Jan
20
2013
21

Agraprofit – Hauptsache billig

Es gibt so Momente, wo ich mich frage, ob es überhaupt noch einen Sinn hat, so einen Blog wie diesen hier zu betreiben. Nein, damit meine ich nicht den allgemeinen Blogger-Blues, den jeder kennt, der selbst ins Internet schreibt. Sondern die Zweifel daran, inwieweit das, was man so schreibt, überhaupt etwas bewirkt. Bewirken kann. Denn allgemein geht man ja doch davon aus, dass man Menschen nur entsprechend aufklären müsse, und schon wird aus schädlichem sinnvolles Handeln. Gerade im Bereich des (Lebensmittel-)Konsums vesucht unsereiner durch Aufdecken von Missständen und Skandalen ein Umdenken beim Käufer anzustoßen. Wer sich allerdings dieses Video der großartigen Guerilla-Aktion Agraprofit anschaut (enstanden im Auftrag der gemeinsamen Kampagne “Öko+Fair” von Weltladen Dachverband e.V. und Naturland e.V. und von der Agentur YOOL realisiert), der kann schon verzweifeln. Unglaublich, wie tief das „Geiz ist geil“-Mantra mittlerweile bei vielen Leuten verankert ist.

Agraprofit – überwiegt die Schnäppchenmentalität oder ein „ethisches Bewusstsein“ ?

Der Kurzfilm dokumentiert eine Guerilla Aktion, die im September 2012 auf dem Wochenmarkt einer deutschen Großstadt durchgeführt wurde. Das fiktive Unternehmen „Agraprofit” ist neu auf dem Markt und hat ein innovatives Verkaufskonzept: Billige Produkte und gleichzeitig volle Transparenz der Produktionskette. Es konfrontiert die Kundschaft dezent lächelnd mit den Produktions- und Handelsbedingungen der angebotenen Billiglebensmittel. Schilder zeigen, was hinter den Produkten steckt: Zum Beispiel “Kinderarbeit? – Dann sind sie wenigstens weg von der Straße!”. Hintergrund der Aktion: Deutsche zählen zu den größten Schnäppchenjägern Europas. Noch immer ist der Preis, insbesondere bei Lebensmitteln, wichtigstes Kaufkriterium. Die Lebensmittelindustrie täuscht mit schönen Werbeslogans über die fragwürdige Entstehung der Billigprodukte hinweg. Aber wie aufgewühlt, beunruhigt oder auch unbeeindruckt reagieren die Menschen, wenn sie direkt hören, welche Zustände andernorts mit ihrem Einkauf verbunden sind? Der Film dokumentiert die verschiedenen Reaktionen und hinterlässt die Frage, wie man selbst reagiert hätte. Was die Käufer nicht wissen: Alle Erzeugnisse an diesem Marktstand kamen aus Öko-Landbau und Fairem Handel!

Die Aktion fand im Rahmen der Kampagne „Öko + Fair ernährt mehr!” von Naturland und dem Weltladen-Dachverband statt. Konzipiert und produziert wurden die Aktion und der Film von der Agentur YOOL. Mehr Infos unter: www.oekoplusfair.de oder www.agraprofit.de

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Jan
16
2013
0

Generation Solidarität

Das ist doch mal eine mehr als erfreuliche Initiative des Senders ARTE – die deutsch-französische Sendeanstalt hat eine eigene Website namens Generation Solidarität eingerichtet, auf der sie europaweite Initiativen und Aktionen sammelt und vorstellt, die sich für eine lebenswerte, nachhaltige Zukunft und kritische Berichterstattungen (wie das geplante Störsender.tv) einsetzen. So geht es in den vielfältigen Beiträgen um die Energiewende, um solidarisches Einkaufen, um Streetart, um die Bücherbox und um biologische Landwirtschaft. Also sehr spannende Themen – schaut doch mal rein!

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Jan
09
2013
4

Dem Konsumismus trotzen! – Das Abseits als wirtlicher Ort

Ich will Euch heute wieder etwas aus dem Kritischen Netzwerk ans Herz legen, und zwar einen Vortrag von Marianne Gronemeyer, in dem sie sich mit dem Konsumismus und seinen Ursachen und Folgen beschäftigt. Ich habe die einleitenden Absätze hier weggelassen, da sie nicht unmittelbar direkt zum Thema gehören – den kompletten Vortrag sowie die Anmerkungen des Kritischen Netzwerks dazu könnt Ihr direkt auf der Website nachlesen – HIER.

