Mrz
21
2011
5

Fernsehtipp: Themenabend „Geldquelle Wasser“ auf ARTE am Di., 22.3.2011

© ArtMast, stock.xchng

Morgen Abend, am Dienstag, den 22. März gibt es mal wieder einen Grund, den Fernseher aus der Abstellkammer zu holen – ARTE sendet den Themenabend „Geldquelle Wasser“ und zeigt zwei spanennde Dokus, die den Kampf der Konzerne um das lebenswichtige Gut zeigen. (Wiederholungen: Wiederholung am Donnerstag 24. März um 10.05 Uhr und Donnerstag 31. März um 14.45 Uhr)

Trinkwasser ist ein kostbares Gut. Doch gerade in Europa verkommt es derzeit zur Ware. Immer mehr Städte und Gemeinden privatisieren ihre Wasserversorgung. Die Folgen sind ein nur kurzfristiger Geldsegen für die Kommunen und eine langfristige Verteuerung des Trinkwassers für die Verbraucher. Der Themenabend dokumentiert anlässlich des Weltwassertags die zunehmende Verlagerung der Wasserversorgung von der öffentlichen in die private Hand. Und er beleuchtet ein zweites Problem, den wachsenden internationalen Handel mit in Flaschen abgefülltem Wasser, der sich zu einer gravierenden Umweltsünde auswächst.

Seit einiger Zeit ist eine zunehmende Privatisierung des Trinkwassers in unseren Breiten zu beobachten. Doch darf diese wichtige Ressource zu einer Ware, einem Wirtschaftsgut verkommen? Und wie will man das Bewusstsein für das weltweite Grundrecht auf Wasser wach halten, wenn es immer häufiger aus der öffentlichen Hand gegeben wird und Global Player ihr Geschäft damit machen? Das Trinkwasser wird durch diese Transaktionen weder sauberer noch keimfreier – es wird teurer. Und auf den kurzen Geldsegen, der in den klammen Kassen zahlreicher Städte und Kommunen schnell wieder versickert, folgt die ernüchternde Feststellung, dass man sich bis in die Folgegenerationen hinein verschuldet und abhängig gemacht hat. Wasser in öffentlicher Hand bleibt sowohl für Frankreich als auch für Deutschland eine politische Forderung.
Der Themenabend hat sich anlässlich des Weltwassertags zum einen bei den französischen Konzernen Veolia und Suez, den Platzhirschen auf dem Weltmarkt der privaten Wasserversorgung, umgesehen und zum anderen den arglosen Umgang mit abgefülltem Trinkwasser dokumentiert, der zu erheblichen Umweltschäden führt.

Um 20:15 Uhr macht die Doku „Water makes money“ den Auftakt, deren Ausstrahlung der französische Konzern (vergeblich) zu unterbinden versuchte. Da man nie weiß, ob die Kalge am Ende nicht doch Erfolg hat, sollte sich jeder die Doku ansehen und aufzeichnen/archivieren!

Die französischen Konzerne Veolia und Suez zählen zu den Großen im wachsenden Weltmarkt der privaten Wasserversorgung. Sie sind auf allen fünf Kontinenten präsent und kaum eine Woche vergeht ohne Neuerwerbungen. Doch ausgerechnet im Heimatland Frankreich verlieren sie jetzt an Boden. Anfang 2010 mussten beide Konzerne an ihrem Hauptsitz Paris die Wasserversorgung zähneknirschend an die Stadt übergeben und sich auch aus Rouen zurückziehen. Demnächst folgen wohl Bordeaux, Toulouse, Montpellier, Brest und andere Kommunen, die ihre Wasserversorgung wieder in die eigene Hand nehmen wollen. Die Dokumentation erklärt die Gründe für diese Entwicklung.

