemeinwohl. Es ist kein Mediensystem nach unserem Bedarf, aus unseren Händen oder in unserem Interesse – weil wir es heute nicht mit unseren Medien zu tun haben. Es sind deren Medien.

Doch wer sind sie? Eine Handvoll enormer Konglomerate, die sich die monopolistische Kontrolle über weite Teile der Medienlandschaft gesichert haben. Die Oligopole spotten der traditionellen Vorstellung einer freien Presse, in der jeder am freien Markt der Ideen teilhaben kann. Dabei werden die Monopole von Jahr zu Jahr erdrückender.

Wem dienen diese Medien? Zu allererst den Aktionären – große Medienunternehmen in den USA können hochprofitabel sein. Um diese Profitabilität aufrechtzuerhalten, dienen sie den Interessen der großen Konzerne, die weite Teie der Medien mit ihren Werbegeldern finanzieren. Um einer Regulierung im öffentlichen Interesse zu entgehen, dienen sie einer politischen Klasse, die sich revanchiert, indem sie den Medienkonzernen kostenlosen Zugang zu den öffentlichen Rundfunkfrequenzen gewährt und regelmäßig Grenzen der kommerziellen Kontrolle unserer Kommunikation einreißt. (…) Profit geht dabei immer vor Gesellschaft.

Bereits diese wenigen Absätze im vorderen Teil des Buches umreißen sehr gut, worin die Autoren die Probleme mit dem heutigen Mediensystem sehen – es dient primär kommerziellen Interessen und ist somit, auf Grund dieser Verquickung mit anderen Konzernen, weit davon entfernt, wirklich kritisch zu berichten. Diese mangelnde Kritik bewirkt aber nicht nur, Zuschauer und Leser primär als Zielgruppe für Konsum zu sehen, sondern lässt auch viele politische Geschehnisse, die eigentlich hinterfragt werden müssten, nahezu propagandistisch verbrämen.

Die Konzentration führt zu zwei zentralen Problemen: extreme Kommerzialisierung und Vernachlässigung des Dienstes am Bürger. Je besser die großen Medienkonzerne die Gesellschaften kommerziell durchdringen, desto weniger sind sie gewillt oder in der Lage, kreative oder redaktionell integre Inhalte zu erzeugen.

Ausführlich wird geschildert, wie diese Marktmachtkonzentration im Zeitungsbereich dazu führt, dass lokale Redaktionen nach und nach abgebaut und ausgedünnt werden, bis sie schließlich kaum noch in der Lage sind, kritisch zu recherchieren, sondern statt dessen PR-Meldungen etc. übernehmen, um ihr Blatt termingerecht füllen zu können. So etwas kann man ja auch hierzulande erkennen, wenn selbst honorige Zeitungen wie die FAZ Advertorials abdrucken; von Magazinen wie der Vogue, die eh nur aus Reklame und Produktlobhudeleien bestehen, ganz zu schweigen.

Die politische Kultur, die mit dem weltweiten Aufstieg des kommerziellen Mediensystems einhergeht, ähnelt immer mehr der der USA: An die Stelle informierter Debatten und eines kompletten Spektrums politischer Parteien treten ein leerer Journalismus und Wahlkämpfe, die von PR-Agenturen, Geld, schwachsinniger Werbung und eng begrenzten Debatten bestimmt werden. So entsteht eine Welt, in der der Markt und kommerzielle Werte die Demokratie und die Zivilkultur ersticken – eine Welt sich rasend ausbreitender Entpolitisierung, in der die wenigen Reichen immer weniger politische Hürden zu überwinden haben.