———

Dem Konsumismus trotzen! – Das Abseits als wirtlicher Ort

Vortrag anläßlich der Herbsttagung 2012 der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft in Hofgeismar
von Prof. Dr. Marianne Gronemeyer
(…) Wenn wir also heute vom Konsumismus reden, genügt es nicht mehr, von der Gier und der Habsucht und dem Neid der Menschen zu reden, egal, ob wir sie nun als Täter oder als Opfer ansehen, wir müssen vielmehr über Systemzwänge und das lautlose Vordringen ihres Herrschaftsanspruchs sprechen, dem die Kritiker und die Befürworter des Wachstums gleichermaßen unterworfen sind. Fraglich, ob man vom Ansatz der existenziellen Bedürfnisse und von der Forderung nach einer Veränderung der menschlichen Charakterstruktur zu diesen düsteren Konsequenzen durchstoßen kann.
Der Konsumismus hat im Zeitalter des globalisierten Systems eine Qualität angenommen, die ihn nahezu hermetisch macht.
Globalisierung sei vor allem „Monokultur im Denken“, sagt Vandana Shiva. Fast ist es noch zu freundlich diesem Denken überhaupt den Begriff der ›Kultur‹ zu gönnen, und sei es den der Monokultur, von der wir nichts Gutes erwarten.
Tatsächlich haben wir es dabei mit schierer Unkultur zu tun: Das monokulturelle Denken kreist um nichts als Müll. Es ist vom Müll wie behext und besessen. Wer heute den modernen Konsumismus analysieren will, muss vom Müll reden und zwar nicht von dem in die geordneten Bahnen der Müll›entsorgung‹ und Müllverwertung gelenkten, gewinnträchtigen Müll. Auch nicht von den schwimmenden Inseln aus Plastikunrat, die, immer mächtiger werdend, auf den Ozeanen treiben; nicht von dem nach Millionen Tonnen rechnenden Kohlendioxid- Ausstoß, der das Klima kollabieren lässt, nicht von den Giftstoffen, die im Boden lagern und das Wasser verseuchen, und nicht von dem gänzlich unverwüstlichen atomaren Müll, der gar nicht zum Verschwinden gebracht werden kann. All das ist äußerst besorgniserregend, aber hier nicht mein Gegenstand.

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Jan
04
2013
4

Lesetipps: Überwachungsstaat USA | Freiheit | Anarchismus | Arbeit | Faire Klamotten | Unnütze Geschenke

Das Jahr 2012 ist vorüber, und so mancher von mir gebookmarkte Artikel ist nicht in meinen Lesetipps aufgetaucht. Da es um einige Beiträge schon ganz schade wäre, will ich mal einige vor der „Jahresklippe“ retten. Den Anfang macht allerdings etwas ganz aktuelles – die Zeit berichtet über den Kongres des Chaos Computer Club, und dort über drei Whistelblower aus den USA, die aufzeigen, wie weit die Überwachung dort inzwischen gediehen ist. „Die USA haben ohne Not auf die dunkle Seite gewechselt“:

Der Überwachungsstaat ist keine Fiktion, sagen drei, die für US-Regierung und NSA arbeiteten. Beim Kongress des CCC erzählen sie, warum sie Whistleblower wurden.

(…) Sie reden über ihre Angst, dass in den USA und anderen Ländern Überwachungsstaaten errichtet werden, die jeden verdächtigen und die keine Rechte mehr achten. Sie reden darüber, dass sie verfolgt wurden wie Kriminelle, weil sie auf Rechtsbrüche und Gefahren aufmerksam machten und darüber, dass diese unselige Verwandlung von Staaten längst geschieht. (…)

Drake berichtet, dass die NSA nach dem 11. September 2001 begann, ihre Augen und Ohren auf die eigenen Bürger zu richten. Unterstützt vom Weißen Haus habe der Geheimdienst die Verfassung gebrochen und begonnen, alles und jeden zu überwachen. Drake gehörte zu jenen, die eines dieser geheimen Spionageprogramme publik machten, das sogenannte Projekt Trailblazer. Fortan war auch er ein Krimineller, der sich einer zehn Punkte langen Anklage gegenüber sah. (…)

Dazu passt auch der Beitrag „Freiheit auf dem Prüfstand“ aus Le Bohémien, in dem es um die Sicherheitsvorstellungen der Deutschen und dem alten Spannungsfeld von Freiheit zu Sicherheit geht:

Gibt es noch Zweifel? Wir erleben eine Renaissance des Ordnungs- und Überwachungswahns. Die Meldung, dass 80 Prozent der Bundesbürger eine Ausweitung der Videoüberwachung an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen befürworten, die – wen wundert es – auch Innenminister Hans-Peter Friedrichs durchsetzen will, bestätigt da nur einen Trend. Das Ergebnis dieser Umfrage fügt sich nahtlos ein in die Tendenz zunehmender Reglementierung und schärferer Verbote. (…)

(…) Dieser Zeitgeist offenbart sich in Form von Vorratsdatenspreicherung, Fingerabdrücken auf biometrischen Ausweisen, der unkontrollierten Verwertung persönlicher Daten und einer immer kleiner werdenden Privatsphäre bei gleichzeitig wachsenden Gated Communities. Neben einer wieder steigenden Tendenz behördlicher Verdordnungen, Verboten oder Überwachungen also (auch im Internet), erleben wie die Rückkehr einer Form des Biedermeiertums, die genau dies wünscht – und zwar quer durch alle Milieus und Schichten. Zustände wie in Orwells “1984″ mögen uns noch nicht bevorstehen, doch in einer Epoche der Restauration befinden wir uns allemal – die Zeiten sozialliberaler Befindlichkeiten sind entgültig vorbei.

Erst auf den zweiten Blick fällt das wirklich verstörende an der gegenwärtigen Debatte um mehr Videoüberwachung auf: Es geht gar nicht mehr um das “Ob”, sondern nur noch um das “Wie” der Ausweitung. Aus Reihen der Regierungskoalition äußerte sich einzig und allein Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberger, immer wieder eine der wenigen Zeitgenossen ihrer Partei, die den Liberalismus noch ernst nehmen, skeptisch. (…)

Und auch der Focus brachte mit „Die geheimen Mächte im Internet“ einen Artikel, in dem es um die das Internet bestimmenden Großkonzerne und ihre Verbindungen zu Regierungen und sogar Geheimdiensten geht (auch wenn die reißerische Überschrift ein bisschen nach Verschwörungstheorie riecht):

Fast eine Milliarde Menschen posten bei Facebook mittlerweile, wen sie kennen, was ihnen gefällt, was sie gerne tun, welche Pläne sie für die Zukunft haben und was sie über aktuelle Entwicklungen in Politik und Gesellschaft denken. Das ist ein Siebtel der Menschheit. Facebook besitzt also die größte Ansammlung privater Daten aller Zeiten – und jeder Nutzer gibt diese Daten freiwillig her. Vielen dürfte inzwischen bewusst sein, dass dies der eigentliche Preis ist, den sie für das soziale Netzwerk und andere Dienste im Netz bezahlen. Und solange Firmen wie Facebook und Google die exklusiven Informationen nur dazu nutzen, individuell zugeschnittene Werbung zu produzieren, scheint dies für viele Nutzer ein angemessener Preis zu sein.

Doch was, wenn es nicht bei Werbung bliebe? Was, wenn die Facebook-Daten in die falschen Hände gerieten? Zum Beispiel in die Hände staatlicher Einrichtungen und Sicherheitsbehörden. Würden die meisten Menschen einem Geheimdienst genauso freiwillig über ihr Privatleben berichten, wie sie es gegenüber Facebook und Google tun? Wohl kaum. Doch genau das geschieht bereits.
(…)

Nun aber mal zu etwas Schönem – Weihnachten. Geschenken. Konsum. Ich hoffe, Ihr habt die Feiertage diesbezüglich eher ruhig angehen lassen? Dass das Problem mit übersteigertem Kaufverhalten nicht erst eins der modernen Konsumgesellschaft ist, zeigte die Zeit in ihrem Text über die „SPUG – Die Gesellschaft zum Schutz vor unnützen Geschenken“:

Vor 100 Jahren kämpfte Eleanor Belmont in den USA dafür, Weihnachten vom übermäßigen Konsum zu befreien. Ihre Botschaft ist heute so aktuell wie damals. (…)

Im November 1912 hielt der ehemalige Broadway-Star Eleanor Belmont, geborene Robson, in New York eine Rede, die das Leben von Arbeitnehmern “nicht nur in den Großstädten, sondern auch in den Städten und Weilern” der USA verändern sollte. Ihre Rede führte zur Gründung der Society for the Prevention of Useless Gift Giving, der Gesellschaft zum Schutz vor unnützen Geschenken – kurz SPUG. Belmont hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Welt vom Konsumterror zu befreien. (…)

Das Thema fairer Konsum ist mittlerweile auch in den großen Medien angekommen, wie man am Artikel der Süddeutschen Zeitung sehen kann – „Tipps zum Klamottenkauf – Fair einkaufen leicht gemacht“. Ich finde es durchaus erfreulich, wenn auf diese Weise auch größere Bevölkerungsschichten wenn schon nicht grundlegend sensibilisiert, so doch wenigstens ab und an mal damit konfrontiert werden, ihre Einkaufsgewohnheiten kritisch zu beleuchten.

