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Der Kampf ums Papier

Papier umgibt uns im Alltag allüberall, und auch die früheren Visionen eines „papierfreien Büros“ durch Computer & Co. haben sich absolut nicht bewahrheitet. Papier ist für unsereins ein billiger, stets verfügbarer Rohstoff, über den man sich selten Gedanken macht, dessen Produktion jedoch oftmals höchst bedenklich und naturschädigend ist. Im österreichischen Blog Auftragselfe wurde ich durch den Artikel „Papier, Papier… [1]“ darauf aufmerksam gemacht, dass es vielerlei Gründe gibt, seinen Umgang mit Papier (wie auch mit anderen Ressourcen) zu überdenken:

(…) Wenn für unser Papier, das wir verwenden, Regenwälder und Lebensräume zerstört und Menschenrechte verletzt werden, müssen wir genauer darüber nachdenken und handeln. Papier- und Pappehersteller wie Aracruz [2] besitzen tausende Hektar Monokulturen und über 90 % der gewonnenen Zellstoffe werden exportiert: An Konzerne wie Procter & Gamble [3], die damit dann Millionengewinne machen, unter anderem mit Klopapier und Taschentücher (Tempo, Pampers, Bounty…). (…)

Deutschland verbraucht beispielsweise mehr Papier als Afrika und Lateinamerika zusammen, um genau zu sein: 224 kg pro Person und Jahr (ausgerechnet von der UNEP [4]). Jeder 5. weltweit gefällte Baum landet in einer Zellstoffmühle. Papier und sein Faserrohstoff werden aus insgesamt 130 Ländern der Erde nach Deutschland eingeführt.
Durch Sojaanbau, Staudämme, Bergbau, Ölpalmplantagen (siehe meinen Blog unter Palmöl) etc… und eben auch durch Kahlschläge für Zellstoffe und Papier schrumpft der Wald immer weiter. Gerade Primärwälder (Urwälder) brauchen Jahrtausende für ihre Entstehung, sie können nicht gepflanzt werden – einmal abgeholzt, sind sie für immer verloren. Plantagen trocknen die Böden aus, in Monokulturen gibt es keine Artenvielfalt mehr und werden anfällig für Schädlinge, dadurch kommt es zum Einsatz von Pestiziden, Kunstdünger belasten weiter die Böden und Gewässer – ein Teufelkreis. (…)

Bei Papierprodukten ist es natürlich sinnvoll, auf Recycling zu achten, genauso wie auf das FSC-Siegel, das darauf hinweist, dass das Holz, das für die Produktion neuen Papiers verwendet wurde, aus nachhaltigem Anbau stammt. Auftragselfe warnt allerdings vor anderen Siegeln:

[5]Es wird aber auch getrickst – zum Beispiel mit dem Aqua Pro Natural / Weltpark Tropenwald – Zeichen:

Das ist ein firmeneigenes Zeichen, welches damit wirbt keine Zellstoffe aus Tropen zu verwenden, dieser kann jedoch sowohl aus Russland, Skandinavien und Kanada kommen und aus Urwäldern und Forsten! Nicht täuschen lassen!

Regenwald.org klärt in „Der Tempo-Krieg [6]“ noch etwas weiter darüber auf, was unsere Wegwerfgesellschaft in anderen Ländern für schlimme Konsequenzen hat – gerade das rücksichtslose Wirtschaften der großen Konzerne:

[7]In Brasilien räumten Polizeitrupps brutal zwei indigene Dörfer und verletzten 13 Menschen. Es geht um die Zellstoff-Produktion, auch für unsere Papiertaschentücher.

Am 20. Januar 2006 kehrten in Brasilien wieder Verhältnisse zurück, wie sie zu Zeiten der Militärdiktatur 1964 bis 1985 geherrscht hatten, als Menschenrechte systematisch verletzt wurden. 120 Polizisten überfielen im Bundesstaat Espirito Santo mit brutaler Gewalt Siedlungen der indigenen Völker Tupinikim und Guarani, um sie von einem 11.000 Hektar großen Grundstück zu vertreiben. Die Polizei setzte Gummigeschosse und Tränengas ein und jagte die Opfer eine Stunde lang per Hubschrauber. Bei dem Angriff wurden mindestens 13 Tupinikim und Guarani teils schwer verletzt und Häuser zerstört.

Das Land hatten die Indigenen im Sommer 2005 friedlich besetzt, nachdem der Zellstoff-Riese Aracruz Celulose es fast 40 Jahre lang illegal genutzt hatte. Obwohl nach Studien der staatlichen Indianerbehörde FUNAI die dort beheimateten Tupinikim und Guarani die rechtmäßigen Besitzer des Landes sind, hatte Aracruz sich rigoros geweigert, das Gebiet an die Indianer zurückzugeben. (…)

(…) Alles Lüge, belegt eine neue Studie des World Rainforest Movement (“Promises of Jobs and Destruction of Work: The Case of Aracruz Cellulose in Brazil”). Unter dem Strich würden keine Jobs geschaffen, sondern welche vernichtet. Schon die Aneignung von Urwaldfläche und Ackerland habe Tausende Familien um Einkommen und Existenz gebracht. “Die großen Monopolunternehmen der Eukalyptus- und Zellstoffplantagen im Bundesstaat Espirito Santo zerstören bäuerliche Landwirtschaft, verdrängen die Produktion von Nahrungsmitteln, verhindern die Umsetzung der Landreform sowie die Rückgabe und Demarkation der Indianergebiete”, heißt es in der Studie. Umgerechnet auf die von Aracruz genutzte Eukalyptusfläche, habe der Konzern gerade einen Arbeitsplatz pro 122 Hektar geschaffen.

Die wenigen Jobs in der Branche sind laut Studie schlecht bezahlt, gefährlich und gesundheitsschädlich. In den Aracruz- Monokulturen müssten die Arbeiter die Eukalyptusbäume häufig ohne Schutzkleidung mit Agrargiften spritzen. Seit 2004 versucht eine Selbsthilfegruppe schwer erkrankter ehemaliger Aracruz-Arbeiter mit den Witwen der bei Arbeitsunfällen oder als Folge von Giftkontakt gestorbenen Arbeiter von Aracruz eine Entschädigung zu bekommen, bisher ohne Erfolg.

Urgewald stellt zudem die Informationsbroschüre „Papier macht niemand satt! [8]“ als kostenloses pdf zur Verfügung, die weitere Einblicke in die Papierindustrie und ihre Folgen gewährt – HIER [9].

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