Glücklicherweise belassen es McChesney und Nichols nicht bei dieser bloßen Medienschelte, sondern stellen in dem Kapitel über den sich formierenden Widerstand gegen diese Form der Medienorientierung auch hoffnungsvolle Ansätze für wirklich freie Medien dar (denn wie „frei“ die Medienlandschaft z.B. in Deutschland ist, kann man sehen, wenn man sich die lange Liste der Produkte anschaut, die alleine Bertelsmann unter seinem Dach vereint). So gibt es in Schweden eine Partei, die auch das Verbot von Fernseh- und Radiowerbung in ihrem Programm hat (und immerhin bei Wahlen 10% der Stimmen erhält). In Neuseeland haben fortschrittliche Politiker eine Neuordnung des Rundfunks beschlossen, nach der Rundfunkfrequenzen öffentliches Eigentum sind, das die Bürger kontrollieren sollen – die Übernahme lokaler Stationen durch Großkonzerne wurde erschwert, der öffentliche Rundfunk ausgebaut etc. In Amerika selbst wird die Förderung des sog. „Mikroradios“ (nichtkommerzielle Gemeinderadiostationen) vorangetrieben und man versucht die Torpedierung dieser Projekte durch einige, den Medienkonglomeraten nahestehenden Teilen der Politik aufzuhalten.

Alles in allem ist „Unsere Medien?“ ein gleichermaßen erschreckendes, wie auch aufrüttelndes und Mut machendes Buch, das zudem leicht und locker zu lesen ist.

Robert W. McChesney, John Nichols „Unsere Medien? Demokratie und Medienkonzerne in den USA“, Schwarzerfreitag 2004, 151 S., 11,– €

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Lesetipps: Worte zum Karfreitag | Der GAU für den Garten | Spam, Spam, Spam | Musikpiraten | Libyen

© alexbruda, stock.xchng

Zwei Tage zu spät, aber immerhin noch im Bereich des ganzen Ostergedöns stieß ich auf den Artikel der Ruhrbarone zu eben diesem Feiertag, „Liebe Christen oder – die Karfreitagsansprache eines Ungläubigen“, in dem Autor Arnold Voss sich so seine Gedanken zu Sinn und Unsinn des Tanzverbots macht und den Gedanken nachgeht, wie es wohl wäre, wenn es umgekehrt einen entsprechenden Feiertag der Ungläubigen gäbe, der genauso staatlich sanktioniert ein Betverbot beinhaltete (eine Idee, auf die zeitgleich übrigens auch der cimddwc-Blog kam):

(more…)

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Best of


Mein Konsumpf-Blog besteht nun schon seit Oktober 2008, also seit fast vier Jahren. Praktisch täglich habe ich einen Beitrag veröffentlicht, so dass sich im Laufe der Zeit eine für den Neueinsteiger vermutlich durchaus erschlagende Fülle an Texten angesammelt hat. Manches von dem, was ich in der Vergangenheit schrieb, war zudem eher tagesaktuell zu verstehen (so wie Fernseh- oder Radiotipps oder Aufrufe für Onlinepetitionen u.ä.), einiges ist vielleicht auch so einfach nicht mehr wirklich aktuell, beispielsweise weil es in dem Themenbereich Entwicklungen (zum Positiven wie zum Negativen) gegeben hat. Um also den Lesern ein wenig Orientierung zu geben möchte ich auf dieser „Best of / Kernthesen“-Seite (zusätzlich zur Wissensbasis, auf der ich vor allem auch auf viele Links zu Texten außerhalb meines Blogs hinweise) eine subjektive Auswahl der Artikel aus meiner Feder bieten, die meines Erachtens auch über den Tag hinaus Gültigkeit haben bzw. eben grundlegende Missstände behandeln – oder die sich besonders gut als Startpunkt für eigene Recherchen und eigenes Nachdenken eignen. Wie bei besagter Wissensbasis-Seite will ich die Beiträge in dieser Übersicht ein wenig thematisch gliedern, um den Lesern die Orientierung noch weiter zu erleichtern. Auf jeden Fall sind unten aufgeführte Texte nur eine kleine Auswahl der lesenswerten Artikel hier im Blog – es gibt natürlich noch zu vielen anderen Themen was zu entdecken (z.B. über die Suchfunktion).