Private Konzerne versorgen rund 80 Prozent der französischen Bevölkerung mit Trinkwasser. Doch im ganzen Land schwindet das Vertrauen in ihre Seriosität, denn die Wahrheit über das Gebaren der Konzerne drängt an die Oberfläche: Wasserzähler werden dem Kunden faktisch doppelt berechnet, der Austausch von Bleileitungen erfolgt nur teilweise, dringende Reparaturen werden dem Verbraucher als Neuanschaffung in Rechnung gestellt. Inzwischen liegen die Wasserpreise bei privaten Betreibern in Frankreich um 20 bis 60 Prozent höher als bei öffentlichen Versorgern. Skandalös sind auch die üblichen geheimen Deals der Wassermultis mit den Kommunen: Der Konzern kauft sich bei der Gemeinde ein, um Wasser zu liefern oder Abwasser zu entsorgen. Diese 200 oder 300 Millionen Euro oder mehr gelten als Kaufsumme oder auch als Geschenk an die Kommune. Doch die Zahlung der Konzerne entpuppt sich dann als Kredit, der von den Wasserkunden über 20 oder 30 Jahre mit Zins und Zinseszins in dreifacher Höhe zurückgezahlt werden muss.
Beispiele in Frankreich und im deutschen Braunschweig machen ein System sichtbar, das den Wasserkonzernen erlaubt, ihren globalen Expansionskurs zu finanzieren – ein System, das inzwischen viele Franzosen motiviert, die Rückkehr zur kommunalen Wasserversorgung anzustreben.
Noch schockierender ist die Tatsache, dass in Frankreich die Ressource Wasser mittlerweile in einem bedenklichen Zustand ist. Dabei liegt die Lösung nah und ist absolut kostengünstig: die Ausweisung von Wasserschutzgebieten, auf denen nur Biolandwirtschaft erlaubt ist. Nur die Multis verdienen daran nichts. Zusätzlich würde ein sinkender Wasserverbrauch die Rendite der Konzerne schmälern. Aber in Frankreich wächst zusehends das Bewusstsein, die Melkkuh der Konzerne für ihre globalen Expansionspläne zu sein, und es baut sich eine Rekommunalisierungswelle auf. Und auch in anderen europäischen Ländern sowie in Lateinamerika, Afrika und den USA kommt es immer häufiger zur Rückkehr der Wasserversorgung in die Hände der Bürgerinnen und Bürger.

Direkt im Anschluss, um 21 Uhr, folgt „Flaschenwahn statt Wasserhahn“, eine Doku, die sich mit dem Schwachsinn der grassierenden (Plastik-)Wasserflaschen befasst:

Obwohl es in weiten Teilen Europas sauberes und unbelastetes Leitungswasser gibt, verkauft die Mineralwasser-Industrie immer mehr in Glas- oder Plastikflaschen abgefülltes Wasser. Nicht selten stammt dieses Wasser aus exotischen Regionen der Erde. Die Dokumentation verfolgt den arglosen Umgang mit abgefülltem Trinkwasser am Beispiel Englands und schildert die direkte Konsequenz, die der teilweise absurde Handel mit Trinkwasser auf die Wasserversorgung zum Beispiel auf den Fidschi-Inseln hat.

Womit ist zu rechtfertigen, dass Einwohner der britischen Hauptstadt London in Flaschen abgefülltes Trinkwasser von den Fidschi-Inseln trinken, wenn gleichzeitig 35 Prozent der Fidschi-Insulaner keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben? Doch in Europa und auch in den USA ist Mineralwasser aus Flaschen so selbstverständlich geworden, dass dort zeitweilig das eigene hochwertige Leitungswasser fast in Vergessenheit gerät. Und das trotz des Wissens, das weltweit mehr als eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.
Das Geschäft mit dem abgefüllten Nass ist gigantisch. Schon jetzt werden Milliarden verdient, und für die kommenden Jahre erwartet die Branche enorme Steigerungsraten von über 30 Prozent. Doch der Schaden für die Umwelt ist verheerend. Rund um den Globus entstehen jährlich mehrere Hunderttausend Tonnen Kohlendioxid-Emissionen allein dadurch, dass das abgefüllte Wasser zu den Verbrauchern transportiert werden muss. Zusätzlich werden 1,5 Milliarden Barrel Rohöl benötigt, um all die Plastikflaschen zu produzieren. Und nur jede vierte Plastikflasche wird recycelt, der Rest belastet Böden und Gewässer für Jahrhunderte. Die Mineralwasser-Industrie boomt dennoch. Ist dies der Sieg des Marketings über den gesunden Menschenverstand?

