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Lesetipps: Berlin-Wahl-Nachklapp | #occupywallstreet | Sklaverei

Wir leben in interessanten Zeiten, soviel ist sicher. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass es die Piratenpartei ins Berliner Landesparlament schaffen würde? Glückwunsch – und man darf gespannt sein, wie es mit dieser Partei weiter geht, also ob sie auch Kompetenz abseits ihres Kerngebiets Internet entwickelt und es schafft, auch von den Medien ernst genommen und nicht mehr als „Nerdpartei für Technikspinner, die Kinderpornografie und illegale Downloads legalisieren wollen“ verunglimpft zu werden. Ebenfalls erfreulich – Die Partei hat fast 1% der Stimmen auf sich vereinigen können und im Bezirk Kreuzberg mit 2,2% sogar mehr als doppelt so viele Prozentpunkte geholt wie die Spaßpartei FDP. Ihrer eigenen Linie treu bleibend hat Sonneborns Truppe, parallel zur Berliner Sektion der Hedonistischen Internationale sowie auch einer namentlich nicht bekannten Gruppe von AktivistInnen, die Wahl„party“ der FDP geentert und durch unpassend erscheinenden Jubel aufgemischt. Auch das FDP-Aussteigerprogramm, das er den enttäuschten Liberalen anbot, ist eine hübsche Idee. Wunderbare „Polit-Jamming“-Aktion, über die auch Bleib passiv! – „Riesenstimmung bei FDP-Wahlparty [1]“ – und Mainstreammedien berichten (z.B. N24 – „Die Partei jubelt bei den Liberalen [2]“).

Wie ich hier im Blog schon ein paar Mal berichtete ging es im Vorfeld der Berlin-Wahl an der Plakatefront hoch her – viele Adbusting-Aktionen erfreuten die Hauptstadtbewohner und regten allerorts die Kreativität an. Die Plakat-Richtigstellungen schafften es sogar „bis ganz oben“, nämlich auf heute.de! Dass Adbusting nun auch bei den großen Sendern angekommen ist, lässt hoffen, dass solche Umformulierungen von Propaganda nicht nur auf politische, sondern auch auf kommerzielle Reklame vermehrt überspringen. „Kreativer Straßenprotest in Berlin: Renate mit Granate [3]“:

Es werden immer mehr: Satirisch veränderte und in ihrem Sinn verkehrte Wahlplakate. Berliner Street-Artists variieren die Slogans und Bilder der Parteien-Werbung zur Abgeordnetenhauswahl. Ihr Ziel: Eine Gegen-Wirklichkeit im öffentlichen Raum. (…)

Wer dieser Tage in Berlin unterwegs ist, findet in der Unmenge von Parteiplakaten zur Abgeordnetenhauswahl am 18. September immer wieder sogenannte Adbustings. Wahlwerbung, die von findigen Street-Artists mit Hilfe von Teppichmesser, Papier und Kleister ad absurdum geführt wird. In diesem Fall, indem der Satzteil „für neue Arbeitsplätze“ mit „auch in Afghanistan“ überklebt wurde. Und mit der Granate, die Renate Künast in der „gebusteten“ Version in der Hand hält. (…)

Das illegale Adbusting geschieht nachts, in geplanten Aktionen und kleinen Gruppen: Kommunikations-Guerilla. Beim „Renate kämpft“-Plakat waren sie zu viert. Es geht Blissett und seinen Freunden dabei nicht nur um Provokation. Statt auf Vandalismus oder das „klassische Hitlerbärtchen“, wie der Street-Artist sagt, setzen die Adbuster darauf, sich der Mittel der Werbung selbst zu bedienen und gleichzeitig ihren Sinn ins Gegenteil zu verkehren.

Ein „gebustetes“ Plakat kommt genauso seriös daher wie das Original. „Wir nutzen die herrschenden Codes, etablierte Medien, wie die Wahlplakate, um subversive Inhalte zu transportieren. Es geht darum, eine Gegen-Öffentlichkeit zu erschaffen. Es gibt eben eine Menge relevante Informationen, die die Parteien lieber unter den Teppich kehren. Wir wollen das Vertrauen erschüttern, dass alles, was da so steht, auch stimmt. Und vielleicht denkt eben nicht mehr jeder an das ‚Ja‘ der Grünen zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr im Jahr 2001“, sagt Blissett. (…)

Auch in der taz sorgten die forschen Slogan-Korrekturen für Aufsehen – Lena Kampf beschreibt in „Unterwegs mit Adbustern [4]“, wie eine Berliner Gruppe von Aktivisten Nachts ihr UnWesen treibt – großartig!

