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Lesetipps: Kollateralschaden an der Fleischtheke | Die Wahrheit über IKEA | Konsum macht einsam | Wie frisch ist Frischmilch?

Das Thema Fleisch(konsum) ist ja nun nicht erst seit dem letzten Dioxin-Skandal ein großes Thema, das spätestens seit dem Erfolg des Buches „Tiere essen“ von J.S. Foer auch medial entsprechende Beachtung findet. So erscheinen mittlerweile auch immer öftere weitere Bücher, die sich mit dem Auswirkungen der Massentierhaltung auf Gesundheit, Umwelt und Moral befassen – wie beispielsweise „Anständig essen“ von Karin Duve. Deutschlandradio Kultur brachte vor einigen Wochen ein Feature zu der Neuerscheinung, in dem das Werk näher beleuchtet wird – „Kollateralschaden an der Fleischtheke [1]“:

Die Fakten zur Massentierhaltung sind bekannt. Die Frage ist, wie lange man sie verdrängen kann. Bis zum Dezember 2009 gelingt das der Schriftstellerin Karen Duve ganz gut. Dann kauft sie eine „Hähnchen-Grillpfanne“ für 2,99 Euro. An der „Peripherie ihres Bewusstseins“ meldet sich eine Stimme zu Wort, die sie an die Bedingungen erinnert, unter denen das Tier gelebt hat. Fernsehbilder fallen ihr ein, von kahlen Hühnern „mit teilamputierten Schnäbeln“ – und Karen Duve beschließt, endlich „ein besserer Mensch zu werden“. (…)

(…) Doch keine Angst: Zuletzt wird aus der Schriftstellerin keine militante Tierschützerin, sondern eine geläuterte Konsumentin, die den ethischen Kollateralschaden beim Einkauf so gering wie möglich zu halten versucht. Fleisch, Fisch und Milchprodukte, von allem wird sie in Zukunft deutlich weniger essen, und überhaupt will sie insgesamt weniger konsumieren.

Dieser Reflex hat bereits einmal Geschichte gemacht. Es war die „innerweltliche Askese“, die laut Max Weber einst den Grundstein für den modernen Kapitalismus legte. Karen Duve liefert mit ihrem Selbstversuch eine zeitgemäße Variante des Konsumverzichts – das ist die zynische Lesart dieses eigentlich gut gemeinten Buches. Es zeigt uns, wie wir einem „Morast von Ausbeutung, Zerstörung, Ungerechtigkeit und Grausamkeit“ trotz allem noch moralisches Kapital akkumulieren können: Es lohnt sich, keine Tiere mehr zu essen.

Wer sich die Sendung anhören möchte, HIER [2] gibt es sie als mp3. Apropos Ernährung – im Schrot & Korn-Magazin gab es neulich einen interessanten Artikel über „Frischmilch“ bzw. das, was uns die Supermärkte heutzutage als „frische Milch“ anzudrehen versuchen, nämlich die sog. „ESL“-Milch (ESL für „extended shelf life“, also „längerfrisch“). Abgesehen davon, dass man auch noch erfährt, was Kühe (auch in Biobetrieben) auf sich nehmen müssen, damit sie die vom Menschen so geschätzten Milchlieferanten werden („Ohne Kälber keine Milch [3]“), wird sich auch dem Vergleich von Milch aus konventioneller Herstellung zu Biomilch gewidmet – „Wir frisch ist Frischmilch? [4]“:

(…) Bio-Milch hat auf jeden Fall mehr zu bieten als konventionelle. Da die Kühe auf die Weide dürfen, enthält Bio-Milch 40 bis 60 Prozent mehr Omega-3-Fettsäuren und konjugierte Linolsäuren (CLA); außerdem 30 bis 70 Prozent mehr Vitamine sowie Carotinoide und andere Antioxidantien. Die Omega-3-Fettsäuren verringern das Herzinfarktrisiko und die konjugierten Linolsäuren stärken das Immunsystem. Anders gesagt: Bio-Milch hält frisch.