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Mrz
20
2011
4

quer über die schwarz-gelbe Atomwende und die Gefahren der Kernenergie

Langzeitleser meines Blog wissen, dass ich die Sendung quer im Bayerischen Fernsehen sehr schätze, da hier immer wieder unbequeme Fragen gestellt und kritisch berichtet wird. Die letzte Sendung widmete der Sender komplett dem Thema Atomkraft – man kann sie sich HIER (in einzelnen Teilen) online anschauen. Zwei Beiträge möchte ich, auf Grund der hohen Aktualität des Themas, hier im Blog doch noch einmal herausgreifen (ab morgen wende ich mich im Konsumpf dann auch wieder anderen Sachen zu, versprochen!) – zum einen „Man kann nicht einmal 5 Millionen evakuieren“, ein Gespräch mit dem Strahlenbiologen Prof. Edmud Lengfelder, der sehr deutliche Worte zu dem Geschehen in Japan und dem Lavieren hierzulande findet:

Prof. Edmund Lengfelder ist einer der weltweit renommiertesten Strahlenbiologen. Er denkt, die japanische Regierung verharmlost die Situation – um zu vermeiden, dass zu sehr Panik ausbricht. Denn eine Evakuierung Tokios wäre rein logistisch schwierig bis unmöglich.

Ebenfalls klare Worte werden der schwarz-gelben Regierung und ihrem offen opportunistischen Atomkurs zuteil – „Atomwende: Wie glaubwürdig ist Schwarz-Gelb?“:

Nach dem beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie unter Rot-Grün kam unter Schwarz-Gelb die Laufzeitverlängerung. Nun kommt die erneute Wende. Viele Menschen schütteln über das Hin und Her der Politik den Kopf. Sie halten das vorübergehende Abschalten der sieben ältesten Kernkraftwerke für reine Wahlkampftaktik der Koalition, um die kommenden Landtagswahlen nicht zu gefährden. Schließlich haben nicht wenige Politiker in den letzten Tagen eine Meinungswende um 180 Grad vollzogen.

Und weil wir grad beim Thema sind – der NDR drehte letztes Jahr im AKW Gorleben und E.ON wollte nicht, dass der Störfall, der zufällig genau in der Zeit passierte und der die Ingenieure ratlos machte, gesendet wird. Der NDR tat’s dennoch – sehr schön!

Auch die Sendung Kontraste widmete sich natürlich dem Atomthema und beleuchtet die angeblich so sicheren deutschen AKW – mit unerfreulichem Ergebnis!

Interne Unterlagen der Bundesregierung, die KONTRASTE exklusiv vorliegen, belegen: Allen deutschen Kernkraftwerken droht das AUS. Experten fordern neue Sicherheitsstandards, deren Umsetzung die Energiewirtschaft Milliarden kosten würde.
In Deutschland hat die Katastrophe zu einer komplett neuen Bewertung der Atomkraft und der Frage der Sicherheit geführt.
Während die Kanzlerin vor die Presse tritt, um den neuen Kurs in der Atompolitik mit Details zu unterfüttern, wird in den Hinterzimmern noch getagt – mit Fachleuten aus den Atomaufsichtsbehörden der Bundesländer und des Bundesumweltministeriums.
Dieses Papier ist die Grundlage, wie es mit den AKW weitergehen soll. Es liegt KONTRASTE exklusiv vor. Eine Art Katalog, der vorgibt, wie in den nächsten drei Monaten, also während des Moratoriums, die Reaktoren in Deutschland überprüft werden sollen. Und: welchen Sicherheitsanforderungen die Mailer genügen müssen, damit sie überhaupt weiter laufen dürfen.
Die Forderungen aus dem Bundesumweltministerium sind äußerst brisant. Denn die Sicherheitsnormen werden massiv nach oben gesetzt. Die Hürden für die Betreiber sind so hoch, dass damit das Ende des deutschen Atomzeitalters eingeläutet werden könnte.

