Sep
30
2009
9

Wie teuer ist billig? kik – die Hintergründe und die Folgen

Das Thema „teure Discounter“ hatte ich ja schon des öfteren in meinem Blog. Denn der Preis für die Billigware und das Verramschen von Produkten, koste es (die Menschen & die Gesellschaft) was es wolle, ist höher, als manch einer beim Griff ins Aldi-KloRegal oft denkt. Ich erinnere da beispielsweise an diesen, diesen oder diesen Artikel. Nun hat sich auch der Spiegel des Themas erfreulicher Weise erneut angenommen und berichtet in „Wie teuer ist billig?“ über den Textildiscounter kik und die (negativen) Folgen des Erfolges dieser Kette. Die Ausbeutung, die kik (und ähnliche Läden, auch Lidl, Aldi etc.) mit seinem Angebot sowohl hierzulande wie in den armen Produktionsländern anfacht, ist schwer zu ertragen und sollte von niemandem unterstützt werden. Wer tatsächlich glaubt, zu solchen Ramschpreisen gute Ware zu erwerben, die der ganzen Wertschöpfungskette zugute kommt (und nicht nur den Konzernbetreibern), dem ist eh nicht zu helfen.

Hier ein paar Auszüge des Spiegel-Beitrags:

Doch der Erfolg beruht auf einer Täuschung. Genau genommen sind Kiks Preise nicht billig – sie kommen Mitarbeiter, Zulieferer und oft auch Kunden teuer zu stehen. Den höchsten Preis für den hiesigen Geiz zahlen die Näherinnen in den Fabriken in Bangladesch. Fast die Hälfte der Waren stammt von dort. (…)

(…) Sicher, auch vermeintliche Edelmarken wie Joop und Pierre Cardin nutzen die Frondienste der Bangladescher – obwohl die Lohnkosten nur etwa ein Prozent des Preises ausmachen. Verantwortlich für das System der Preisdrückerei seien jedoch Discounter wie Kik und Lidl, so Burckhardt. Sie spielen die Produzenten mit ihren Massenaufträgen gegeneinander aus und machen die Näherinnen zu Getriebenen, gehetzt von immer schneller wechselnden Modetrends. (…)

(…) Und über unerträgliche Arbeitsbedingungen: So ist Heinig stolz darauf, dass es in seinen Läden nicht mal Klimaanlagen gebe – alles viel zu teuer. An manchen Tagen im Sommer habe sie kaum atmen können, wenn sie morgens in die Filiale gekommen sei, sagt etwa eine Tedi-Teamleiterin aus dem Raum Aachen. Dann stehe die Luft und rieche leicht süßlich. Sie wuchte dann zuerst die Ständer mit den Plastik-Clogs vor die Tür. Wie gefährlich hoch die Weichmacher-Konzentration in vielen solcher Produkte ist, wies “Öko-Test” bereits vor einem Jahr nach. Auch bei Kik gab es Massen davon. (…)

Interessant sind auch die Diskussionen zu diesem Artikel, die bei Spiegel Online derzeit ablaufen (und schnell in reflexartige Kapitalismus <-> Kommunismus-Debatten abrutschen). Zitat eines Users:

Der folgenschwerste Aspekt bei KIK ist die Wettbewerbsverzerrung und Kulturverlust. Solange die Menschen noch satt und einigermaßen gesund sind, nehmen sie das hin. Bis sie degeneriert sind, wieder eine Phase oder ein Schub der Kollektivierung unvermeidlich ansteht. Dann werden die hohen Herren von Kik keine stabile Basis für ihre Kinder geschaffen haben, die Evolution trickst sie aus. Ihre Pläne. Ihre Perspektiven. Ihren Glauben.

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Sep
29
2009
10

Verursachen Elektroautos die nächste Umweltkrise?