Reklame:
Meine erste grundlegende Artikelreihe war „Werbung schadet“ (ist noch nicht abgeschlossen, sondern liegt derzeit nur auf Eis), in der ich die vielen Probleme mit und Nachteile von Reklame seziere:

In meiner unregelmäßigen Reihe „Werbung gegen Realität“ habe ich mich im Laufe der Jahre damit beschäftigt, das schillernde Reklameimage, das uns die Konzerne in ihrer Werbung vorgaukeln mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. Natürlich finden sich ähnliche Gedanken auch noch in diversen anderen meiner Artikeln außerhalb dieser Reihe.

Weitere Artikel über Reklame:

Kommerzialisierung/Konsum:

Culture Jamming / Adbusting:

Konzernkritik:

Wirtschaftssystem/Geldsystem/Wachstumskritik:

Medien:

Gentechnik/Biopiraterie:

Ernährung/Vegetarismus:

Atomkraft, Wirtschaft allgemein, Politik etc.:

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Mainstreammedien, Meinungsmache, Manipulation

sound_system_mediaUrsprünglich hatte ich meinen Konsumpf-Blog vor allem als „Aufklärungsorgan“ mit den Themen Culture Jamming/Konsum- & Werbekritik geplant, doch schon sehr schnell stellte sich für mich heraus, dass auch viele andere Thematiken mit in diesen Bereich hineinspielen und dass zu einer aktuellen Kritik an der Konsumgesellschaft nicht zuletzt fast automatisch auch eine kritische Auseinandersetzung mit der uns umgebenden und beeinflussenden Medienlandschaft gehört. Denn die gleichen Marktmachtkonzentrationsprozesse, die auf dem „normalen“ Warensektor zu den sattsam bekannten schädlichen Auswirkungen auf Vielfalt und Mitbestimmung führen, zeitigen auch im Medienbereich eine Entwicklung hin zu einer immer weiter schwindenden Anzahl von unabhängigen Journalisten, Sendungen und Magazinen. Letztlich teilt sich eine kleine elitäre Clique, ein Kreis von einer Handvoll weltweit operierender Konzerne wie Time Warner, News Corp., Bertelsmann und Walt Disney, den Markt unter sich auf und behält so die Oberhand, wenn es um die Meinungshoheit in den öffentlichen Diskursen geht. Dass diese Medienkonglomerate, über die ich u.a. auch in meiner Buchbesprechung von „Unsere Medien?“ schon mal berichtete, weniger an einer umfassenden kritischen Berichterstattung als vielmehr an dem Bereiten des geistigen Nährbodens für die Verbreitung einer konsum- und arbeitsfreundlichen Haltung interessiert sind, zeigt sich leider immer wieder. Nicht zuletzt deshalb ist es auch für Culture Jammer wie Kalle Lasn mit seiner Adbusters Media Foundation ein wichtiges Anliegen, diese Quasi-Monopole anzugreifen und zu knacken. So aussichtslos das momentan auch noch erscheinen mag – das Internet eröffnet unsereins aber neue Möglichkeiten, um unter dem Radar der Mainstreammedien hindurch zu schlüpfen und eine Art „Gegenöffentlichkeit“ aufzubauen und für ausgewogenere Informationsströme zu sorgen.

hintergrund-3_2009_titel_bestIch hatte neulich ja schon einmal die neue Ausgabe (03/2009)  des Nachrichtenmagazins Hintergrund erwähnt, das den vielversprechenden Titel „Medien, Macht, Manipulationen“ trägt. Das Heft liegt in analoger Form vor mir auf dem Tisch und ich würde gerne den einen oder anderen Artikel daraus mit Euch teilen, nur leider stehen die Beiträge (noch) nicht online zur Verfügung. Solltet Ihr aber die Chance haben, das Magazin irgendwo zu lesen – meines Erachtens lohnen sich vor allem der Titelbeitrag von Markus Jansohn, „Die Tagesschau als Leitkultur. Eine Polemik gegen die Nachrichtenwelt“ von Walter van Rossum, „Think Tanks – die heimlichen Regierungen? Politik und Medien unter dem Einfluss einer machtvollen Lobby“ von Regine Naeckel sowie „Medienkonzentration – Redaktionsarbeit als industrieller Fertigungsprozess“ von Wolfgang Storz, aus dem ich mal kurz zitieren möchte:

Die Journalisten und ihre Gewerkschaften sind im Kampf um ihre Arbeitsbedingungen und um ihre Arbeitsplätze. Dieser Kampf ist existenziell. Deshalb sind sie seit Jahren verstrickt in Debatten und das Handeln um betriebswirtschaftlich gangbare Wege aus der Krise. Die Frage, an der sich diese Sanierungsabreiten ausrichten, lautet: Wie erreiche ich die Aufmerksamkeit meiner Konsumenten?

