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Die Altkleider-Lüge

Kennt Ihr das auch? Man schaut sich mal wieder eine kritische Reportage über diesen oder jenen Missstand in der Welt an, über einen schlimmen Konzern oder Ausbeutung in armen Ländern, und denkt dann bei sich: „Mist, das hätte ich jetzt doch besser nicht gewusst – nun bin ich deprimiert!“ Dieser Effekt tritt besonders dann ein, wenn nicht einer der üblichen Verdächtigen (Banken, Nestlé, Fleischkonsum, …) an den Pranger gestellt werden, sondern es um Organisationen oder Ideen geht, die eigentlich gut gedacht und gemeint sind, so wie neulich der Wirbel um den WWF. In die gleiche Kategorie fällt auch die Sendung „Die Altkleider-Lüge [1]“, die der NDR vor einer Weile ausstrahlte und die mit dem Irrglauben aufräumte, dass man mit Kleiderspenden an das Rote Kreuz etc. wirklich etwas Gutes für Menschen in Afrika und anderswo tut.

Die meisten glauben, dass die hierzulande gesammelten Altkleiderspenden direkt in die Katastrophengebiete der Welt gehen. Was sie nicht wissen: Der größte Teil der gespendeten Bekleidung wird weiterverkauft – zum Kilopreis. Einige Hilfsorganisationen platzieren oft nur ihr Logo auf den Sammelcontainern von Altkleiderfirmen.

Einige größere Wohltätigkeitsorganisationen sammeln Altkleider, die an Firmen verkauft werden. Die Bedürftigen haben nichts davon. Was sagen Sie dazu? Wir freuen uns über Ihre Meinung.mehr [2]

Ein geringer Teil der Kleidung wird direkt in Deutschland an Bedürftige ausgegeben. Die besten noch brauchbaren Sachen gehen nach Osteuropa und in die arabischen Staaten. Sechzig Prozent der heimischen Ware gelangt nach Afrika. Doch was passiert dort mit den Altkleidern? Die Reportage-Autoren Michael Höft und Christian Jentzsch haben in Tansania nach Antworten gesucht. Ihr Fazit: Nicht nur deutsche Firmen und einige große Hilfsorganisationen verdienen gut an den Kleiderspenden, auch für viele Händler in Afrika sind Altkleiderspenden ein lukratives Geschäft. Selbst die Ärmsten der Armen müssen dafür bezahlen. Die Billigkleider überschwemmen die Märkte des Landes und zwingen die afrikanische Textilbranche in die Knie. Hintergründe zum Thema im Dossier.

Auch Die Zeit berichtet in „Das Kilo für 1,20 Dollar [3]“ darüber:

(…) So ungefähr stimmt das sogar, nur ein entscheidendes Detail ist selbst dem Angestellten des DRK nicht bewusst: Es sind nicht die Hilfsbedürftigen der Welt, die von den Spenden leben, sondern eine global arbeitende und denkende Branche, die die Kleidung in einem knallharten Geschäft verkauft. Und das in so großen Mengen, dass die einheimische Textilindustrie in vielen belieferten Ländern inzwischen vollkommen marginalisiert ist. Der eigentliche Wille der Spender wird auf diese Weise ad absurdum geführt: Anstatt den Armen zu helfen, ist jedes gespendete Kleidungsstück ein weiterer Beitrag zur Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten – vor allem in Afrika, wohin der Löwenanteil der Ware exportiert wird.

Wie konnte es so weit kommen? Es steckt eine genial einfache Geschäfts- und Marketingidee dahinter, die wie eine Gelddruckmaschine funktioniert: Man bemächtigt sich einer Ware ohne Herstellungskosten. Denn diese wird gespendet, wofür die Geber mit einem guten Gewissen belohnt werden. Keine der großen Wohltätigkeitsorganisationen redet gern darüber, aber fast alle sind dabei, ob Malteser, DLRG oder eben das Deutsche Rote Kreuz, der größte Player auf dem deutschen Markt. (…)

(…) Der Hafen am Indischen Ozean ist Einfallstor eines stetig wachsenden Warenstroms. Von hier aus überfluten die in Plastikfolie eingeschweißten Altkleiderchargen nicht nur Tansania, sondern auch die angrenzenden afrikanischen Staaten. Und die Folgen sind schon auf den ersten Blick offensichtlich. An jeder Ecke stehen kleine Händler, die versuchen, Mitumba zu verkaufen. Auf den großen Märkten erstrecken sich kilometerlange Basarstraßen, auf denen ausschließlich Secondhandkleidung zu haben ist. Und nebenan sitzen die Näherinnen, die XXL-Hosen auf afrikanisches Hungerformat ändern. Die Frauen schuften im Akkord für weniger als 80 Euro im Monat, aber sie haben wenigstens noch einen Job. Rund 80.000 Beschäftigte der ehemals stattlichen tansanischen Textilindustrie haben ihren hingegen verloren. Denn Mitumba (Altkleiderspenden) ist kein einheimisches Produkt gewachsen. (…)

Wie gesagt, irgendwie ganz schön deprimierend… und das zeigt mal wieder, dass etwas grundlegend falsch läuft in diesem System.

EDIT: Das DRK hat eine ausführliche Stellungnahme zu der Doku veröffentlicht, die einige Dinge zurechtrückt bzw. aus der Sicht des DRK schildert. Zu finden HIER [4].

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