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© reisereise, stock.xchng

Passend zu meiner Buchbesprechung von „Asphalt Nation“ neulich, in der es um die vielen Nachteile unserer Autokultur ging, stieß ich jüngst auf einen Artikel auf Utopia, der die interessante Frage aufwirft: „Verursachen E-Autos die nächste Umweltkrise?“. Denn gerade von den Grünen, aber auch von breiten Kreisen der Industrie, werden Elektroautos als DIE ultimative Rettung der Welt dargestellt. Was dabei in den Hintergrund gerät – ist das mit dem Automobil verbundene Konzept des grenzenlosen Individualverkehrs mit all seinen Problemen (von denen die Abgase noch die geringsten scheinen) überhaupt zukunftsfähig, sollte man hier nicht eher versuchen, Kreativität, Energie und Geld in ganz andere Lösungen zu stecken? Regierungen, die Milliarden € in Abwrackprämien pumpen, sind wohl offensichtlich noch ganz im alten Denken verhaftet, von dort darf man keine entscheidenden Impulse erwarten.

(…) Die Krux aber ist: Elektroautos sind gar nicht so umweltfreundlich, wie viele Hersteller tun. Vor allem die Entsorgung der rohstoffaufwendigen Lithium-Ionen-Batterien ist ein Problem. Auf genau diese Akkus setzt die Industrie derzeit für E-Autos, weil sie leistungsstärker sind als andere Batterien. Greenpeace-Verkehrsexperte Wolfgang Lohbeck findet, dass die Industrie mit ihren E-Autos zu kurz denkt. Ein Rechenbeispiel, das er anstellt: Eine E-Autobatterie wiegt um 200 Kilo. Sollte das E-Auto in 20 oder 30 Jahren massentauglich werden, würden dann jährlich 50 oder mehr Millionen Batterien anfallen, also jährlich zehn Millionen Tonnen Abfall! (…)

(…) Aber nicht nur die Entsorgung der Batterien ist ein Problem. Die Produktion der leistungsstarken Akkus ist besonders ressourcenaufwendig. Lithium ist zudem nicht endlich, wie etwa die Deutsche Umwelthilfe betont. In zehn, zwölf Jahren könnten die weltweiten Lithium-Vorkommen bereits aufgebraucht sein. Gewonnen wird es zum Beispiel in Ländern wie Chile, Bolivien und China. Die Abbaumethoden im großen Maßstab bedeuten Raubbau an der Natur – von den Arbeitsbedingungen für die Menschen vor Ort einmal ganz zu schweigen. (…)

(…) Greenpeace-Verkehrsexperte Lohbeck bringt das Dilemma mit den Elektro-Autos auf den Punkt: „Der Elektroweg ist dann genauso wenig nachhaltig, wenn lediglich das Element Antrieb ausgetauscht wird in einem ansonsten vollkommen unnachhaltigen Konsumgut: einem Auto, das zur Beförderung von – sagen wir mal – 100 bis 200 Kilo Nutzlast (Mensch mit Aktentasche oder was auch immer) bis zu zwei Tonnen oder mehr Gewicht an Kunststoff, Aluminium und anderer ‘toter’ Last befördert. Da ist es langfristig vollkommen egal, ob so ein Missverhältnis auf einem effizienten Verbrennungsantrieb basiert oder auf Elektro.“

Auf Utopia läuft derzeit eine entsprechende Debatte darüber – hier wird eher (wie so oft) auf die technischen Entwicklungen abgezielt, beispielsweise dass Lithium-Recycling inzwischen, entgegen den Angaben in obigem Artikel, sehr wohl möglich ist. Einer generellen Hinterfragung dieser Form der Mobilität stellen sich die meisten lieber nicht… (Ausnahme: ein User analysiert in seinem Beitrag die Vorteile von Straßenbahnen gegenüber Bussen & Autos)

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Sep
28
2009
3

Was bringt die Zukunft?

Jetzt nach der glorios absolvierten Wahl stellen sich sicher viele Schafe Bürger die Frage, wie denn die Zukunft nun wohl werden werde, zumindest in der kommenden Legislaturperiode (sofern man nach dem Ergebnis nicht eh besser auswandert). Tatsächlich gab es dazu in der letzten quer-Sendung im Bayerischen Fernsehen ein sehr spannendes Interview mit Prof. Harald Welzer: „Was bringt die Zukunft?“. Wenngleich man seine Ausführungen zur Klimaerwärmung so oder so sehen kann (denn dass jegliche Klimaerwärmung nur von Menschen gemacht wird, so als wenn die Erde ein konstantes System wäre, ist ja doch eher fraglich), so machen doch seine Aussagen zum Widerstand gegen die jetzige Parteienbräsigkeit wiederum Mut, sich einzumischen. Zeit zum Aktivwerden, Zeit zum Aufwachen.