(…) Der Berliner Wahlkampf glänzt vor allem durch Inhaltsleere. Die SPD wirbt ausschließlich mit Klaus Wowereits Gesicht, die Linke sagt zu allem „Ja“. Und die CDU verspricht irgendwie aufzuräumen. Den Wahlkampf wieder mit gehaltvollen Aussagen zu füllen, wird so zu einem subversiven Akt. Acht Berlinerinnen und Berliner tun derzeit genau das: Mit Sprühkleister und Spraydose zeigen sie, was ihrer Meinung nach eigentlich auf den Plakaten stehen sollte. Um zwei Schlagwörter ergänzen sie die Botschaft von CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel: Jetzt steht auf seinem Plakat am U-Bahnhof Mehringdamm neben „Aufräumen“ auch noch: „Abschieben“ und „Wegsperren“. (…)

EDIT: Auch im Schweizer Wahlkampf wird inzwischen zum Mittel des Adbustings gegriffen, um auf Plakatpropaganda zu antworten, wie der Southvibez-Blog berichtet – „Mit dem Pinsel gegen die SVP – Adbusting in Schaffhause [5]n“.

Eine andere Form des zivilen Ungehorsams geht derzeit in New York (und an einigen anderen Städten in der Welt) vor sich – vor einer Weile hatte Adbusters ja die Aktion #occupywallstreet ins Leben gerufen (siehe auch HIER), bei der ab dem 17. September friedliche Aktivisten und Demonstranten auf der Wall Street in Manhattan campieren sollten, um so das Finanzzentrum, dessen Treiben die Welt in den Abgrund führt, zu blockieren und anzuklagen. Auch die Anonymous-Gruppe hatte diesen Aufruf unterstützt, so dass seit letzten Samstag einiges vor der Börse los ist. Gulli.com berichtet in „Occupy Wall Street – Tausende Demonstranten in der Wallstreet [6]“ über die Entwicklung, die allerdings am dritten Tag deutlich an Schwung verloren hat – kein Vergleich mit den Massenprotesten im arabischen Raum z.B.:

(…) Hauptanliegen der zahlreichen Demonstranten scheinen vor allen Dingen die Umstände der Finanzkrise zu sein. In einem Livestream, der leider nicht sehr zuverlässig ist, sind etliche Gruppen zu sehen, die Plakate mit der Aufschrift „People not profits“ tragen. Andere Personen haben sich schlichtweg dazu entschlossen, Yoga-Übungen auf den Grünflächen des Areals in Manhattan zu machen. Einige der Aktivisten haben sogar vor, mehrere Tage auf den Straßen der Wall Street zu verbringen.

Offiziell handelt es sich bei der Demonstration um eine lose Bewegung, die ohne Leitung oder Organisation auskommt. Begründer der Idee war offenbar die Zeitschrift Adbusters, die auf ihrer Webseite schon länger die Werbetrommel für die Aktion rührte. Kalle Lasn, eine Mitarbeiterin des Magazins erklärte gegenüber CNN [7], dass viele Leser des Blattes besonders verärgert seien, dass die mutmaßlichen Schuldigen der Finanzkrise nicht zur Rechenschaft bezogen werden und deshalb auf die Straßen gingen. (…)

(EDIT: Kalle Lasn ist natürlich keine MitarbeiterIN, sondern Gründer und Herausgeber von Adbusters.) Die britische Zeitung The Guardian hat einen erstaunlich wohlwollenden Artikel über die Aktion veröffentlicht: „The call to occupy Wall Street resonates around the world [8]“. Und auf der Adbusters-Seite gibt es sogar einen Livestream direkt vom Ort des Geschehens – HIER [9].

Watch live streaming video [10] from globalrevolution [11] at livestream.com

Im Bio-Natur-Weblog stieß ich auf eine interessante und gleichzeitig erschreckende Karte bzw. Initative – „Products of Slavery: Kinderarbeit, Ausbeutung, Sklaverei [12]“. Bei der Products of Slavery-Website [13] kann man sich auf einer interaktiven Karte anschauen, wechle Länder für welche Produkte besonders stark auf Sklavenarbeit zurückgreifen. Dass wir im Westen davon ordentlich profitieren und in vielen der Dinge, die wir so kaufen, also das Leid von Menschen in anderen Teilen der Welt steckt, ist klar und ja auch regelmäßig in meinem Blog Thema.

[14]

Das Thema „Moderne Sklaverei“ wurde neulich auch in der 3sat-Sendung Scobel diskutiert – man kann sich dies noch online anschauen, nämlich HIER [15].

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