Dez
16
2008

The Consumer Paradox – Die Zufriedenheit der Menschen hängt von ihrem Konsumverhalten ab

[Dieser Artikel stammt wieder von meinem geschätzten Gastautoren D. Anger.]

Am 8. Dezember dieses Jahres verwies Peter auf einen sehr guten Film über die Produktion vieler bewusst kurzlebiger Verbrauchsgüter, namens The Story of Stuff. Darin taucht ein interessanter Gedanke auf: Je mehr ein Mensch konsumiert, desto unzufriedener wird er. Das Phänomen bezeichnen US-amerikanische Forscher als „The Consumer Paradox”, hierzu gibt es bereits verschiedene Studien, beispielsweise die Kollaboration der US-Universitäten von Illinois und Minnesota. Auch der britische Professor Richard Layard von der London School of Economics befasst sich bereits seit einiger Zeit mit diesem Thema.

Bei diesen Studien fanden die Forscher heraus, dass ein Hang zum Materiellen nicht nur mit einem schwach ausgeprägten Selbstwertgefühl korreliert, sondern sogar ursächlich für die geringe Eigenwertschätzung sein kann. Als Gegensatz konnte beobachtet werden, dass das Selbstwertgefühl einer Person steigt, wenn sie sich weniger von Materiellem abhängig macht.

Dies ist ein Paradoxon auf zweierlei Weise:

  • Zum einen denken sehr viele Verbraucher, dass es ihnen besser ginge, wenn sie nur ein bisschen mehr verdienten. Schließlich könnten sie sich dann den teuren Fernseher, den schicken Anzug, den neuen Computer, die Schönheitsoperation oder etwas Ähnliches leisten. Der Kauf soll dann die harte Arbeit entlohnen; man hat sich dieses oder jenes „verdient”.
    Ein „bisschen mehr verdienen” geht aber in der Regel mit längerer Arbeitsdauer und höherer Verantwortung einher. Beides sind Faktoren, die für viele Menschen belastend wirken, wenn sie über eine längere Zeit diesen Faktoren ausgesetzt sind. Somit sinkt ihre Zufriedenheit, obwohl sie durch Geld und Einkäufe doch angeblich steigen sollte.
  • Zum anderen gilt das „Ankurbeln der Binnenkonjunktur” als Allheilmittel in konjunkturell schwierigen Zeiten. Wenn Einnahmen von Staat und Wirtschaft sinken, weil die Menschen ihr Geld lieber sparen, anstatt es auszugeben, machen sich eine Reihe angeblich kluger Köpfe auf und entwickeln Maßnahmen, die die Menschen zum Konsum bewegen sollen.
    Über „Konsumgutscheine” wird ebenfalls nachgedacht, obwohl diese Maßnahme sehr umstritten ist, da das der Allgemeinheit zur Verfügung gestellte Geld ohnehin vom Steuerzahler stammt und schließlich auch von diesem wieder eingeholt werden muss.
    Auch wenn die erdachten Maßnahmen zum gewünschten Ergebnis führen, ist der dafür gezahlte Preis höher, als es die Statistik am Ende zeigt. Die Zufriedenheit weiter Teile der Gesellschaft nimmt weiter ab, mit den möglichen Konsequenzen von beispielsweise mehr Depressionen und mehr Suchtkranken. Die Umwelt wird stärker belastet, weil beim Anstieg der Verkäufe auch mehr schädliche Produkte erworben werden. Die Belastung der Umwelt führt ebenfalls zu einer steigenden Unzufriedenheit innerhalb der Gesellschaft. Die Ausbeutung billiger und stets verfügbarer Arbeitskräfte in Ostasien geht ungehindert weiter und nimmt womöglich zu. Der eigene Energieverbrauch erhöht sich, so dass auch diese Kosten ungeplant anwachsen.

So gilt es also – ganz egoistisch – der eigenen Zufriedenheit wegen, auf kurzfristigen Konsum zu verzichten. Der Besuch bei guten Freunden tut der eigenen Seele auch viel besser als ein neuer Fernseher. Und auch das eine oder andere Geschenk zur Weihnachtszeit darf gerne ein Taschenbuch und kein elektronisches Spielzeug sein. Es gilt, aus der Spirale der immer teureren und bunteren Geschenke auszubrechen und zu ein wenig Ruhe zu finden.

