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Surf- & Lesetipp: 30 Tage ohne Zucker

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© JadeGordon, Stock.xchng

Die Lebensmittelindustrie macht es einem ja nicht gerade leicht, gesund und nachhaltig zu leben. Immer neue Kniffe werden sich ausgedacht, um den Verbraucher hinters Licht zu führen, um minderwertige Zutaten als „neue Rezeptur“ hochzujubeln oder Geschmacksverstärker unter dem Begriff „Hefeextrakt“ in die Mägen der Leute zu schmuggeln. Es ist kein Wunder, dass es auch in diversen Verbrauchermagazinen (und in meinem Blog) verstärkt kritische Beiträge zum oft grenzwertigen Vorgehen vieler Hersteller gibt, ihre Produkte immer weiter zu denaturalisieren, denn anscheinend wird in den letzten Jahren, unter dem allgemeinen Kostendruck und (im wahrsten Sinne des Wortes) gesättigten Märkten noch mehr gepanscht und gestreckt als eh schon. Foodwatch berichtete darüber, wie die sog. Lebensmittelbuchkommission, die in Deutschland festlegt, was wie wo unter welchen Bezeichnungen enthalten sein darf, von diversen Lobbyisten durchsetzt ist und deshalb konzernfreundliche Regelungen erwirkt – „Lebensmittelbuchkommission bleibt Geheimsache [2]“:

Fruchtkremfüllungen ohne eine Spur von Frucht – wer solche Festlegungen mit welchen Argumenten durchgesetzt hat, bleibt weiter Geheimsache: Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen hat die Berufungsklage von foodwatch auf Veröffentlichung der Sitzungsprotokolle der Lebensmittelbuchkommission abgewiesen. (…)

Die Lebensmittelbuch-Kommission ist beim Bundesernährungsministerium angesiedelt. Ihre Arbeit ist im Lebens- und Futtermittelgesetzbuch geregelt. In dem Gremium sitzen 32 Männer und Frauen, die vom Ministerium für fünf Jahre berufen werden. Vertreten sind dort Wirtschaftsverbände wie der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL, der größte Lobbyverband der Lebensmittelindustrie), der Deutsche Fleischer Verband und der Bauernverband sowie die Einzelunternehmen Unilever und bofrost. Weitere Mitglieder sind Mitarbeiter von Lebensmittelüberwachungsbehörden und Universitäten. Ein Viertel der Kommissionsmitglieder wird von den staatlich finanzierten Verbraucherzentralen, vom Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften und der Stiftung Warentest entsandt.

Ob es ihnen gelingt, die Interessen der Verbraucher bei den Beschlüssen durchzusetzen, lässt sich aber nicht nachprüfen, denn die Sitzungsprotokolle werden geheim gehalten. Der Öffentlichkeit bleibt vollständig verborgen, wie es zu den Leitsätzen kommt. Den 32 Kommissionsmitgliedern erlegt die Geschäftsordnung des Gremiums ausdrücklich eine „Verschwiegenheitspflicht“ auf. Die Protokolle der nicht öffentlichen Sitzungen bleiben unter Verschluss. (…)

Zu den seit vielen Jahrzehnten ganz normal erscheindenen Zusatzstoffen, die sich in vielen Lebensmitteln finden, gehört traditionell der Zucker. Ich berichtete vor längere Zeit schon einmal im Beitrag „Werbung gegen Realität, Teil 10: Zucker (vs. Stevia) und die Zucker-Mafia [3]“, welch bedenkliche Strukturen hier in der Industrie herrschen und wie sehr Zucker zu einer alltäglichen Beimengung in vielen Produkten geworden ist – auch solchen, die ein gesundes Image haben (Frühstücksflocken, Müsliriegel etc. pp). Wie ich dort schrieb, darf Zucker seit 1992 sogar als Schadstoff bezeichnet werden! Kein Wunder, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich überlegen, wie die eigene Ernährung wohl aussähe, wenn man ganz auf Produkte mit diesem süßen Gift verzichten würde. Der naturgetr.eu-Blog startete vor einigen Tagen seinen „Selbstversuch: 30 Tage ohne Zucker [4]“, den ich für sehr lobenswert halte:

(…) Zusammengefasst: Zucker macht nicht nur übergewichtig und fett, Zucker verursacht auch die so genannten Zivilisationskrankheiten (industrial deseases) und kann – in Form von Softdrinks – das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen deutlich erhöhen [5] und produziert in Form von Fructose auch noch eine Abhängigkeit, die sowohl in Verhalten und Auswirkung auf den Körper dem Alkoholismus gleicht (siehe Video) – wodurch im Übrigen auch klar wird, warum viele (trockene) Alkoholiker zu Fruchtsäften und Fruchtsaftgetränken greifen.

