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Lebensmittel in den Tank und galoppierende Preise – der E10-Quatsch

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© kikashi, stock.xchng

Autofahren ist per se nicht umweltbewusst und klimaschonend, das weiß eigentlich jeder (abgesehen vielleicht von den Machern der Werbespots für Automarken, die davon ausgehen, dass die Käufer so naiv sind, zu glauben, dass man durch den Kauf eines PKW die Umwelt schützt, weil man ja so schöne grüne Landschaften gezeigt bekommt, durch die die Wagen rasen). Nun gäbe es ja verschiedene Möglichkeiten, die negativen Auswirkungen des Individualverkehrs abzufedern und zu begrenzen – zum Beispiel, in dem man den ÖPNV ausbaut, alternative Konzepte der Fortbewegung entwirft, die Menschen animiert, weniger und langsamer zu fahren (Tempolimit!), aber all dies ist natürlich in einem Autofahrerland wie dem unsrigen nicht beliebt und wird darum von der Politik gescheut. Schließlich gilt es ja auch Arbeitsplätze in der Autoindustrie zu schützen (koste es, was es wolle)! Und so zeigt man mit der Einführung des neuen sogenannten „Biokraftstoffs“ E10, wohin die Reise statt dessen geht – alles soll so bleiben wie bisher, nur dass man ein Benzin tankt, das etwas weniger Öl enthält – und dafür Ethanol, welches zum Teil aus Nahrungsmitteln erzeugt wird, für die auch wieder Wälder gerodet werden müssen bzw. die eben nicht als Nahrung zur Verfügung stehen. Der Effekt für die Umwelt ist jedenfalls marginal, wenn nicht sogar insgesamt gesehen negativ – ein echtes Narrenstück der Regierung (wie schon die Sache mit dem Verbot der Glühbirne), findet auch Claudia Klinger in „E10 ist kein Kommunikationsproblem, sondern eine Sauerei! [2]“:

(…) Da liegen Tatsachen auf dem Tisch, die sich nicht wegdiskutieren lassen: E10 ist kein “Biosprit” im Sinne von Umweltschonung, sondern ganz im Gegenteil ein übler Versuch, Energie-Einsparungen zu vermeiden, indem man auf Ackerland zur Benzinproduktion zugreift.Da hilft auch kein Schönreden, dass es doch zu 90% von europäischen Äckern käme: schließlich könnte auf diesen Äckern auch anderes angebaut werden. Regionale Biogemüse zum Beispiel, damit wir diese nicht massenweise aus anderen Erdteilen importieren müssen, was das “bio” ebenfalls aufs Schärfste konterkariert. Und wer ernsthaft behauptet, auf Dauer habe die Nachfrage nach “Bio-Sprit” keine Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion weltweit, der träumt nicht, der lügt!

Im Autosektor hat sich nicht viel geändert: was an Energie-Effizienz gewonnen wird, wird nicht etwa in echte Einsparungen umgesetzt, sondern die Karossen werden mit immer mehr Schnickschnack vollgestopft. Autos werden nicht kleiner, leichter und sparsamer, weil die Politik der Industrie keine entsprechenden Vorgaben macht. Also schwappt der Trend zum SUV auch nach Europa, Besserverdiener fahren nach wie vor große, schwere, protzige Autos – und alles für den “Markt”. Da wird auf die Umwelt geschissen, aber das Feigenblatt “E10″ soll jetzt “durchgesetzt werden”. (…)

Ähnliche Töne schlägt auch die Sendung quer an – „Die Sprit-Verdummung: Dichtung und Wahrheit über E10 [3]“, die durchaus süffisant-satirisch gehalten ist:

Eigentlich hörte sich alles wie ein Sprit-Märchen an: günstiges Benzin, weniger Abhängigkeit vom Öl, geringerer CO2-Ausstoß. Jetzt klingt es eher nach der Mär vom sogenannten Biosprit: Ernüchterung statt Erfolgsrausch. Politik und Mineralölkonzerne sind vom E10-Boykott der Autofahrer kalt erwischt worden. Das dürre Ergebnis des Benzingipfels: Ein Infoblatt soll verunsicherte Autofahrer an die E10-Zapfsäulen locken. Erfolg ungewiss. quer mit einer Verbraucherinfo, die wirklich aufklärt: Warum E10 so wichtig ist – und wer davon profitiert.