Was bringt die Zukunft? Nichts Gutes, sagt der Sozialpsychologe Prof. Harald Welzer. Es sei denn, die Politik lernt endlich umzudenken und sich auf die Anforderungen unserer Zukunft einzustellen.

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Sep
27
2009
12

Kleine spontan-subjektive „Wahlanalyse“

bdtswhl2009EIGENTLICH hatte ich mir, als ich mit meinem Blog begann, geschworen, mich aus der Tagespolitik, der Parteienpolitik herauszuhalten. Leider ist dies nicht immer ganz möglich, da halt alle gesellschaftlichen Felder irgendwie miteinander verquickt sind, und Themen wie Kommerzialisierung, Marktmacht, Überwachung etc. immer auch von der „Realpolitik“ beeinflusst, wenn nicht manchmal gar bestimmt werden (wenngleich oft hinter diesen politischen Weichenstellungen mächtige Lobbys und Konzerne stecken). Dennoch möchte ich heute aus gegebenem Anlass noch einmal kurz (!) auf die Thematik Bundestagswahl usw. eingehen – zukünftig wird die Alltagspolitik dann aber wieder einen geringen Rang im Konsumpf einnehmen.

Also, wenn die Hochrechnungen stimmen, ergibt sich stichwortartig in meinen Augen folgendes Bild:

Negativ:

  • Schwarz-geld gelb scheint tatsächlich Realität zu werden – ein Wunder angesichts der Wirtschaftskrise, die doch zeigte, für welche Interessen sich diese Parteien wirklich einsetzen; kein Wunder, wenn man gesehen hat, wie sehr die Mainstreammedien Meinungsmache betrieben haben.
  • Wir dürfen uns also auf mehr Atomkraft, mehr Privatisierungen, mehr Konkurrenz, noch mehr Wirtschaftsdominanz „freuen“; Rente mit 75 und Steuerfreiheit für alle, deren Einkommen über 100.000€ im Jahr liegt. (*Polemikmodus aus* ;-)

Eher positiv oder doch zumindest interessant:

  • Die Wahlbeteiligung auf Rekordminus – das ist schon Ausdruck deutlichen Protests
  • SPD und CDU haben zusammen so wenig Prozente wie noch nie zuvor, sprich, die kleineren Parteien legen zu (als Folge der großen Koalition, aber auch im langfristigen Trend) => das Spektrum wird bunter. Wobei FDP & Grüne nun eigentlich nicht mehr als „klein“ bezeichnet werden können und zu befürchten ist, dass manche ehemaligen SPD- & CDU-Wähler ihre Stimme dort nur „geparkt“ haben.
  • Die Piratenpartei immerhin bei ca. 2 % – und damit 0,5% mehr als die Grünen bei ihrer ersten Bundestagswahl, wie ich grad irgendwo las. Trotz einseitiger bzw. tendenziöser Medienkampagnen (Die Zeit…) und eines dürren Parteiprogramms sowie einiger (hochgepushter) Personal-Skandale. Mal sehen, wie die sich in der Zukunft entwickeln.
  • NPD und die anderen Rechtsaußen-Parteien sind quasi bedeutungslos, haben sogar weniger Stimmen als die Piraten.

Generell frage ich mich, ob es nicht auch was Gutes hat, dass CDU/CSU & FDP gerade jetzt an die Macht kommen. Denn die Krise ist ja – allen medial vermittelten Jubelmeldungen zum Trotz – natürlich noch längst nicht zu Ende, fängt vielleicht sogar so richtig erst an. Die Suppe, die sich Politik & Wirtschaft in den letzten Jahren/Jahrzehnten da eingebrockt haben, müssen nun die Schwarzgelben auslöffeln. Das wird auf der einen Seite sicher mit vielen sozialen Härten einhergehen, aber (Schocktherapie!) eventuell dann endlich mal genug Menschen aufwecken und sie dazu bringen, sich (außerparlamentarisch) zu wehren. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…

Das andere Positivum, das man in dieses Wahlergebnis hineindeuten könnte: Da die SPD in Sachen Bürgerrechte/Überwachung/Internetzensur ja brav mit der CDU mitgestimmt hat, die FDP aber sich als große Bürgerrechtspartei aufspielt(e), heißt das, dass der CDU entweder der Ausbau des Überwachungsstaat erschwert wird (falls die FDP prinzipientreu bleibt) – oder, wenn die FDP doch umfällt, hat diese damit für die Zukunft jegliche Glaubwürdigeit verspielt. Vielleicht sogar bei den Naivlingen/Egozentrikern, die diese Partei jetzt noch gewählt haben, in der Hoffnung, für sie persönlich würde dabei etwas herausspringen.