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Mrz
18
2011
13

Lebensmittel in den Tank und galoppierende Preise – der E10-Quatsch

© kikashi, stock.xchng

Autofahren ist per se nicht umweltbewusst und klimaschonend, das weiß eigentlich jeder (abgesehen vielleicht von den Machern der Werbespots für Automarken, die davon ausgehen, dass die Käufer so naiv sind, zu glauben, dass man durch den Kauf eines PKW die Umwelt schützt, weil man ja so schöne grüne Landschaften gezeigt bekommt, durch die die Wagen rasen). Nun gäbe es ja verschiedene Möglichkeiten, die negativen Auswirkungen des Individualverkehrs abzufedern und zu begrenzen – zum Beispiel, in dem man den ÖPNV ausbaut, alternative Konzepte der Fortbewegung entwirft, die Menschen animiert, weniger und langsamer zu fahren (Tempolimit!), aber all dies ist natürlich in einem Autofahrerland wie dem unsrigen nicht beliebt und wird darum von der Politik gescheut. Schließlich gilt es ja auch Arbeitsplätze in der Autoindustrie zu schützen (koste es, was es wolle)! Und so zeigt man mit der Einführung des neuen sogenannten „Biokraftstoffs“ E10, wohin die Reise statt dessen geht – alles soll so bleiben wie bisher, nur dass man ein Benzin tankt, das etwas weniger Öl enthält – und dafür Ethanol, welches zum Teil aus Nahrungsmitteln erzeugt wird, für die auch wieder Wälder gerodet werden müssen bzw. die eben nicht als Nahrung zur Verfügung stehen. Der Effekt für die Umwelt ist jedenfalls marginal, wenn nicht sogar insgesamt gesehen negativ – ein echtes Narrenstück der Regierung (wie schon die Sache mit dem Verbot der Glühbirne), findet auch Claudia Klinger in „E10 ist kein Kommunikationsproblem, sondern eine Sauerei!“:
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Mrz
17
2011
10

Fernsehtipp: Bedingungslos glücklich – Freiheit und Grundeinkommen

© mjio, stock.xchng

Wenn mal was Gescheites im Fernsehen läuft, dann doch meistens auf 3sat oder Arte – wie sich auch morgen Abend wieder zeigt, denn dann läuft um 20:15 Uhr auf 3sat die Dokumentation „Bedingungslos glücklich – Freiheit und Grundeinkommen“, die sich eben mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen beschäftigt. Einer Idee mit revolutionärer Sprengkraft, da sie eine Neubewertung des Faktors Arbeit und auch der Bedeutung der Arbeitskraft des einzelnen nach sich ziehen würde, wenn man sie denn in die Tat umsetzt. Vermutlich gäbe es auch viele Probleme und Fallen, doch diese auszuloten und im Vorfeld zu diskutieren, sollte eine hohe Priorität haben – mehr, als das ewige Wachstumsdogma und die Ideologie von der Vollbeschäftigung, nach der unsere Politiker offenbar gerne streben.

Auch in einer Zeit, in der man die großen Utopien ad acta gelegt hat, treiben neue soziale Ideen die Menschen rund um den Globus an. Eine dieser Ideen ist das bedingungslose Grundeinkommen für alle Bürger eines Staates oder sogar alle Menschen weltweit.

Damit wären sie frei, nur die bezahlte Arbeit zu verrichten, die sie wirklich tun möchten, und könnten zugleich wichtige Arbeiten, die kaum oder gar nicht entlohnt werden, zum Wohle des Gemeinwesens leisten. Das stärkt die individuelle Verantwortung ebenso wie die gesellschaftliche Solidarität, sagen die Befürworter, und könnte auch zur Lösung der kommenden Wirtschafts- und Energiekrisen beitragen.