Weniger erfreulich und eigentlich ein Fall für meine Serie „Werbung gegen Realität“ ist das, was über das allseits so beliebte, familienfreundliche und „irgendwie total anders seiende“ Möbelhaus IKEA bekannt wird – denn nun hat ein Ex-Manager ausgepackt und erzählt, mit welchen Bandagen in dem Konzern gekämpft wird. Neben den Kritikpunkten der Ausbeutung und auch der kritischen Umweltaspekte (nur ein kleiner Teil des Holzes, das IKEA für seine Möbelproduktion verwendet, ist aus zertifiziert nachhaltiger Forstwirtschaft) gibt es auch so manch anderes, wie 3sat in „Billy dunkles Geheimnis – Die Wahrheit über IKEA [5]“ zeigt:

(…) Doch ein ehemaliger Spitzenmanager des Möbelimperiums hat jetzt ein Buch veröffentlicht, in dem er schwere Vorwürfe gegen Firmengründer und -chef Ingvar Kamprad erhebt: Das Image von der in jeder Hinsicht sauberen Firma und die Realität driften demnach auseinander. So würde beispielsweise rund ein Drittel des Ikea-Holzes illegal geschlagen, unter anderem in der russischen Taiga, um es von dort über chinesische Zwischenhändler anzukaufen.
Johan Stenebo war Spitzenmanager und persönlicher Assistent Kamprads. 20 Jahre lang gehörte er also zum engsten Kreis der Ikea-Familie, über die er schreibt. Seinen einstigen Boss bezeichnet er nun als „größtes Genie Schwedens“, zugleich sei Kamprad aber auch ein ebenso großer Meister der Täuschung. Das zeigten öffentlichkeitswirksame Kampagnen mit Umweltorganisationen, während für Ikea zugleich einmalige Urwälder abgeholzt würden. Ikea betone den verständnisvollen Umgang miteinander im Konzern, schalte zugleich aber jede Kritik aus.

Auch die Süddeutsche Zeitung hatte sich dieser Problematik näher angenommen: „Möbelkonzern Ikea – Köttbullar in Aufruhr [6]“:

(…) Für den Ikea-Herrscher dürfte die Enthüllung Image-Probleme bringen. In seinem Heimatland Schweden präsentiert sich Kamprad, der aus steuerlichen Gründen in der Schweiz lebt, stets als volksnah und bescheiden. Versteckte Milliarden in Liechtenstein passen schlecht in dieses Bild. (…)

Womit wir beim allseits beliebten Thema Konsum wären – in der Süddeutschen Zeitung fand sich unlängst ein sehr lesenswertes Interview mit dem Soziologen Zygmunt Baumann, der sich zu den Auswirkungen der Konsumzentriertheit unserer westlichen Gesellschaft äußert – „Konsum macht einsam [7]“:

Die moderne Gesellschaft kennt nur ein Ziel: Glück. Glücklich ist, wer begehrt ist und der Konsum soll das Interesse an der eigenen Person steigern. Doch der Konsummarkt ist zugleich unerbittlich, er entscheidet über das Drinnen und Draußen in der Gesellschaft. Wer seinen Anforderungen nicht standhält, wird ausgestoßen. Mehr noch: Das Konsumdenken führe dazu, dass die Menschen sich untereinander als Produkte wahrnehmen und behandeln, sagt Zygmunt Bauman (85), Professor emeritus in Leeds und einer der weltweit bekanntesten Soziologen. (…)

SZ: Herr Bauman, rastlos wird in unserer Gesellschaft eingekauft – weit mehr als gebraucht wird. Muss das so sein?

Zygmunt Bauman: Es ist eine Attacke aus dem Hinterhalt, die die Unternehmen führen. Das Interesse der Konsumenten wird zunächst geweckt und dann nach und nach ausgeweitet. Längst geht es nicht mehr um ein konkretes Bedürfnis, das der Verbraucher haben mag. Produkte werden beispielsweise künstlich entwertet und durch „neue und verbesserte“ Varianten ersetzt. Das ursprüngliche Produkt ist dann womöglich eine Saison später nicht nur alt, sondern sogar peinlich. Wenn das funktioniert, wird das sich ständig fortsetzende Shopping zu einem Bedürfnis. So ist schon, bevor Sie ein Geschäft betreten, gesetzt, wie Sie sich entscheiden werden. Es geht um Verführung – und Sucht. Der Trick ist es, eine Sehnsucht zu wecken, die sich fortwährend nach neuen Sehnsüchten sehnt. (…)

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