Die Frage lautet nicht: Versorge ich mein Publikum aus interessierten Bürgern ausreichend, und was kann ich tun, um aus der großen Schar an Konsumenten mehr Bürger als bisher für mich als Publikum zu gewinnen?

Weil es um die Konsumenten und nicht um die politischen (Staats-)Bürger geht, deshalb drehen sich diese handwerklichen Diskussionen in sich schlüssig nicht um die Stichworte: Kontrolle der Mächtigen, publizistische Unabhängigkeit, die vierte Gewalt im Staat, Verständlichkeit, das gesellschaftlich Belangvolle von Belanglosem unterscheiden, Politik unterhaltend, aber noch als Politik darstellen, der Einfluss der PR. Diese Stichworte spielen keine Rolle, weil sie betriebswirtschaftlich irrelevant sind. Deshalb können in dieser Gesellschaft auch mit leichter Hand Zeitungen aufgekauft und zusammengelegt werden.

EDIT: Den Leitartikel „Sind Journalisten mehr als Anzeigenumfeldgestalter für definierte Zielgruppen?“ kann man jetzt komplett online nachlesen!

Zu der Problematik sind auf den immer lesenswerten NachDenkSeiten unlängst ebenfalls zwei Artikel erschienen, wobei sich die NDS ohnehin seit jeher immer wieder intensiv mit dem Thema Medienmanipulation/Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Presse & Fernsehen beschäftigen. In „Sind Kampagnen der Meinungsbeeinflussung wirklich so verbreitet?“ macht sich Initiator Albrecht Müller Gedanken darüber, wie weit sich vor allem bewusst lancierte politische Kampagnen ausgewogene Diskussionen in den Medien zudecken.

bild-7Bei unseren Recherchen für die Texte in den NachDenkSeiten wie auch bei den Arbeiten am Buch „Meinungsmache“ begegnen wir immer wieder Menschen, die bezweifeln, dass es systematisch geplante Kampagnen der Beeinflussung und Manipulation gibt, und die beharrlich nach sachlichen Gründen für bestimmte Meinungen und Einstellungen suchen.

Das ist verständlich. Vermutlich neigt die Mehrheit von uns trotz wiederkehrender böser Erfahrungen dazu, anderen Menschen, auch Verbänden, Parteien und Medien zunächst einmal gute Absichten zu unterstellen. Und außerdem haben viele die Sorge, in den Verdacht zu geraten, Verschwörungstheorien aufzusitzen.

Vermutlich liegen diese Gutgläubigen damit in der Regel falsch und vergeuden auf der Suche nach objektiven Hintergründen viel Kraft und Zeit. Jeden Tag können wir nämlich neu beobachten, wie Kampagnen der Meinungsbildung neu inszeniert oder weiter gedreht werden. Kampagnen überlagern die Meinungsbildung und bestimmen über weite Strecken die politischen Entscheidungen. (…)

In diesem sehr umfangreichen Artikel nennt Albrecht Müller eine Vielzahl von Beispielen für solche Vorgehensweisen – ich empfehle diese zwar unbequeme und auch etwas bedrückende, aber doch erhellende Lektüre!

Beitrag Nummer zwei ist ein Gastbeitrag einer NDS-Leserin: „Der einzige Schutz gegen Kampagnenjournalismus: ihn sichtbar machen und beim Namen nennen“. Sie hat sich anhand eines Interviews im Spiegel sowie des Sommerinterviews mit Oskar Lafontaine im ZDF Gedanken darüber gemacht, wie Stimmungen gegen Politiker in den Medien erzeugt werden, und sie analysiert die beiden Interviews minutiös daraufhin.