In Deutschland und der Schweiz ist die Bewegung zum Grundeinkommen in den letzten Jahren stark gewachsen – das Engagement geht quer durch alle Parteien und Schichten. Im November 2010 beschäftigte sich sogar der Deutsche Bundestag mit einer Petition zum Grundeinkommen. Verschiedene renommierte Institutionen haben Modellrechnungen vorgelegt, die zeigen, dass Grundeinkommen auch finanzierbar ist. Erste Modellversuche im Ausland verliefen erfolgreich.
Von der Utopie zum neuen Lebensgefühl

Stellen wir uns vor, in Deutschland oder in der Schweiz würde das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt. Was könnte das für jeden einzelnen von uns bedeuten? Die Dokumentation von Sabine Jainski und Ilona Kalmbach beleuchtet die aktuelle Diskussion mit prominenten Befürwortern und Gegnern. Sie zeigt, wie aus einer utopischen Idee ein sehr reales neues Lebensgefühl heranwächst: von der Lebensgemeinschaft auf dem Land bis zum erfolgreichen Unternehmen, von der Köchin bis zur Lehrerin, vom Blogger bis zum Wirtschaftsprofessor nehmen immer mehr Menschen ihre Zukunft selbst in die Hand.

In der Ankündigung des Films finden sich zudem schon sehr interessante Fragestellungen und potentielle Antworten darauf – also unbedingt auch mal anklicken!

Das Wichtigste in Kürze:

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Mrz
16
2011
5

Lesetipps: Atomkraft Sonder-Edition

Die atomare Katastrophe in Japan nimmt mittlerweile offenbar traurigerweise die grauenhaften Dimensionen an, die mancher am Wochenende, als die erste Nachrichten über die Probleme im Reaktor Fukushima 1 durchsickerten, bereits befürchtete. Nun betreibe ich hier keinen Nachrichtenblog und will keinen Ticker für die neuesten Entwicklungen vor Ort bieten, aber da dieses Unglück logischerweise die Medien beherrscht und auch auf die deutsche Innenpolitik Auswirkungen hat, will ich heute mal ein paar besonders interessante Artikel zu dieser Thematik präsentieren. Die taz berichtete schon am Samstag über den „Fukushima-Betreiber Tepco: Tricksen und täuschen“ und verdeutlicht, dass dieses Vertuschen von Problemen, das wir ja auch von deutschen Energieriesen wie Vattenfall kennen, anscheinend ein universelles Phänomen ist:

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Mrz
15
2011
1

Wissensbasis: Sexy Ware – Wie aktuell ist Konsumkritik?

© iprole, stock.xchng

Heute möchte ich Euch mal nur einen einzigen Artikel als Lesetipp an die Hand geben – da ich ihn für einen grundsätzlich wichtigen halte, wird er auch in die Wissensbasis aufgenommen und hier noch mal explizit empfohlen. Es geht um „Sexy Ware: Wie aktuell ist Konsumkritik?“ von Christian Leder, der vor einiger Zeit im Schweizer Soziologie.ch-Magazin erschien. Das Magazin wird zwar nicht mehr weitergeführt, aber freundlicherweise existieren alle Artikel noch im Online-Archiv. So auch dieser, der einer ganzen Reihe grundlegender Fragen (auch vor durchaus wissenschaftlichem Hintergrund) nachgeht und zur Diskussion stellt, inwieweit Konsumkritik in Zeiten der Spaß- und Eventgesellschaft noch angemessen ist bzw, ob sie nicht gerade heute aktueller denn je ist. Hier ein paar Auszüge aus dem Text, ich empfehle wie gesagt die komplette Lektüre:

(…) Die Ware, ein “Fetisch”. In Vernachlässigung der Bedeutung von “Fetisch” als etwas Mythischem verwenden wir den Begriff heute vornehmlich in einem sexuellen Zusammenhang. Irgendwie denken wir bei “Fetisch” doch sofort an “Lack und Leder”, an unkonventionelle sexuelle Vorlieben, an die niederen Triebe. Einmal davon abgesehen, dass die massenmediale Werbung oft genau an jene sexuellen Lüste appelliert, nimmt unsere Beziehung zu Konsumprodukten tatsächlich oft eine dem sexuellen Verlangen ähnliche Gestalt an. Das dringende Verlangen, jetzt dieses oder jenes Produkt zu haben. Die Fixierung auf ein Produkt, von dessen Besitz man sich Stimulierung verspricht. Die Überzeugung, das Innehaben jenes Tops, jenes mp3-Players oder jener Tasche würde einen mit tiefem Glück erfüllen – und stellen wir nach dem Kauf nicht regelmässig etwas wie eine Ernüchterung, eine postkoitale Tristesse fest? Der orgiastische Kaufrausch endet – wie wohl jeder Rausch in einer Depression endet – in Ernüchterung. Bei Feststellung dieser Verwandtschaft des Kaufrausches zum Sexuellen und Mythischen sollten wir uns, die wir Webers Terminus der “Entzauberung” kennen, fragen, ob die Entzauberung der Natur unser mythisches Bedürfnis auf die Warenwelt verschiebt. Ob wir, da wir unsere Sehnsüchte nicht länger auf die Natur projizieren, einen Ersatz suchen – und ihn im Konsumprodukt finden.

Käuflichkeit des Glücks

Was die Warenwelt als Objekt der Projektion unserer Sehnsüchte so attraktiv macht ist, dass man die Waren grundsätzlich alle kaufen kann. Ganz egal was einer ist und was einer macht: hat er das nötige Geld, kann er sich seinen Wunsch erfüllen. Diese Demokratisierung des materiellen Wohlstandes wurde von liberaler Seite oft hervorgehoben und der sogenannt Amerikanische Traum, die theoretische Möglichkeit vertikaler Mobilität, wurde als Antrieb wirtschaftlichen Handelns postuliert. Dieses Argument unterstellt eine Gleichsetzung der Demokratisierung des Wohlstandes mit einer Demokratisierung des Glücks. Man schreibt den materiellen Gütern die mythische Fähigkeit zu, uns glücklich zu machen. Unter diesen Vorzeichen wird die Arbeit zu einem blossen Mittel zum Zwecke des Erwerbs. Und tatsächlich ist unsere Lebensweise zutiefst geprägt von der wirtschaftlichen Doppelrolle, der Aufspaltung in Arbeiter und Konsumenten. Wir nehmen die Mühen der Arbeit auf uns, um uns nach Feierabend vergnügen und uns dabei selbst finden zu können. (…)(…) Wir sind kein Volk von Arbeitern und Künstlern sondern von Arbeitern und Konsumenten. Vor dreissig bis vierzig Jahren hätte eine solche Haltung gegenüber dem Konsum grosses Gehör gefunden. Heute spricht man im Feuilleton grösstenteils unkritisch von der “Erlebnisgesellschaft”, der “Freizeitgesellschaft” und der “Spassgesellschaft”. Wer heute von “Konsumterror” spricht wird als unzeitgemässer Marxist belächelt. Der Soziologie fällt es immer schwerer, einen kritischen Anspruch zu bewahren. Die Institutionen der Kritik haben sich von der Gesellschaftstheorie gelöst und sind selbständig geworden. Sie machen uns auf die aktuellen Probleme aufmerksam: auf die Umweltverschmutzung, auf die weltweit gesehen massiv ungerechte Verteilung der Ressourcen und des materiellen Wohlstandes, auf Hunger, Krankheit und Tod jenseits unseres Kontinents, auf die Kluft zwischen Armen und Reichen. Alles Probleme, die mit dem Konsum zusammenhängen. Eine Kritik, die am Konsum ansetzt, vertraut auf die Einsicht des Einzelnen. Sie ist dem aufklärerischen Ideal verpflichtet, dass jede/r Einzelne sich ihrer/seiner Verantwortung bewusst wird und sich fragt, ob sie/er damit einverstanden ist, wie es ist. Die Konsumkritik vertraut auf die praktische Vernunft – und unterscheidet sich dadurch vom Marxismus, der die einzige Lösung in der Beseitigung des “falschen Bewusstseins”, in der Revolution sieht.

