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Gefährliches Gemüse – Antiobiotikaresistente Bakterien

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© michaelaw, stock.xchng

Für das Gemüse kommt es derzeit wirklich knüppeldick – seit einigen Tagen beherrschen Horrormeldungen zur Gemüsegrippe Belastung von Gemüse aus Norddeutschland Spanien die Medien, die mit sogenannten Ehec-Bakterien belastet sind, einer Seuche, die für den Menschen sogar tödlich enden kann. Wer rohes Gemüse zu sich nimmt, lebt also im Moment (scheinbar) gefährlich. Wie Blogleser „Insider“ vorgestern in einem Kommentar hier im Konsumpf [2] schon richtig anmerkte, ist es kein Wunder, dass der Trend zu massenhafter Billigproduktion in der Landwirtschaft sich am Ende wieder gegen den Menschen wendet, wie auch schon vergleichbare Seuchen wie BSE oder der Vogelgrippe, aber auch Dioxin in Eiern etc. pp in der Vergangenheit immer wieder gezeigt haben. Gerade in Spanien herrschen wohl unglaubliche Zustände, dort geht es nur noch nach der reinen Masse, koste es Umwelt und Menschen was es wolle:

In Almería befindet sich die weltweit größte Konzentration von (Plastik-) Gewächshäusern aus denen ganz Europa mit Obst und Gemüse beliefert wird. Die Gewächshäuser stehen so dicht und in so großer Zahl nebeneinander, dass sie aus der Ferne wie ein riesiges Plastikmeer aussehen. Das künstliche, silberglänzende wirkende Gebilde ist sogar vom Mond aus erkennbar. Wolkenverhangene Berge begrenzen das Meer aus Plastik, das sich bis in die Ausläufer der Sierra de Gádor hinaufschiebt. Es kriecht bis an die Häuser der Wohnviertel heran, säumen die Schnellstraßen und umschließen die Ortschaften wie eine Schicht aus silbrig glänzendem Tüll. Alle Reste von Natur werden nach und nach von der Flut der „Gewächshäuser“ verschluckt.

Zwischen 70 und 80 Prozent des europäischen Lebensmittelmarktes werden heute von wenigen Großhandels-ketten beherrscht, die die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse ständig nach unten drücken. Bei einem Verkaufspreis von 11 Cent pro Kilo Gurken bleibt auch für die Landwirt/Innen nicht viel übrig. Ist der Markt gesättigt, weigern sich die ZwischenhändlerInnen, das produzierte Gemüse anzunehmen. Tonnenweise landen Gurken, Paprika und Tomaten so auf dem Müll. Auf einer 350 Quadratkilometer großen wüstenartigen, (demzufolge ungünstiger Niederschlagsverhältnisse)riesigen Fläche, nahe der (tourist.) Küste von Almeria wird für jede/n einzelnen Europäer/In mehr als zehn Kilo Treibhausgemüse im Jahr produziert. Während der Hochsaison im Winter verlassen täglich Tausend Last-wagen das „Plastikmeer“ des südspanischen Anbaugebiet und rollen über die Autobahnen Richtung Norden, um insbesondere auch deutsche Supermärkte und Discounter mit billigem Obst und Gemüse zu beliefern(ca. 70%). Eine zerstörte Umwelt, eine von Pestiziden und üblen Gerüchen gesättigte Luft, eine Landschaft ohne Grünflächen, ohne Bäume, ohne sauberes Wasser, die Ausbeutung von Arbeiter und der direkten Umwelt – kurzum, eine industrielle Einöde, das ist der Preis. (…)

Tja, als wäre das also noch nicht genug, gibt es nun den nächsten Schlag ins Gesicht all derjenigen, die gerne rohes Gemüse (zu den Personen zähle ich mich auch) – dir WDR-Sendung Markt hat in seinem Beitrag „Gemüse: Resistente Bakterien [3]“ eine weitere unangenehme Entdeckung gemacht: sowohl auf Gemüse aus konventionellem wie auch aus EU-Bio-Anbau wurden Bakterien entdeckt, die resistent gegen Antibiotika sind und sich im Darm des Menschen festsetzen, so dass die Gefahr besteht, dass Antibiotika in dem Moment, wo er sie aus Krankheitsgründen bräuchte, nicht mehr richtig wirken. Diese sehr neue Entwicklung lässt sich wohl direkt auf die in der Massentierhaltung verwendeten Antibiotika zurückführen, die über die Gülle auf vielen Feldern, auch EU-Bio-bewirtschafteten landen und auf diesem Umweg schließlich ins Gemüse und den menschlichen Darm wandern. Halbwegs verschont bleibt man wohl nur, wenn man zu richtiger Bioware von den strengen Anbauverbänden wie Demeter und Bioland greift.

Wieder einmal zeigt sich, das das kurzsichtige und kurzfristige Profitdenken der Menschen zu eindimensional ist und die nachgelagerten Folgen des eigenen Handelns ignoriert. Um möglichst viele Schweine möglichst billig zur Schlachtreife zu mästen, werden diese zusammengepfercht, es brechen Krankheiten aus, die dann großflächig mit Antibiotika behandelt werden müssen, was sich schlussendlich wieder gegen den Menschen wendet. Auch die Aufweichung des Biosiegels vor einiger Zeit (zur großen Freude der Discounter und großen Handelsketten) war keine kluge Idee.