Sprachlos steht man am Rande des Geschehens. Maßgebliche Medien, nicht nur die Bild-Zeitung, auch der Spiegel, die Zeit, das ZDF, die ARD und die kommerziellen Rundfunksender lassen sich in Kampagnen der Indoktrination einspannen. Es kommen immer die gleichen Argumente, die Opfer sind in der Regel die Gegner der neoliberalen Bewegung. (…)

Wir dokumentieren diese Arbeit, weil wir Pluralität und Liberalität in den Medien für eine existenzielle Bedingung demokratischen Zusammenlebens halten. Davon sind wir leider weit entfernt. Wenn wir die demokratischen Elemente unserer politischen Ordnung retten wollen, dann müssen wir die Indoktrination offen legen. (…)

bild-81Last but not least fast schon eine Art moderner Klassiker – Noam Chomskys Artikel „Warum die Mainstreammedien ‚Mainstream‘ sind“ aus dem Jahre 1997, der leider nichts an Brisanz und Aktualität eingebüßt hat, eher im Gegenteil. [via] Wer wissen will, in welch engem Korsett sich Medienberichterstattung mittlerweile bewegt und wie die Absichten der großen Medienkonglomerate ausschauen, sollte sich diesen Text unbedingt zu Gemüte führen.

(…) Die Elitemedien stecken den Rahmen ab, in dem die restlichen Medien operieren. Wenn man sich Agenturen wie Associated Press ansieht, die eine permanente Nachrichtenflut ausstoßen, stellt sich heraus, daß dieser Strom vermischter Nachrichten jeden Nachmittag durch die Meldung unterbrochen wird: „An die Redaktionen: auf der Titelseite der New York Times werden morgen folgende Berichte erscheinen.“ Wenn man beispielsweise Redakteur einer Zeitung in Dayton, Ohio ist und nicht über die Ressourcen verfügt oder sich sowieso nicht die Mühe machen will, selbst an wichtige Nachrichten heranzukommen, erfährt man auf diesem Weg, was als „Nachricht“ zu gelten hat. (…)

Die Massenmedien im eigentlichen Sinn haben im wesentlichen die Funktion, die Leute von Wichtigerem fernzuhalten. Sollen die Leute sich mit etwas anderem beschäftigen, Hauptsache, sie stören uns nicht (wobei „wir“ die Leute sind, die das Heft in der Hand halten). Wenn sie sich zum Beispiel für den Profisport interessieren, ist das ganz in Ordnung. Wenn jedermann Sport oder Sexskandale oder die Prominenten und ihre Probleme unglaublich wichtig findet, ist das okay. Es ist egal, wofür die Leute sich interessieren, solange es nichts Wichtiges ist. Die wichtigen Angelegenheiten bleiben den großen Tieren vorbehalten: „Wir“ kümmern uns darum. (…)

(…) Außerdem sollten wir uns nicht – und jetzt zitiere ich wieder aus einem akademischen Essay zu diesem Thema – auf das „demokratische Dogma“ versteifen, „nach dem die Menschen ihre Interessen selbst am besten beurteilen können“. Dem ist keineswegs so: in Wirklichkeit sind sie absolut unfähig dazu, und daher erweisen wir sowohl ihnen als auch der Gesellschaft einen großen Dienst, wenn wir das für sie übernehmen. Tatsächlich gibt es hier eine starke Ähnlichkeit mit dem Leninismus. Wir handeln an deiner Stelle, im gemeinsamen Interesse aller usw. Das ist vermutlich auch einer der Gründe dafür, weshalb sich im Verlauf der Geschichte viele Leute relativ problemlos aus glühenden Stalinisten in überzeugte Unterstützer des Machtanspruchs der USA verwandelt haben. Dabei erfolgt der Wechsel von der einen Position zur anderen oft sehr rasch, und ich denke, daß das ganz einfach daran liegt, das beide Positionen im großen und ganzen auf dasselbe hinauslaufen. Eigentlich verändert sich nur die Einschätzung darüber, welche Haltung einen der Teilhabe an der Macht näherbringt. (…)

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Literatur


Auf dieser Seite stelle ich weiterführende und erhellende Literatur zu den verschiedenen Themen vor – die Liste wird fortlaufend ergänzt. (Weitere Literaturtipps findet Ihr auch auf den Seiten des Kritischen Netzwerks – HIER.)