Diverse Quellen beschreiben, dass die Menschen vor 50 Jahren weniger Besitz als heute hatten, aber deutlich zufriedener waren. Man darf jedoch „weniger Besitz” nicht mit existenzbedrohender Armut oder dem Zustand eines kriegsversehrten Landes verwechseln. Es geht eher darum, das eigene Leben so zu vereinfachen, damit die wirklichen Freuden Zeit und Raum erhalten.

D. Anger

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6 Comments

  • ich würde ja fast behaupten wollen, dass es sich genau anders herum verhält: wer unzufrieden ist bzw. ein schwach ausgeprägtes selbstwertgefühl hat, konsumiert mehr.

    Comment | 16. Dezember 2008
  • Ich denke, das schaukelt sich gegenseitig hoch – also hoher Konsum verstärkt das geringe Selbstwertgefühl usw., wie in einer Spirale, einem Teufelskreis geradezu. Wobei natürlich auch nicht jeder Kauf Ausdruck von mangelndem Selbstwertgefühl ist :-) – wenn ich hin und wieder mal ein neues Hemd oder so kaufe, hat das für mich eventuell keine größere Bedeutung, d.h. es ist kein emotional sonderlich aufgeladener Akt. Bedenklicher wird es bei den Leuten, die quasi dauernd was kaufen, und sei es nur irgendeinen Schnickschnack für die Küche oder so. Da scheint der Konsumakt eine gewisse Leere desjenigen auszufüllen (bzw. das zu versuchen). Sag ich mal so als Nicht-Psychologe.

    Comment | 16. Dezember 2008
  • Anger

    Ich denke da wie Peter: Das Eine schließt das Andere nicht aus, sondern beide Punkte beeinflussen sich gegenseitig.

    Das Phänomen, dass die eigene Zufriedenheit mit dem Kauf von kurzlebigen Gütern sinkt, kenne ich auch von mir: Wenn ich sehr viel über mehrere Wochen gearbeitet hatte, konnte ich mich selbst dabei beobachten, wie ich immer häufiger auf aBay, Amazon und anderen ähnlichen Seiten unterwegs war. Nicht, dass ich etwas brauchte, aber ich hatte das Bedürfnis, etwas zu kaufen. Hatte ich dann irgend etwas gekauft, fühlte ich mich kurze Zeit gut, fiel dann aber in ein tieferes Loch als vorher, weil das Produkt bereits nach kurzer Zeit seinen Reiz verloren hatte und nur noch rumstand, der Geldbeutel leerer war, und ich mich genauso leer wie vorher fühlte, zusätzlich kam das schlechte Gewissen wegen des Kaufs hinzu.

    Comment | 16. Dezember 2008
  • stimmt, es ist eine wechselwirkung – ein unzufriedener mensch versucht, dies durch konsum zu kompensieren (ersatzbefriedigung) und wird durch den konsum dann – wie Anger gut beschrieben hat – nach einer kurzen zeit noch unzufriedener, weil besitz belastet und vor allem, weil sich die wahren bedürfnisse so eben nicht befrieden lassen…

    Comment | 16. Dezember 2008
  • koschei

    hmm³ … ich kann mich an den kommentar einer kurskollegin erinnern, als ich erklärte, daß ich den kurs [die rede ist von den berüchtigten ams-kursen in at] nach einem monat verlassen werde, da er mir nix bringt. darauf meinte sie, warum ich nicht dableiben wolle, von wegen, wenn ich einen job fände, und ich mehr verdienen würde, könnte ich mir auch mehr leisten, usw. worauf ich meinte, und dann gehts mir besser oder wie? sie sah mich eine weile an während wir weitergingen und wechselte schließlich das thema.
    [ich muß dazu sagen, ich lebte damals von ca 200/250e im monat]

    andererseits, ad selbstwertgefühl und massig dinge kaufen … und das auf manche leute im sinne einer gleichung umlege, komme ich noch mehr ins grübeln. aber am ansatz selbst könnte etwas dran sein.

    Comment | 18. Dezember 2008
  • […] hängt von ihrem Konsumverhalten ab Schon ein paar Tage alt, passend in der Adventszeit veröffentlicht. Aber auch jetzt lesenswert, immer lesens- und nachdenkenswert. Gerade jetzt, wo wir zur Rettung […]

    Pingback | 20. Januar 2009

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