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Mrz
14
2011
48

Die Durchkommerzialisierung der digitalen Welt – Teil 2: Apple

© michaelaw, stock.xchng

Nachdem ich im ersten Teil meiner kleinen Serie über die Kommodifizierung und Konzernisierung der digitalen Medien (vor allem des Internets) Facebook und seine Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir mit dem Web umgehen, beleuchtet habe, ist heute ein anderer großer „Player“ an der Reihe – Apple. Apple sorgt in anderer Form dafür, dass sich das digitale Nutzungsverhalten der Menschen ändern kann und dem Kommerz Vorschub geleistet wird, denn das Unternehmen bringt mit dem iPhone und dem iPad Geräte auf den Markt, die proprietäre Software benutzen und bei denen Apple versucht, den Daumen auf die Datenströme zu haben. Dies könnte in letzter Konsequent eine Beschneidung der Meinungsfreiheit bedeuten, wie in den letzten Monaten in diversen Medien kritisiert wurde. Ein Beispiel für skeptische Berichte ist „Wenn Apple zensiert“ im Medien-Monitor:

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Mrz
13
2011
36

Die Atom-Debatte reloaded

Anlässlich des furchtbaren Erdbebens in Japan, dass nicht nur ganze Landstriche verwüstet und weit über 1000 Menschen das Leben gekostet hat, sondern durch die Explosion im Atomkraftwerk Fukushima 1 nun auch eine atomare Katastrophe heraufbeschwört, stellt sich wieder einmal die Frage, wie verantwortungsvoll bzw. eher verantwortungslos es von Politik und Wirtschaft ist, an dieser Risikotechnologie festzuhalten. Die Debatte um die Verlängerung der Laufzeiten der AKW in Deutschland wird nun also aktueller denn je, und die Befürworter der Kernenergie müssen sich weltweit fragen, inwieweit sie die Sicherung von Konzernmacht und wirtschaftlichen Interessen wirklich über die Gesundheit der Menschen stellen können. Noch ist es zwar hierzulande zu keinem GAU gekommen, aber sicher und sauber ist die Atomkraft selbstverständlich nicht, allen PR-Bemühungen der Atomlobby zum Trotz. Ich will an dieser Stelle auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, noch mal einige Beiträge ins Gedächtnis rufen, die in der letzten Zeit (u.a. auch in meinem Blog). So wurde im NDR kurz über die grundlegenden Risiken aufgeklärt:

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Mrz
11
2011
4

Die Durchkommerzialisierung der digitalen Welt – Teil 1: Facebook

„Es war einmal…“ So fangen für gewöhnlich Märchen an. Hoffentlich werden nicht irgendwann unsere Enkel und Urenkel von Anfangstagen des Internets und des freien Informationsflusses so erzählen müssen: „Es war einmal eine Zeit, in der immer größeren Bevölkerungsschichten Informationen zugänglich wurden und politische und demokratische und kritische Meinungsbildung für viele Menschen erschwinglich und möglich wurde. Dann kamen die großen Konzerne, entdeckten die digitalen Medien für sich und nahmen sie fortan für sich in Beschlag.“ Der Trend zu immer mehr Kommerz im Netz ist ja nun schon seit Jahren in vollem Gange, und seitdem die Medienkonglomerate die Bedeutung des neuen Mediums erkannt haben, drängen sie immer stärker auf eine Art gewinnmaximierende Gleichschaltung. Natürlich versucht auch die Politik, zunehmend Einfluss auf das Internet und die dort vorhandenen Meinungs- und Informationsströme zu nehmen (nicht nur in Diktaturen wie Libyen etc., sondern auch im ach so demokratischen Westen, Stichwort „Netzsperren“), aber in meinem heutigen Artikel soll es um die wirtschaftlichen Interessen gehen, die zum Teil den politischen jedoch durchaus in die Hände spielen. Haben wir eh nur „Die Illusion vom freien Internet“, wie der Slow-Media-Blog vor einigen Monaten urteilte?