Lesetipps – unverzichtbare Lektüre für alle kritisch-engagierten Menschen:

  • Kalle Lasn „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung.”
    Orange Press, 3. Aufl. 2008, 224 S., 20,– €
    Schon jetzt ein moderner Klassiker – dieses bahnbrechende und aufrüttelnde Buch des kanadischen Adbusters-Gründers Kalle Lasn schildert plastisch und eindringlich die fatalen Wirkungen von Reklame und Konsumorientierung und ruft uns zum Umdenken auf. Dabei macht er auch deutlich, dass jeder einzelne von uns einen Unterschied machen kann und sich gegen die Überkommerzialisierung, die uns bedrängt, wehren sollte. Anders als manch anderes globalisierungs-/konzernkritisches Buch, das nur die vielen Fehlleistungen im heutigen System aufzählt, macht Lasn Mut, rüttelt auf und ist erfrischend aktivitätsorientiert. So ruft Lasn auch zum „Krieg der Meme” auf – Meme sind für ihn „Gedanken-Gene”, also Ideen, Überzeugungen etc. D.h., wir sollten gegen die alltäglich von den Konzernen oder Lobbys verbreiteten Halb- und Unwahrheiten andere Aussagen setzen, um der Reklame nicht einfach das Feld zu überlassen. Ohne sein latent anarchisches Buch gäbe es diese Website hier nicht.
    >> meine ausführliche Rezension
  • Christian Felber „50 Vorschläge für eine gerechtere Welt. Gegen Konzernmacht und Kapitalismus”
    Deuticke 2006, 336 S., 19,90 €
    Herausragendes, flüssig zu lesendes und hoch spannendes Buch des Mitgründers von Attac Österreich, das vor allem dem neoliberalen Gefasel von der „Alternativlosigkeit“ und den „unabwendbaren Sachzwängen“ dieses Systems einen Riegel vorschiebt und viele praktisch umsetzbare Möglichkeiten für dräuende Probleme der Zeit anbietet. (ausführliche Rezension folgt)
  • John de Graaf et al. „Affluenza: Zeitkrankheit Konsum“
    Riemann Verlag 2002, 415 S., 22,90 €
  • Jean Ziegler „Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung.
    Goldmann 2008, 345 S., 8,95 €
    Aufrüttelndes Buch vom UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung über das „neofeudale System”, das Großkonzerne und internationale Vereinigungen in den letzten Jahren installiert haben.
    >> meine ausführliche Rezension
  • Klaus Werner/Hans Weiss „Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne”
    Ullstein 2006, 416 S., 9,95 €
    Einfach nur erschütternd… Die großen Konzerne dieser Welt kollektiv im Sog unethischen, zerstörerischen Handelns. Kaum eines der großen Unternehmen kommt hier ungeschoren davon, viel zu viele haben ihren Erfolg auf kurzsichtiges und rücksichtsloses Profitdenken aufgebaut. Klaus Werner Lobo zeigt, wo und wie die Globalisierung aus dem Ruder läuft.
    >> meine ausführliche Rezension
  • Neil Boorman „Good bye, Logo: Wir ich lernte, ohne Marken zu leben”
    Econ 2007, 300 S., 16,90 € / Ullstein Taschenbuch 2009, 8,95 €
    Ein erstaunliches Buch, das vor allem in der zweiten Hälfte sehr fundamentale und wichtige Fragen zur Konsumgesellschaft aufwirft und die zerstörerische Kraft von Markenwahn und modernen Reklamekampagnen unterstreicht.
    >> meine ausführliche Rezension
  • umschlag_giftmuell_PANTONE.inddJohn Stauber & Sheldon Rampton „Giftmüll macht schlank. Die Wahrheit über die PR-Industrie“
    orange press 2006, 319 S., 20 €
    Dieses Buch macht dem Leser schnell deutlich, wie sehr sich PR-Agenturen für ihre Kunden mittlerweile in allen Lebensbereichen, insbesondere den medial vermittelten, festgesetzt haben und wie weit wir alle Tag für Tag manipuliert werden. Die Autoren schildern ausführlich verschiedene große Fälle in den USA und die Implikationen für die „freie Presse“ und die Politik. Erschreckend!
    >> meine ausführliche Rezension
  • stowasser-anarchieHorst Stowasser „Anarchie! Idee – Geschichte – Perspektiven“
    Edition Nutilus 2006, 511 S., 25 €
    Horst Stowasser präsentiert auf gut 500 Seiten eine hervorragend verständliche, gut geschriebene und umfassende Einführung in die Grundlagen des Anarchismus, von seinen Anfängen bis in die Gegenwart. Besonderen Wert wird dabei auf die geschichtlich Betrachtung sowie auf die Ansatzpunkte, um die es Anarchisten bei ihrer Kritik an den heutigen Zuständen geht, gelegt. Eine ältere Ausgabe aus dem Jahre 1995, „Freiheit pur – Die Idee der Anarchie“ gibt es auch als kostenlosen pdf-Download.
    >> meine ausführliche Rezension