Zucker hat alles in allem nicht nur diese bisher erwähnten gesundheitsgefährdenden Eigenschaften. Zucker ist auch – wenn er isoliert und ohne natürliche Begleiter wie die in Früchten, Gemüse und Getreide ebenfalls vorhandenen Ballaststoffe konsumiert wird – ein Industrieprodukt erster Klasse, vielleicht sogar DAS Industrieprodukt schlechthin. Und somit eine Umweltsünde erster Klasse, denn sie ist einerseits allgegenwärtig und ist uns dabei andererseits weitgehend unbewusst.
Der angestiegene Konsum von Zucker hat also auch Auswirkungen auf unsere natürliche Umwelt – Zuckerrüben und Zuckerrohr werden monokulturell in Massen angebaut und werden dann unter hohem Energie- und Wasserverbauch aufbereitet und zu dem raffinierten weißen Pulver gemacht, welches wir Zucker nennen. (…)

30 Tage ohne Zucker – die Regeln für den Selbstversuch

Die Herausforderung dieses Selbstversuches ist es, ab einschließlich 1. November 30 Tage lang nicht nur die Produkte zu meiden, die offensichtlich Zucker enthalten (wie Süßigkeiten) sondern auch alle Lebensmittel, in denen man Zucker eigentlich nicht erwartet, aber dennoch “versteckt” vorkommt.

Meine selbst auferlegte Regel für die nächsten 30 Tage ist also simpel: keine Produkte, die zugesetzten Zucker enthalten. Gemüse und Obst ist folglich erlaubt (letzteres aber nur in nicht zu großen Mengen), da sie von Natur aus in geringen Mengen Zucker enthalten.
Zugegeben, da wir (d.h. meine Frau und ich) ohnehin keine Fertiggerichte, -saucen oder -gewürzmischungen verwenden, sondern frische Zutaten selbst zubereiten, wird es mir relativ leicht fallen, solche Quellen verstecken Zuckers zu vermeiden. Schwierig ist die Situation nach wie vor im Bezug auf unser tägliches Brot, denn gerade was Brot anbelangt, sind meine Vorrecherchen ernüchternd: Trotz rechtlicher Verpflichtung hatte so gut wie kein Bäcker eine Zutatenliste parat, anhand derer ich einschätzen konnte, ob die angebotenen Brotsorten unter Zusatz von Zucker (z.B. in Form von Zuckercouleur/karamellisiertem Zucker als Farbstoff) hergestellt wurden oder nicht. Und ich meine dabei nicht abgepackte Brote aus dem Supermarkt oder diese unsäglichen Bäckerei-Ketten und Backshops, die überall wie giftige Pilze aus dem Boden schießen, sondern auch normale handwerklich betriebene Bäckereien.

In seinem Posting „30 Tage ohne Zucker: 1 Woche ist vorbei [6]“ zieht er ein erstes (positives) Fazit seines Zuckerentzugs und macht sich noch einige Gedanken über die gesamtgesellschaftliche und -gesundheitliche Bedeutung des Zuckers:

Zucker und die Folgen…

Aus dem oben gesagten ergibt sich: Zucker macht nicht nur süchtig nach noch  mehr Zucker. Zucker macht auch süchtig auf noch mehr von allem! Na gut, zumindest wenns um Eßbares / Trinkbares geht. Wobei ich für meinen Teil zu der verallgemeinernden Hypothese neige, dass hoher Zuckerkonsum auch mit einem allgemein hohen Konsum einhergeht, also nicht nur im Bereich der Lebensmittel, sondern auch was z.B. Unterhaltungselektronik, Klamotten und wasnochalles anbelangt – vielleicht versucht der Körper so nicht nur über Zucker, sondern auch über andere Konsumwege, an mehr Dopamin zu kommen. Konsumismus, Hedonismus und Luxus werden so zum durch Zucker ausgelösten Abhängigkeitsverhalten. Nicht nur, um Dopamin auszuschütten, sondern auch, um gedachte soziale und individuelle Mißstände und Schieflagen auszugleichen: Du bist, was Du kaufst – und wieviel du kaufst. Zucker ist also – und das ist meine Meinung – der Einstieg in eine konsumzentrierte Welt des Habens (im Gegensatz zu einer Welt des Seins) [7]. (…)

Eine weitere Bloggerin, hildegaaard von Liberté, Egalité, Pfefferminztee [8], hat sich diesem löblichen Unterfangen angeschlossen und sogar einen eigenen Blog für dieses Projekt ins Leben gerufen, der ebenfalls „Selbstversuch: 30 Tage ohne Zucker [9]“ heißt (ist momentan allerdings nicht erreichbar…) und ihren täglichen Kampf mit dem süßen Gift und die Schwierigkeiten, in der heutigen Zeit ohne diesen omnipräsenten Zusatzstoff aufzukommen, dokumentiert.

EDIT 21.1.2014: Leider führen einige der Links inzwischen ins Leere. Im Utopia-Blog hat Userin Spiraldancer aber auch einen entsprechenden Bericht zum Thema Zuckerverzicht veröffentlicht – „Ein Leben (fast) ohne Zucker [10]“.

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