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Mrz
10
2011
1

Suchanfragen des Monats – McDonald’s, Nestlé, Katzenfutter und Billigfleisch

Es wird mal wieder Zeit für einen kleinen Blick auf die interessantesten (oder sonderbarsten) Suchanfragen, die einige Besucher auf meinen Blog geführt haben – und damit die Fragen nicht ungeklärt im freien Raum stehen bleiben müssen, auch gleich meine Antworten dazu:

„wo wird das essen von mcdonalds erzeugt“

Naja, wenn man den Reklamespots des Konzerns glauben darf, ist alles bestens, quasi direkt vom deutschen Kleinbauernhof um die Ecke. Die Realität sieht leider doch oft anders aus, siehe auch den Markt-Beitrag „Dem Hamburger auf der Spur“.

„mcdonald’s kindergeburtstag“

Ach nein, bitte nicht! Tut Euren Kindern lieber was Gutes und veranstaltet selbst was, also sie in genormten Plastikambiente Plastikfood essen zu lassen!

„wie betrifft mich die globalisierung“

Diese Frage bedarf eigentlich eines eigenen Artikels, wenn nicht gar eines kompletten Buches. Aber kurz gesagt betrifft JEDEN von uns hierzulande die sog. „Globalisierung“, sowohl im Positiven (viele Waren sind für unsereins günstig, weil in ärmeren Ländern Menschen dafür schuften; viele Reisebschränkungen sind gefallen) wie auch im Negativen (Umweltverschmutzung, Arbeitsplatzabbau im Inland, einseitige Exportorientierung der Wirtschaft zu Lasten einer Selbstversorgung usw. usf.). Wenn die derzeitige Form der Globalisierung, also der neoliberale Kurs des ewigen Wirtschaftswachstums und Konsums, weitergeführt wird, werden wir am Ende alle Verlierer sein…

„nestlé macht durch nahrung rezession“

Also das ist mal ein interessanter Gedanke … dem ich allerdings nicht so ganz folgen kann. Nicht, dass ich Nestlé gegenüber positiv eingestellt wäre, und sicherlich richtet der Konzern durch sein Treiben in vielen Regionen der Welt auch genug Schäden an (z.B. durch die Wasserprivatisierung, das Vorantreiben der Genforschung, durch den Einsatz billiger Rohstoffe etc.), aber ob das nun gleich zu einer Rezession führt, hm. Wer mehr weiß, darf mich gerne aufklären. :-)

„wer trägt die kosten für billigfleisch“

Tja, die trägt am Ende die Gesellschaft, wie generell bei Billigprodukten (Discounter etc.). Von der miesen Behandlung der Tiere angefangen über den unnötig gesteigerten Fleischkonsum (weil’s ja soooo schön billig ist), den Ressourcenverbrauch für Futtermittel (Soja aus Südamerika), die Energie- und Wasserverschwendung bei der Fleisch„produktion“ bis hin zum Verbraucher, der bei besonders billigem Fleisch eben auch die entsprechend minderwertige Ware enthält, die – die Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre sprechen da ja Bände – am Ende sogar zur Gefahr für die eigene Gesundheit werden. Also wenn schon Fleisch, dann besser Qualität (Bio). Oder gleich was anderes essen – ich empfehle Seitan.

„was ist in katzenfutter drin“

Glaubt man der Reklame, dann natürlich nur das Beste! Gesunde Zutaten, schonend verarbeitet, damit das Haustier gesund und froh durchs Leben tollen kann. In der Welt der realen Welt lesen sich die Zutatenlisten dummerweise doch etwas anders – Schlachtabfälle, Geschmacksverstärker, Zucker. Deswegen: „Katzen würden kein Whiskas kaufen“!

„bio bessere arbeitsumstände“

Kommt drauf an, was man darunter versteht. Leider garantiert ein Bioladen nicht zwingend für gute Arbeitsbedingungen und auch beim Anbau kann so manches schief gehen. Aber zumindest wird mit weniger Giftstoffen hantiert etc., und bei manchen Anbauverbänden (Demeter, Bioland) wird auch Wert auf die sozialen Komponenten gelegt. Ob der Trend zum Massen-EU-Bio da förderlich ist, sei mal dahingestellt…

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