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Sep
27
2009
3

Die Qual der Wahl / Die Wahl der Qual

Jaja, heute ist Bundestagswahl (und wir in Schleswig-Holstein dürfen gleichzeitig auch noch den Ministerpräsidenten abwählen). Wer noch nicht sein Kreuzchen gemacht hat, sollte dies im Laufe des Tages aber auf jeden Fall noch tun, egal, wie wenig er (berechtigterweise) von den etablierten Parteien und deren Umtrieben und dem aktuellen Zustand der parlamentarischen Demokratie hält. Nicht zur Wahl zu gehen ist auf jeden Fall keine Lösung, denn es zementiert nur die jetzige Machtverteilung und sorgt dafür, dass sich garantiert nichts ändert. Die großen Parteien freuen sich, wenn sie ihre Pöstchen auch in Zukunft behalten können – das gilt es zu verhindern, oder doch zumindest zu erschweren! Meine Meinung – und nicht nur meine:

Solche Dinge wie die folgenden bei seiner Wahlentscheidung im Hinterkopf zu behalten, ist sicher nicht verkehrt:

  • Pläne aus dem Bundesinnenministerium – Verfassungsschutz soll zur Polizei werden“ (Süddeutsche Zeitung, 25.9.2009)
    „Das Bundesinnenministerium bereitet sich mit weitgehenden Forderungen zur inneren Sicherheit auf die Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl vor: Der Verfassungsschutz soll zahlreiche neue Kompetenzen erhalten und zur allgemeinen Sicherheitsbehörde ausgebaut werden. Dies ergibt sich aus einem Konzept, das in dem von Wolfgang Schäuble (CDU) geführten Bundesinnenministerium ausgearbeitet worden ist.“
  • Welche Konzerne den Parteien Geld zustecken“ (Financial Times Deutschland, 12.9.2009)
    „Die FDP erhielt laut einem “Spiegel”-Bericht neben den 150.000 Euro vom bayerischen Metallindustrieverband in den vergangenen Monaten Großspenden von Banken und Finanzdienstleistern. Im Juni hätten die Liberalen 200.000 Euro von der Deutschen Bank, 150.000 von der Deutschen Vermögensberatung AG und 100.000 Euro von der Allfinanz Deutsche Vermögensberatung erhalten. Im April seien 250.000 Euro von der Düsseldorfer Finanzierungsgesellschaft Substantia an die FDP gegangen.”

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Sep
26
2009
15

Nichtwähler

Und hier der zweite angekündigte Frontal 21-Beitrag zur Bundestagswahl, der sich mit dem „Phänomen“ Nichtwähler befasst – „Nichtwahl aus Protest“:

Immer mehr Wähler, sogar politisch Interessierte, Mittelständler oder Intellektuelle gehen aus Protest gegen den Politikbetrieb nicht zur Abstimmung. Stefan Grüll ist einer von ihnen. Er war früher selbst in der FDP aktiv, heute ist er verärgert über das Angebot der Parteien und einen Wahlkampf ohne erkennbare Inhalte. “Das muss ein Ventil finden, das muss irgendwie artikuliert werden, und die Nichtwahl, die politisch motivierte Nichtwahl, ist eine Möglichkeit – und davon machen immer mehr Menschen Gebrauch”, sagt Grüll.