Weitere interessante Literatur zu obigen Themen, die ich empfehlen kann:

  • Naomi Klein „No Logo! Der Kampf der Global Players um Marktmacht. Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern”
    Goldmann 2005, 534 S., 10,– €
    Naomi Kleins Werk ist quasi der erste Bestseller der gloablisierungskritischen Literatur und liegt inzwischen in vielen Sprachen vor. Klein befasst sich hier sehr engagiert und auch sehr akribisch mit den Hintergründen der Globalisierung, den Auswirkungen, die die Macht der Großkonzerne für die Wirtschaft und das soziale Gefüge in der ganzen Welt haben. Sie besucht Aktivisten, die gegen die Logoflut kämpfen, sie schreibt von Betroffenen und Tätern. Also absolut lesenswert. Das einzige Manko: manchmal wird die Autorin ZU ausführlich, so dass einem am Ende ein wenig der Kopf schwirrt und sich Schwermut ob der Dramatik der Weltentwicklung breitmacht. Anders als bei Kalle Lasn fehlt mir hier ein wenig das aufrüttelnde, handlungsaktive Element.
  • tanja-busse-die-einkaufs-revolutionTanja Busse „Die Einkaufs-Revolution. Konsumenten entdecken Ihre Macht”
    Heyne 2008, 320 S., 8.95 €
    Tanja Busse fasst in ihrem Buch sehr gut viele der Probleme zusammen, die mit der globalisierten Einkaufs- und Konsumentenwelt entstanden sind und zeigt, wo sich jeder einzelne beim Einkaufen Gedanken darüber machen sollte, welche Geschäftspraktiken, welches Ausmaß an Ausbeutung und Zerstörung er damit unterstützt. Auch Ansätze, wie man es besser machen kann, werden beschrieben.
    >> meine ausführliche Rezensionmcchesney-nichols-unsere-medien
  • Robert W. McChesney, John Nichols „Unsere Medien? Demokratie und Medienkonzerne in den USA”
    Schwarzer Freitag 2004, 151 S., 11,– €
    Der Titel macht bereits klar, worum es den beiden Autoren in ihrem Buch geht – sie wollen eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Entwicklung des Mediensektors in den USA bieten, die so oder in ähnlicher Form mittlerweile auch weltweit zu beobachten ist. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat die Zahl der den Markt bestimmenden Konzerne von über 50 auf inzwischen nur noch 10 Big Player abgenommen. Solch eine Konzentration wäre auch auf anderen, „normalen“ Gütermärkten bereits bedrohlich und eine potentielle Gefahr für die freie Gesellschaft, aber gerade im Medienbereich, wo schließlich auch Meinungen gemacht und beeinflusst werden, ist dies mehr als nur eine latente Bedrohung der Demokratie.
    >> meine ausführliche Rezension
  • mclaren-ad-nauseamCarrie McLaren & Jason Trochinsky (Hrsg.) „Ad Nauseam. A Survivor’s Guide to American Consumer Culture”
    Faber & Faber 2009, 340 S., 18,– US$
    „Ad Nauseam“ ist eine Art Kompendium, das viel Artikel aus dem amerikanischen konsumkritischen Stay Free Magazinze bündelt, die sich u.a. mit Werbung, kreativem Widerstand, aber auch dem generellen Einfluss einer totalen Kommerzialisierung unserer Gesellschaft und Kultur, die von Reklamebotschaften und vorgefertigten Hollywood-Images überschwemmt wird, befassen. Zwar auf Englisch, aber überwiegend leicht und locker zu lesen.