Niederländische Wissenschaftler haben in Radieschen, Zwiebeln und sogar in Biogemüse gegen Antibiotika resistente Bakterien gefunden. Ein Grund könnte der erhöhte Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft sein.

In Breda treffen wir Prof. Dr. Jan Kluytmans. Er ist Mitglied des Forschungsteams, das die Keime im Gemüse entdeckte. Gefunden wurden Erreger der Spezies Escherichia Coli und Klebsiella. Das seien normale Keime, die bei jedem Menschen in der Darmflora vorkommen können. Ganz so normal sind die nachgewiesenen Keime aber doch nicht, denn sie besitzen eine gefährliche Eigenschaft, wie er uns aufklärt: „Die Keime, die wir im Gemüse gefunden haben, haben ein Enzym, das nennt man ESBL. Das ist ein Enzym, das Antibiotika unwirksam macht.“

Das Kürzel ESBL steht in der Fachwelt für „extended spectrum beta-lactamases“. Es bezeichnet nicht eine bestimmte Art von Erregern, sondern vielmehr eine Art Mechanismus, der verschiedene Bakterien befähigt, gegen eine sehr große Gruppe von Antibiotika resistent zu sein. Weltweit wird ein wachsendes Auftreten von ESBL im klinischen Bereich, aber auch außerhalb beobachtet. (…)

(…) In der konventionellen und insbesondere in der industriellen Tierhaltung werden viele Antibiotika eingesetzt. 90 Prozent scheiden die Tiere unverändert wieder aus. Mit Gülle oder Mist landet das auf den Feldern. Hier nehmen die Pflanzen die Antibiotikarückstände aus dem Boden auf.

Was bedeutet das für den Menschen?
Prof. Dr. Jan Kluytmans weiß, dass die erste Frage der Menschen immer ist, ob man das Gemüse noch essen darf. Man dürfe es essen, sagt er, und brauche keine Angst zu haben, daran akut zu erkranken. Trotzdem blieben Bedenken, die er selbst teile, denn die resistenten Keime gelangten über den Verzehr in die Darmflora – und blieben dort für Wochen, Monate, vielleicht für Jahre. In der Regel geschehe das, ohne den Menschen krank zu machen.Für immungeschwächte Menschen wie Krankenhauspatienten können die Keime jedoch zu einer Infektionsgefahr werden. Das Heilmittel Antibiotikum hilft dann nicht mehr. Prof. Dr. Jan Kluytmans berichtet, dass man in den Niederlanden derzeit feststellt, dass sechs bis sieben Prozent aller Patienten, die ins Krankenhaus kommen, schon positiv seien: Das bedeutet, dass dort schon eine Million Menschen die ESBL in der Darmflora haben. (…)

(…) In der konventionellen, aber besonders der industriellen Tierhaltung sieht das anders aus: „In den großen Beständen, wo mehrere Tausend Schweine sind, fehlt dann einfach die Zeit, sich um jedes einzelne Tier zu kümmern. Dann wird halt, wenn Tiere erkranken, der ganze Bestand behandelt, um einfach auch dem Risiko aus dem Weg zu gehen, dass ein Bestand von mehreren Tausend Schweinen erkrankt“, so Leiders. Ein weiteres Problem sei dabei, dass das Antibiotikum den Tieren über das Trinkwasser gegeben werde: „Wenn das Schwein von der Selbsttränke säuft, nimmt es das Trinkwasser nicht zu 100 Prozent auf, sondern die vermatschen das.“ Und so fließe ein Großteil des mit Antibiotika versetzten Wassers sofort in den Güllekeller.

Wie viel Antibiotika in Deutschland in der konventionellen oder industriellen Tiermast eingesetzt werden, weiß niemand genau. Nach offizieller Schätzung aus dem Jahr 2005 sind es jährlich 750 Tonnen. Kritiker halten 1.000 bis 1.500 Tonnen für realistischer. Gülle oder Mist werden nicht auf mögliche Antibiotikarückstände oder resistente Bakterien wie Escherichia Coli oder Klebsiella kontrolliert. (…)

Nach der EU-Bioverordnung darf Kamphausen Gülle oder Mist aus konventioneller Tierhaltung auf seine Felder bringen. Doch das kommt für ihn nicht infrage: „Ich habe schon Bedenken, dass da Sachen drin sein können, die ich auf meinem Feld nicht haben möchte. Auf meine Erde dürfen nur Sachen, von denen ich weiß, was drin ist. Das ist bei denen nicht gewährleistet, meiner Meinung nach.“ Seine Lösung: Eine Kooperation mit dem Schweinebiobauer aus der Nachbarschaft. Der Gemüsebauer liefert das Stroh und bekommt im Gegenzug den „sauberen“ Mist.

Alle Biobauern, die Verbänden wie Bioland, Naturland oder Demeter angehören, nutzen ausschließlich Gülle oder Mist aus Biomast. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch im Biogemüse resistente Keime stecken, ist so zumindest geringer.


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