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Sep
26
2009
3

Jungwähler

Am Vorabend der Bundestagswahl möchte ich zwei gelungene Beiträge der letzten Frontal 21-Sendung auf die Tagesordnung heben – den Anfang macht „Wähler ab 50 entscheidend“, in der es um die Überalterung der etablierten Parteien geht und um die neuen Formen, die jüngere Menschen für ihr politisches Engagement finden, sowie den verzweifelten Kampf der Altparteien, die Jungwähler dennoch an sich zu binden (symbolisch hier die Szene am Ende, wo der kleine Junge den CDU-Luftballon ablehnt, hehe):

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Sep
25
2009
11

Reklame – die Pest der Kommerzgesellschaft

kola-kaputtSelten hat mir ein Artikel so aus der Seele gesprochen wie Ludger Lütkehaus’ „Reklame – die Pest der Kommerzgesellschaft“ auf literaturkritik.de. Der Kampf gegen den Werbeterror habe ja auch ich mir hier im Blog auf meine Fahnen geschrieben, von daher passt dieser großartige Text natürlich genau hierher. Ich kann nur jedem von ganzem Herzen empfehlen, sich diesen Artikel in seiner Gänze zu Gemüte zu führen, vor allem denjenigen, die in Reklame noch etwas Tolles, Informatives oder Nützliches sehen. Auf gestrenge und schonungslose Art entlarvt Lütkehaus die ganze hohle Fassade, die die Werbeindustrie gerne um ihre Worthülsen und Bildblasen auftürmt. Ich zitiere nur mal einige besonders schöne Passagen:

Reklame ist nicht Reklame, sondern “Werbung” oder gar “Information”: So will es die Reklame, welche die Reklame für sich selber macht. Denn selbstverständlich ist die Reklame in Wahrheit nichts weniger als Information. (…)

Früher, in den Zeiten, als es noch um die Wahrheit ging, hätten wir gesagt: Das Gegenteil der Wahrheit ist, abgesehen vom Schein, die Lüge. Heute sagen wir: das Gegenteil von Wahrheit ist die Reklame. Nicht im Sinn einer bewussten Täuschung. Gott bewahre, alle wissen ja, was gespielt wird, sondern in dem Sinn, dass der Reklame die Wahrheit gleichgültig ist, völlig gleichgültig. Wahrheit ist für die Reklame überhaupt keine Kategorie, kein Maßstab. Und auch mit der Schwundstufe der Wahrheit im Informationszeitalter: eben der “Information”, hat sie nur zu Desinformationszwecken zu tun.

(…) Die Reklame kann diese Funktion aber nur um den Preis erfüllen, dass sie nur selten etwas, meist wenig, oft gar nichts mit den Produkten zu tun hat, für die sie Reklame macht. Die spröde, aber präzise Sprache der Bundesrechtsanwaltsordnung hat das auf einen angemessenen Begriff gebracht. Sie definiert Reklame als “allgemeine Anpreisung ohne sachlichen Inhalt”. Die Ökonomie selber drückt das so aus, dass die Produktionskosten der Produkte ein Bruchteil ihrer Reklamekosten sind. Die Herstellung kostet fast nichts, die Vorstellung fast alles. Die Mär, dass die Reklame die Produkte billiger mache, ist eines der merkwürdigsten Kapitel der Reklame, die sie für sich selber macht. Reklame ist eine gigantische Verteuerungsanstalt. Und selbst, wenn der reklamegestützte Massenkonsum die Produkte verbilligen sollte, so ist es doch noch billiger, wenn niemand verbraucht, was niemand braucht. Kein Wunder, dass das Verhältnis der Reklame zur Wahrheit von Grund auf gestört sein muss. Sie darf gar kein Interesse daran haben. Hätte sie es, könnte sie die Überproduktionsgesellschaft nicht entsorgen.

(…) Weil Reklame aber kein Verhältnis zur Wahrheit der Dinge und zum Bewusstsein der Menschen hat und haben darf, höhlt sie auch jeden Glauben an die Glaubwürdigkeit der Menschen und Dinge aus. Sie ist das praktizierte System des Zynismus. Die Einübung in einen nur zu berechtigten General verdacht geht mit ihr einher. Die Versprechen, die sie macht, sind die Lehrmittel eines permanenten Misstrauenstrainings, die von ihr vermittelte Psychologie ist eine Entlarvungspsychologie. Als die Leerform schlechthin, die sich jeden Inhalt einbilden kann, bringt die Reklame alles mit allem und allen in Verbindung – weil sie mit nichts und niemand eine Verbindung hat. Am Ende ist alles Abfall, die Welt überführt in die Halde, die sie für die Reklame von Anfang an war. Der Rest ist Schweigen? Nein, der Rest ist Müll. (…)

