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Buchbesprechung: Martin Sonneborn „Das PARTEI-Buch“

Seien wir doch mal ehrlich – Politik ist zumeist total langweilig. Okay, es gibt immer mal wieder unfreiwillige Komik, wenn sich Poltiker verheddern oder so wie jetzt die schwarz-gelbe Regierung in der Atomfrage eine offen opportunistische Kehrtwende simuliert, aber im Grunde gibt es wenig zu lachen. Vor allem, wenn es um die Parteien und Parteiarbeit geht – das ist doch oft ein sehr trockenes Brot, was da gekaut werden muss. Bis neulich! Denn mit Martin Sonneborns „Das PARTEI-Buch. Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt“ ziehen Humor und Anarchie ins politische Alltagsgeschäft ein. Sonneborn, seines Zeichens Herausgeber des „endgültigen Satiremagazins“ Titanic schildert auf 240 Seiten die Gründung der Partei Die PARTEI (Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratischer Initiative), die in den Schlüsselpositionen zunächst mit Titanic-Mitarbeitern besetzt wird, sowie ihren unaufhaltsamen Aufstieg mit Hilfe von „schmierigem Populismus“ (O-Ton).

Die Frage ist natürlich, wieso ich solch ein Werk hier im Blog vorstelle? Nun, abgesehen davon, dass es das wohl lustigste Buch ist, das ich seit Jahren gelesen habe, wird der geneiget Culture Jammer in den Aktionen der PARTEI und Sonneborns Truppe sehr viel von der Subversion wiedererkennen können, die man auch auf anderen Bereichen der Unterwanderung gut einsetzen kann. Es ist quasi eine Art Leitfaden für das Unterlaufen von Erwartungen und das Dekonstruieren vorgefertigter Strukturen.

Aber genug des Hochgestochenen – Martin Sonneborns Buch beginnt mit einigen wunderbaren Schilderungen von politartigen Aktionen, die er und seine Titanic-Mitstreiter noch lange vor der Gründung der PARTEI auf politischem Terrain auf die Beine gestellt haben. So betrieben sie Wahlkampf für FDP und SPD, ohne dass diese davon wussten. Ein eilends improvisierter Wahlkampfstand der FDP (natürlich vorher nicht angemeldet) wird in einer Fußgängerzone aufgebaut und mit gefakten FDP-Devotionalien und rassistischen Parolen versehen – ohne dass viele der vorbeikommenden Bürger das merken oder wirklich Anstoß daran nehmen. Sogar der FDP-Kreisvorsitzende, der kurzfristig herbeieilt, posiert gerne mit den Möchtegern-Liberalen. Ähnliche Aktionen führt Sonneborn auch mit der SPD in Bayern durch („Mit Anstand verlieren. SPD“). Ihre spezielle Note erhalten diese Einsätze aus den Reaktionen der Bürger auf diese Provokationen, die oft entlarvend bis erschreckend naiv sind.

Das Besondere an Sonneborns Humor ist (das kann man auch in seinen Beiträgen in der ZDF heute-show immer wieder bewundern), wie er es schafft, auch beim größten Unfug vollkommen ungerührt zu bleiben und das Gegenüber im Unklaren darüber zu lassen, was denn nun Spaß und was Ernst gemeint ist. So sollte Satire natürlich funktionieren: nicht mit einem großen Button „Vorsicht, Satire!“, wie man es bei diversen Kabarettsendungen leider oft hat, sondern subversiv und verstörend. Dass Sonneborn und seine Mitstreiter dabei manchmal auch die Grenzen des guten Geschmacks tangieren und überschreiten und, wie man an den reichlich im Buch eingestreuten Pressestimmen sehen kann, für Entrüstung und Empörung sorgen, macht das Ganze eigentlich nur noch besser.

Den Hauptteil des Buches nimmt dann die konkrete Phase der PARTEI-Gründung, der Wahlkämpfe und Medienauftritte ein, die zum Teil glorios übertrieben inszeniert werden. Das vermeintliche Hauptanliegen der PARTEI – die Wiedererrichtung der Mauer bzw. das Abtrennen der „neuen“ Bundesländer in eine SBZ (Sonderbewirtschaftungszone) – wird dabei offensiv und in einigen populistischen Aktionen wie einem symbolischen Mauerbau auf thüringischen Boden, medienwirksam nach außen hin vertreten. Die Schmerzgrenze lotet Sonneborn aus, als er in Dresden für den Wiederabriss der Frauenkirche eintritt, um die so gewonnenen Steine für die neue Mauer verwenden zu können – ein empörter Aufschrei in der Presse ist die Folge.

Letztlich entlarvt Sonneborn mit seinem ganzen „PARTEI-Quatsch“ (Zitat) das Wechselspiel von Medien, Aufmerksamkeitsökonomie und politischem Hickhack und Kleinklein – und dies auf meist so witzige Weise, dass man aus dem Lachen schwerlich herauskommt. Das Sahnehäubchen ist natürlich, dass die PARTEI wirklich bei mehreren Landtagswahlen und der Bundestagswahl 2005 antritt und sogar einige tausend Stimmen erhält (bei der letzten Landtagswahl in Hamburg in diesem Jahr schaffte die PARTEI mit dem Spitzenkandidaten Heinz Strunk immerhin 0.7%, im Bezirk St. Pauli sogar volle 5%!!), was irgendwie auch ein Licht auf den Wählbarkeits-Zustand der vermeintlich seriösen Parteien wirft…

Schon legendär sind die Wahlwerbespots der PARTEI, in denen sie Sendeplatz als Schleichwerbung an eine Fluglinie per Ebay verkaufte, was für viel Ärger, aber in der gebotenen Form natürlich auch Erheiterung sorgte. Und diese Clips liefen auch tatsächlich im deutschen Fernsehen! Reklame hat ja sonst in meinem Blog keinen Platz, aber in diesem Falle will ich doch mal eine Ausnahme machen:

Martin Sonneborn „Das PARTEI-Buch – Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt“, KiWi Paperback, 2. Auflage 2009, 240 S., 8.50 €

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