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Lesetipps: Plakate in der virtuellen Welt | Leben scripten | Zara | Voyeurismus-Fernsehen | Finanzkrise

Eigentlich ist es kein Wunder, dass die Werbewirtschaft nicht nur danach trachtet, den realen öffentlichen Raum mit ihren Parolen zuzupflastern und die Menschen damit in einem permanenten „Haben wollen / Kaufen sollen“-Zustand zu halten, sondern ebenfalls versucht, in jede Ritze des Alltags einzudringen. Von daher ist Reklame in Computerspielen schon seit längerem ein Thema, nicht erst, seitdem Games wie Fifa die möglichst „realistische“ Stadiondarstellung dadurch erhöhen, dass sie die virtuellen Pixel-Werbebanden wie im wahren Leben an Unternehmen verkaufen. So ist sicher gestellt, dass die Spieler permanent Markennamen und Werbebotschaften zu sehen bekommen und dies auch noch als „erfreulich realitätsnah“ goutieren. Ein perfekter und irgendwie pefider, selbstverstärkender Mechanismus… wie auch Der Standard in „In-Game-Werbung: Plakate in der virtuellen Welt [1]“ (eher neutral) beschreibt:

(…) Längst werden noch nicht alle Möglichkeiten des Milliardenmarkts rund um Videospiele genutzt. Stichwort Ingame-Advertising: Der Werbung in Computerspielen wird seit Jahren eine große Zukunft vorhergesagt. Sie ist zwar durchaus ein stark wachsender Markt, angesichts des Booms virtueller Welten bleibt das Geschäftsfeld dennoch hinter ihren Möglichkeiten.

Microsoft-Tochter Massive Incorporated, neben IGA Worldwide eine der großen Agenturen, die Werbung weltweit in Blockbuster- Games einspeisen, wirbt mit dem Anstieg der Bekanntheit der beworbenen Marke von mehr als 60 Prozent unter Spielern. Die Werber setzen auch darauf, dass Gamer die virtuellen Welten als authentischer empfinden, wenn sich darin aktuelle Werbung wiederfindet.

(…) Die „Ski Challenge“, das erste derartige Produkt Greentubes, wird in der Alpenrepublik viel besser angenommen. Ein großer Vorteil der selbstgemachten Spiele ist die bessere Kontrolle des Werbeerfolges: Bei Greentube ist man stolz auf ein Programm, das genau messen kann, wie lange ein Logo in einer durchschnittlichen Größe sichtbar ist. (…)

Dazu passt auch ein wenig Satire, die aber vielleicht bald gar nicht mehr so weit weg vom wahren Leben ist – das Koyote-Magazin schreibt über eine „Gelangweilte Familie will sich ihr Leben scripten lassen [2]“, was ich als Folge dieser ganzen Dokusoaps für nicht komplett abwegig halte. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und virtuellen Welten verschwimmen ja eh immer mehr, wie wir oben schon lesen konnten…:

Ein zweifacher Vater aus einem Bielefelder Vorort hat einen ungewöhnlichen Plan: Er will das Leben seiner Familie von einem Profi-Autor scripten lassen.

(…) Nach mehreren Vorgesprächen durfte Schlotz schon mal einen Blick in das Manuskript der ersten Staffel werfen: „Meine Frau wird mich mit meinem Stiefvater betrügen“, verrät Schlotz nicht ohne Stolz, „und ich werde unser Haus beim Online-Poker an die Russenmafia verzocken.“ Sohn Karsten gerate in die Fänge fieser Satanisten und dürfe einen Amoklauf vorbereiten, während Klaudia von einem 12-jährigen Crackdealer schwanger werde, aber ihrem Bruder die Vaterschaft unterschiebe. „Für Abwechslung ist ab jetzt also gesorgt“, sagt Schlotz, „da kann der Fernseher wohl ausgeschaltet bleiben!“

Apropos „Doku-Soaps“ — auch Spiegel Online brachte unlängst einen angenehm süffisanten und kritischen Beitrag über diese Sendeformate, die auf den ersten Blick nur dümmliche Unterhaltung darstellen, auf den zweiten Blick aber auch eine Art von Verrohung und Desensibilisierung/Empathielosigkeit für die Nöte anderer fördern, dass ich sie eigentlich für sehr gefährlich halte. RTL & Co. machen sich auf der Jagd nach der schnellen, billigen Quote auf jeden Fall mitschuldig an negativen gesellschaftlichen Entwicklungen. „Voyeurismus-Fernsehen: Öffnen Sie dieser Frau nie die Tür! [3]“:

(…) Sie heißen Britt, Vera oder Tine. Sie sind gekommen, um zu helfen. Und sie gehen nicht wieder weg. Im Gegenteil, sie machen sich immer breiter. Sie führen asoziale Teenager in die Gesellschaft zurück, sie renovieren Hartz-IV-Empfängern ihre hässlichen Wohnungen, sie vermitteln Menschen mit Schwabbelbauch an andere Schwabbelbäuche, sie machen Jagd auf Schmarotzer. Der Trend zum Coachen und Therapieren, zum Kuppeln und Denunzieren setzt sich im deutschen Privatfernsehen immer mehr durch. (…)

Sie sind die Elends-Scouts des deutschen Fernsehens. Sie führen den Gaffer vor dem Fernsehgerät in Wohnungen, in denen sich der Müll türmt, sie führen ihnen Männer vor, deren einzige weibliche Bekanntschaft die eigene Mutter ist, und sie präsentieren Hartz-IV-Empfänger, die zu doof sind, das Geld einzusacken, das ihnen eigentlich zusteht. Vergiftete Nächstenliebe muss man sowas wohl nennen. Denn mit dem Argument, helfen zu wollen, sammeln die Fernsehfrauen bizarres Bildmaterial, an dem sich der Zuschauer weiden darf.

Perfider war deutsches Privatfernsehen noch nie. Ob Britt Hagedorn und ihre Moppel-Vorführungen in „Schwer verliebt“, Sabina Hankel-Hirtz und ihr Verwahrlosten-Bootcamp in „Das Messie-Team“ oder Tine Wittler und ihr Streich-und-Roll-Kommando „Einsatz in 4 Wänden“: Mit dem neuen weiblichen Samaritertum eröffnen RTL, RTL II und Sat.1 ihrem Medium neue Dimensionen der Diffamierung und Demütigung. (…)

Leider nicht gescriptet, sondern harte Realität ist das Treiben der großen Modeketten, die für ihre Klamotten Menschen in armen Ländern ausbeuten, Baumwollanbau mit Pestizideinsatz fördern und oft genug sogar ihre eigenen Angestellten mies behandeln (KiK). Darüber sinniert auch Paul Bögle in seinem Bio-Natur-Blog und nimmt sich den spanischen Konzern Zara zur Brust – „Zara: Schmutzige Wäsche und saubere Gewinne [4]“. Man muss sich da keinen Illusionen hingeben, dass ein solches Unternehmen mit seiner gelackten Hochglanz-Ästhetik, die in den Shops und in der Reklame präsentiert wird, etwa sozialverträglich produzieren würde:

(…) Denn so ein gutes Stück ist selbst im wohlstandsgeschwängerten [5] Europa nicht gerade billig. Auch wenn Zara paradoxerweiseKampagne für saubere Kleidung. Gegen Unterdrückung, die Ausbeutung und den Mißbrauch der ArbeitnehmerInnen in dieser Industrie. [6] seine textilen Beutestücke in Billiglohnländern wie Brasilien durch oftmals illegal im Land lebende Menschen aus Bolivien produzieren lässt, kostet so ein gutes Stück aus dem ehrenwerten Hause Zara dann doch um die 50,- Euro, wie ich mich auf der deutschen Website, übrigens sehr ansprechend gestaltet und mit entzückend hübschen Models frei von schmutziger Wäsche, informiert habe. Aber bei einem monatlichen Verdienst der in Zara-Diensten stehenden MusikerInnen, denn der “Preis macht halt die Musik“, wie es nicht nur in Kreisen der Modebranche so zynisch heißt, zwischen 156,- und 290,- amerikanischen Dollar (ja, stimmt schon, monatlich, nicht wöchentlich!) stehen seltsamerweie andere Bedürfnisse im Vordergrund als so ein modisches und äußerst kleidsames Beinkleid aus dem ehrenwerten Hause Zara. Wenn wir dann weiterhin wissen, dass eigentlich in Brasilien ein durchschnittliches Monatseinkommen von 344,- Dollar in die familiären Haushaltskassen wandert, wird die Sache mit der Jeans noch unerreichbarer. (The Guardian: Zara accused in Brazil sweatshop inquiry [7])