    >> meine ausführliche Rezension
  • Bernard A. Lietaer „Das Geld der Zukunft. Sonderausgabe: Über die zerstörerische Wirkung unseres Geldsystems und Alternativen hierzu”
    Riemann 2002, 480 S., 17,– €
    Sehr umfassendes Buch, das einen guten Überblick über die Entwicklung der Geldsysteme und Alternativen zum heute bei uns üblichen gibt. Es werden auch verschiedene komplementäre Währungssysteme in Vergangenheit und Gegenwart dargestellt. Teilweise ein bisschen zu langatmig für meinen Geschmack.
  • Guy Debord „Die Gesellschaft des Spektakels”
    Edition Tiamat 1996, 304 S., 20,– €
    Ein Klassiker der konsum- und gesellschaftskritischen Philosophie. Guy Debord gehörte zu den sog. Situationisten, einer Strömung in Frankreich der 60er Jahre, und einiges in Culture Jamming bezieht sich auf Debords kritische Analyse der „Spektakelkultur”, in der wir leben. Das Buch ist für den untrainierten Geist leider teils nicht gerade leicht zu durchschauen… (Hier kann man das komplette Buch online lesen.)
  • Susan George „Change IT! Anleitung zum politischen Ungehorsam”
    Droemer 2006, 287 S., derzeit vergriffen
    Susan George ist Vizepräsidentin von Attac Frankreich und liefert in diesem Buch „eine fundierte Analyse und ein aufrüttelndes Plädoyer für den Widerstand gegen die Macht der Wirtschaftslenker und ihren politischen Erfüllungsgehilfen”.
  • schlegel-zu-spat-mittelTobias Schlegl „Zu spät? So zukunftsfähig sind wir jungen Deutschen“
    rororo 2008, 217 S., 8,95 €
    Tobias Schlegl, seines Zeichens Ex-Viva- und heute extra 3-Moderator, macht sich auf eine Inspektionsreise durch Deutschland in Sachen Nachhaltigkeit, Konsum und politische Kultur. Leicht zu lesen und interessant, ohne allzu sehr in die Tiefe zu gehen – das ideale Einsteiger-Buch.
    >> Meine ausführliche Rezension
  • Wolfgang Ullrich „Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur?”
    S. Fischer 2006, 219 S., 8,95 €
  • Karl Jaspers „Wohin treibt die Bundesrepublik?”
    Piper 1966, 281 S.
    Sehr kritische Analyse des deutschen Philosophen Jaspers zur deutschen Demokratie, die für ihn eher eine Parteienoligarchie ist. Seit 1966 hat sich in der Hinsicht erschreckend wenig geändert!
  • Walter Krämer „So lügt man mit Statstik”
    Piper 2000, 206 S., 7,95 €
    Dass man mit Statistiken nicht nur Fakten darstellen, sondern auch verzerren und vertuschen kann, ist seit langem fast schon Allgemeinwissen. Dennoch werden wir in den Medien jeden Tag mit neuen Statistiken und Grafiken versorgt, deren Aussagekraft oft sehr begrenzt bzw. sogar tendenziös ist. Walter Krämers Buch ist eine trotz des vermeintlich trockenen Themas unterhaltsam zu lesende Entlarvung der Methoden, die Statistiker und Medienschaffende gerne verwenden.

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