Auch wenn mein Blog eigentlich Konsum(kritik) und Gedanken zu Reklame, Markenfetischismus und Konsumhörigkeit zum primären Thema hat, habe ich doch von Anbeginn an immer auch einen forschenden Blick auf das generelle Medientreiben geworfen. Dies hat natürlich vielerlei Gründe – zum einen leben wir in einer Art „Mediendemokratie“, in der Medien und ihre Kampagnen gezielt dazu eingesetzt werden, Politik und Politiker zu machen (siehe das aktuelle Beispiel des Freiherrn von und zu Guttenberg, der ja gerade zu einer Art Supermann aufgeblasen wird), so dass es für das Verständis der Vorgänge in unserer Welt unverzichtbar ist, auch das mediale Treiben zu berücksichtigen. Zum anderen sind gerade Fernsehen und große überregionale Presse dafür verantwortlich, welche Trends und Moden nach vorne gespült werden, welche Stars man bewundern soll, welche Produkte von den Redakteuren zum „must have“ hochdeliert werden usw., und sie beeinflussen über Reklame und Imagekampagnen der Konzerne auch das Konsumklima und die Einstellung vieler Menschen zu Firmen und Produkten. Von daher bedeutet Konsumkritik in unserem System fast automatisch auch Medienkritik – werbefinanzierte Privatsender korrelieren stark mit z.B. dem Ankurbeln oft nutzlosen Konsums, mit kranken Frauenbildern, kurzzyklischen Trends unterworfenen Markenimages usw. usf.
Um eine adäquate Reichweite, Klickzahlen und Zuschauerquoten zu erreichen, setzt man in vielen Stationen auf immer schnellere Moden, auf Sternchen, die in Castingshows zum nächsten heißen Ding hochgejubelt werden, um schon wenige Monate später wieder vergessen zu sein – und natürlich auch auf Skandale und Skandälchen, die ebenfalls in knapp bemessenen Abständen auf das Publikum einprasseln und eher für Verwirrung denn für Information und Aufklärung sorgen. Bei der permanenten Jagd nach dem nächsten Skandal (etwas, wovor auch die Internetgemeinde abseits der Mainstreammedien nicht gefeit ist) wird journalistische Sorgfalt und vor allem auch der Blick für die Zusammenhänge, fürs große Ganze, für komplexe Abängigkeiten und Strukturen gerne mal geopfert. Wie jetzt beim aktuellen Dioxin-Skandal zu bewundern, der in ähnlicher Form alle paar Jahre über die Bildschirme flimmert und die Tierställe wabert, ohne dass abgesehen von viel Aufregung den tatsächlichen Ursachen auf den Grund gegangen wurd geschweige denn diese abgestellt werden.
In der letzten Zapp-Sendung auf N3 ging es genau darum – nämlich um „Die Medien-Gier nach dem täglichen Skandal [2]“, die in Zeiten von Internet und Verdrängungswettbewerb auf dem Zeitschriftensektor um so stärker ausgeprägt scheint als sowieso schon (denn natürlich haben sich auch schon in früheren Jahrzehnten & Jahrhunderten Katastrophen und Skandale besonders gut verkauft):
Gott sei Dank, das neue Jahr fängt mit einem Skandal an. Muss man sich als Journalist nicht erst groß ein Thema suchen, ist ja schon da. Dioxin in Futtermitteln, ein Klassiker unter den Skandalen. 1998 groß rausgekommen, dann wieder in den Schlagzeilen 1999, 2003, 2008, 2010 und jetzt 2011 neu aufgelegt. Womit das Dioxin vielen anderen Skandalen einiges voraus hat. Die meisten Aufreger sind nämlich sozusagen One Hit Wonders, Eintagsfliegen. Einmal von den Medien hochgejazzt, durchberichtet und dann fallengelassen. Hört man nie mehr von. Zapp über unsere Skandalisierte Republik.
Sie kommen und gehen und bleiben nur kurz. Aufreger ohne Ende. Skandale und Skandälchen. Oft Fast-Food für Journalisten.
Der freie Journalist Ralf Geißler meint: “So oft, wie wir ‘Skandal’ schreien, so schnell kann Politik gar nicht agieren.”
Frank Bösch, Professor für Geschichtswissenschaft, erklärt: “Auffällig ist, dass nicht alles, was als Skandal bezeichnet wird, tatsächlich auch ein Skandal ist.”
Evelyn Roll, Redakteurin der “Süddeutschen Zeitung”, sagt: “Es ist eine wirkliche Gefahr für den Journalismus, und ich glaube, es ist auch eine Gefahr für die Demokratie.”