Und außerdem stehen zwischen der Illegalität aus Bolivien, Paraguay oder Peru und den ehrenwerten Zara-Brutstätten Produktionsstätten dann auch noch andere ehrenwerte Damen und meist Herren, welche unter dem Sammelbegriff “Coyotes” in freier Wildbahn laufen, aber in unseren Kreisen eher unter dem Pseudonym “Menschenschlepper” ihre wohlfeilen Dienste anbieten. Und um diese menschlichen Koyoten wieder loszuwerden, heißt es erst einmal drei bis vier Monate im ehrenwerten Zara-Haus schuften, um deren Spesen und Auslagen für den illegalen Grenzübertritt ins brasilianische Wirtschafts-Paradies zu finanzieren. Was aber angesichts der Tatsache, dass die zwangsarbeitende Belegschaft sowieso erst um Erlaubnis fragen muss, wenn sie nach einem 16-Stunden Arbeitstag zwischen sich und das Zara-Zwangsarbeiter-Paradies etwas Distanz bringen möchte. (Economics Newspaper: A Brazilian company is subcontracted by Zara used slave labor) [8] (…)

Zum Abschluss noch ein in meinen Augen sehr gelungener Artikel aus der ZEIT über die momentane Finanzkrise, die natürlich noch lange nicht ausgestanden ist und sich durch noch mehr Staatsknete wie schon 2008 nur ein paar Jahre hinauszögern lässt. Tissy Bruns macht sich in „Finanzkrise: Die Welt ist aus den Fugen [9]“ durchaus angebrachte Gedanken über die Ursachen und Folgen der derzeitigen finanzwirtschaftlichen Disaster, die uns und die Presse seit Monaten in Atem halten. Solch offene Worte in eher gemäßigten Medien zu lesen, ist schon erfreulich und lässt hoffen, dass gewisse Gedankengänge irgendwann doch einmal Mainstream werden:

Im Krisensommer 2011 offenbart sich der desaströse Zustand unserer Demokratien. Eine übermächtige Finanzwirtschaft führt Politik und Eliten vor.

(…) In diesem Sommer sind wir vollends in den Bann geraten, der uns nach Art der Schlange Kaa die Köpfe dumm und schwindelig macht. Täglich schalten die Fernsehsender zu den Börsen [10], um die unausweichliche Frage zu stellen: Wie reagieren „die Märkte“ – jene nervösen und unruhigen Sensibelchen, auf die es vor allen anderen ankommt? Dabei müsste es Politikern und Bürgern doch darum gehen, deren Macht zu brechen. Seit dem Crash von 2008 wissen wir, dass nichts so irrational, gefährlich und unproduktiv ist wie das Meuteverhalten der Finanzakteure, die keinem anderen als dem eigenen Nutzen folgen.

Die Finanzwirtschaft durchdringt die Welt nun seit einem Vierteljahrhundert. Nicht finstere Diktaturen haben sie geschaffen. Sie ist ein originäres Kind der demokratischen, westlichen Nationen, die am Ende des letzten Jahrhunderts den ökonomisch Mächtigen die Fesseln ersparen wollten, die der Wohlstandskapitalismus ihnen auferlegt hatte. Verständlich. Neue Konkurrenzverhältnisse zeichneten sich ab. Jeder Staat meinte, „seine“ Wirtschaft optimal in Stellung bringen zu müssen, indem Kosten gesenkt, Verpflichtungen gelöst und außerdem sagenhaft viel Geld verdient werden konnte.

Die Märkte sind immer im Vorteil

Dieser neue Kapitalismus hat die Ideale und Stärken der Demokratien in einem Maß untergraben, wie kein äußerer Feind es gekonnt hätte. Die „Märkte“ sind zur Parallelgesellschaft des 21. Jahrhunderts geworden. Sie können jenseits der für alle anderen gültigen Maßstäbe von Haftung und Verantwortung handeln. Sie sind im Vorteil, denn sie kennen die Regeln der Vielen und nutzen sie zu ihrem Zweck, während die Vielen die Mechanismen weder durchschauen noch beherrschen können, mit denen Ratingagenturen ganze Staaten abstufen oder Hedgefonds mit Leerverkäufen auf Verlust und Niedergang von Nationen wetten. Sie sind immer im Vorteil, denn sie verdienen nicht nur an konstruktiven Erfolgen, sondern auch an Niederlagen und Pleiten. (…)

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