Die Zeit geht ebenfalls der Frage nach, wem die ganze E10-Geschichte eigentlich den meisten Nutzen bringt – „Agrosprit: Wo die Profiteure sitzen [4]“:

(…) Beispielsweise in Brasilien, dem nach den USA weltweit zweitgrößten Ethanol-Produzenten: Zuckerrohr für die Ethanol-Herstellung wird nicht im Amazonasgebiet angebaut, sondern im Süden des Landes. Doch wenn dort deshalb Acker- und Weideflächen für Bauern wegfallen, weichen diese notgedrungen in Richtung Regenwald aus. Auch in Deutschland führt der verstärkte Anbau von Energiepflanzen zu kräftig steigenden Pachtpreisen für Böden und treibt damit die Lebensmittelpreise in die Höhe. Auf Verdrängungseffekte hat auch die Bundesregierung derzeit keine Antwort: Indirekte Landnutzungsänderungen berücksichtigt die Nachhaltigkeitsverordnung nicht. (…)

Wenn die Natur also womöglich kaum profitiert und die Abhängigkeit vom Erdöl nur geringfügig abnimmt, wem nützt dann überhaupt die Einführung von E10? In erster Linie natürlich den Landwirten und den Herstellern von Biokraftstoffen. Doch auch der Fiskus profitiert: Da Ethanol einen geringeren Heizwert hat als Benzin, steigt beim Fahren mit E10 der Kraftstoffverbrauch des Autos leicht, und damit steigen auch die Steuereinnahmen des Staates.

Ein weiterer Nutznießer ist die Automobilindustrie – die genau deshalb die E10-Strategie der Regierung so vehement unterstützt. Die Hersteller hatten es durch beharrliche Lobbyarbeit geschafft, dass die EU weniger strenge CO2-Grenzwerte für Motoren festgelegt hat. Sie fürchteten die harte Verpflichtung, sparsamere und umweltfreundlichere Motoren zu entwickeln. Ihr Argument dagegen: Solch technische Anstrengung sei gar nicht nötig, denn durch Agrarsprit ließen sich die Einsparungen viel leichter erreichen. Zugleich könnte die Branche indirekt von der E10-Einführung profitieren: Halter älterer Fahrzeuge, die die Mischung nicht vertragen, erwägen möglicherweise einen Neuwagenkauf. (…)

Natürlich befasste sich auch Frontal 21 mit dieser Thematik und durchleuchtete die Hintergründe entsprechend kritisch – „Chaos bei E10 – das Versagen der Politik“:

Die Auswirkungen des „Bio“sprits bekommen letztlich alle Menschen dadurch zu spüren, dass die Lebensmittelpreise weltweit anziehen. Für uns ist das dann vielleicht ein kleines Ärgernis, für andere Regionen kann dies aber überlebensgefährend werden, wenn sich die Menschen dort die teureren Nahrungsmittel nicht mehr leisten können. „E10 treibt offenbar Lebensmittelpreise nach oben [5]“, wie das ZDF feststellt:

(…) Zwangsläufig steigende Preise wegen der Einführung des Biosprits erwartet auch der Hamburger Feinkosthersteller Carl Kühne: „Alkohol, den wir für die Herstellung von Essig benötigen, ist deutlich teurer geworden“, sagte er dem „manager magazin“. Das liege vor allem daran, dass Alkohol dem Benzin beigemischt werde. „Plötzlich ist Zucker, der als Ausgangsprodukt für Alkohol immer billig war, ein teurer Rohstoff geworden. Die Entwicklung ist aber auch beim Öl für Dressings und Mayonnaise deutlich erkennbar“, fügte er hinzu. (…)

Ein Twitter-User fasste das Ganze kurz und prägnant zusammen:

Nur damit ich das nicht falsch verstehe, wir haben Kaugummi aus Erdöl im Mund und Kraftstoff aus Getreide im Tank ?

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