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Sep
24
2009
3

Panopti: Die schöne neue Welt der Überwachung

Schon eine ganze Weile, bevor die Piratenpartei die Themen Datenschutz und Überwachung auf die Tagesordnung hob, machte sich der Designer Johannes Widmer im Jahre 2007 daran, mit dem interaktiven Animations-Projekt panopti.com eine sehr anschauliche Darstellung dessen zu geben, was uns im normalen Alltag bereits so an Überwachungstechnik begegnet; oft ohne es zu ahnen. Tatsächlich berichtete damals sogar der Spiegel darüber und fand viele lobende Worte für Widmers aufklärende Website. Wer also schon immer mal hinter die Kulissen schauen wollte und wissen möchte, wie weit unser Alltag inzwischen durchdrungen ist (bzw. sein könnte) von solchen technischen „Errungenschaften“, sollte unbedingt einen Blick darauf werfen. Einen kleinen Auszug daraus (natürlich nicht interaktiv wie panopti) kann man sich auch bei YouTube anschauen:

Die Sache mit dem Frosch hatte ich ja schon mal in meinem Blog, aber manches darf man sich ruhig öfter anschauen:

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Sep
23
2009
16

An weißer Milch klebt rotes Blut

flaischIn der Reihe Dok 5 – Das Feature brachte WDR 5 neulich die Sendung „An weißer Milch klebt rotes Blut – Die Utopie vom veganen Leben“. Kein Fleisch zu essen empfinde nicht als allzu große Einschränkung, jedoch kann ich mir, ehrlich gesagt, für mich nicht vorstellen, auf Milch und Milchprodukte zu verzichten, trotz dieser Doku und der sicherlich guten Argumente dafür… Aus nicht nachvollziehbaren Gründen gibt es ausgerechnet diesen Beitrag nicht vollständig als Podcast/mp3 zum Nachhören (nur diese kleine Hörprobe), aber wenigstens das komplette Manuskript als pdf zum Herunterladen – man kann sich die Musik etc. ja einfach dazu vorstellen.

Der deutsche Fleischkonsum sinkt seit Jahren, fleischlose Alternativen sind bis in die Betriebskantinen vorgedrungen. Die Gruppe der Vegetarier wächst, und immer mehr Menschen lehnen auch die „Ausbeutungsprodukte“ Milch und Eier ab.

Die Vision von einer veganen Welt, in der das Mitgeschöpf Tier nicht länger ausgenutzt und getötet wird, ist viel älter als die moderne Tierrechtsbewegung. Schon in den 1930er-Jahren kämpfte ein evangelischer Pastor in einer nordfriesischen Landgemeinde für sein veganes Utopia, forderte Erbarmen mit dem Schlachtvieh und prangerte den „Verrat der Kirche an den Tieren“ an.

(…) 59 kg Fleisch essen die Deutschen im Schnitt pro Jahr. Vor zwanzig Jahren waren es noch 70 kg. Der Fleischkonsum in Deutschland sinkt seit Jahren, gleichzeitig steigt die Nachfrage nach vegetarischen Produkten – und dadurch auch das Angebot fleischloser Produkte im Einzelhandel und in der Gastronomie. Als erstes Land in der EU hat Deutschland im Januar 2002 den Schutz der Tiere im Grundgesetz verankert. Die Käfige für Hühner sind größer geworden, die Transportrichtlinien für Schlachtvieh wurden verschärft, die Ansprüche an eine artgerechte Haltung höher, aber das Recht, Tiere für einen „vernünftigen“ Zweck zu töten, bleibt bestehen. Ob es allerdings vernünftig ist, Tiere zu züchten und zu schlachten, um ihr Fleisch zu konsumieren, daran gibt es immer stärkere Zweifel. Die deutsche Landwirtschaft stößt fast ebensoviel CO2 aus wie der Straßenverkehr, und zwei Drittel dieser Emissionen gehen auf das Konto der Tierhaltung. Fleisch ist umweltschädlich – auch Biofleisch – das ergab eine Studie, die das Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung im Auftrag der Verbraucherorganisation Food Watch erstellte. Und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ruft die Verbaucher neuerdings auf, weniger Fleisch zu essen.

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