Made in China, made in Indonesia, made in Bangladesh: So steht es auf den meisten Etiketten. Darüber, unter welchen Bedingungen die Kleidung hergestellt wird, sagt das nichts aus. Der Kunde kann trotzdem herausfinden, wie die Ware produziert wurde – sogar mit relativ wenig Aufwand. (…)

Beim Online-Shopping hilft zum Beispiel die Browser-Erweiterung “Avoid”, in dem sie Hosen und Hemden ausblendet, die durch Kinderarbeit entstanden sind. Ob bei Asos oder Amazon: Die App lässt alle Angebote von Firmen verschwinden, die nach der Liste des gemeinnützigen Vereins “Earthlink” in Verbindung mit Kinderarbeit gebracht werden. Statt des neuen Kleids erscheint im Shop dann ein weißes Feld – in manchen Online-Shops führt das zu erschreckender Leere.

Auf Websites wie dem Future Fashion Guide helfen spezielle Suchmasken beim Einkauf. Kunden können hier zwischen verschiedenen Kriterien wie “lokal produziert”, “sozial engagiert” oder “Bio-Materialien” wählen und gleichzeitig angeben, nach welchem Kleidungsstil sie suchen. Auf der Seite erscheinen dann mehrere Shops, die den ausgewählten Eigenschaften entsprechen. (…)

Der Kauf Dir Deine Welt-Blog zeigte, was passiert, wenn in der Kleidungsproduktion nur auf Preise und niedrige Kosten geschaut wird und die Qualität auf der Strecke bleibt – „Krebs in der Manteltasche – Probleme unseres Kleidungskonsums“:

(…) Doch mit unserem Klamottenkonsum ist noch ein weiteres Problem verbunden – eins, das auch diejenigen kümmern sollte, denen fairer Konsum eigentlich egal ist: Die Kleidungsstücke zahlreicher bekannter Marken enthalten krebserrengende Stoffe. Das hat Greenpeace in einem umfangreichen Test herausgefunden: “141 Kleidungsstücke aus 29 Ländern hat Greenpeace auf Nonylphenolethoxylate (NPE), Weichmacher und krebserregende Amine untersuchen lassen. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse heute mit einer Pressekonferenz und Modenschau in Peking. [...] Die getesteten Kleidungsstücke – Jeans, Hosen, Kleider, T-Shirts und Unterwäsche – stammen von Armani, Benetton, C&A, Calvin Klein, Diesel, Esprit, Gap, H&M, Jack&Jones, Levi’s, Mango, Metersbonwe, Only, Tommy Hilfiger, Vero Moda, Victoria’s Secret und Zara. Sie wurden in mindestens 18 Ländern hergestellt.”

Auch wenn darauf hingewiesen wird, dass daraus nicht unmittelbar Gefahren für die Geundheit entstehen, ist das Ergebnis doch erschreckend: “Alle Markenprodukte enthielten NPE, die zu giftigem Nonylphenol abgebaut werden. Die Kleidungsstücke mit den höchsten NPE-Konzentrationen stammen von den Marken C&A und Mango, Levi’s, Calvin Klein, Zara, Metersbonwe, Jack & Jones und Marks&Spencer. Fortpflanzungsschädigende Weichmacher (Phthalate) wurden in hohen Konzentrationen in bedruckten T-Shirts von Tommy Hilfiger und Armani festgestellt. Produkte von Zara enthielten sowohl hormonell wirksame, als auch krebserregende Chemikalien: Hohe NPE-Rückstände fanden sich in einer Kinderjacke aus China, karzinogene Amine aus Azofarbstoffen in Zara-Jeans, hergestellt in Pakistan.” Doch nicht nur in den Klamotten sind die Chemikalien ein Problem, durch Abwasserkanäle gelangen die Stoffe auch in Flüsse und belasten so die Umwelt. (…)

Zum Abschluss noch zwei Grundsatz-Artikel über unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Da wäre zum einen „Die Wirtschaft ist ein grausames Spiel“ von Konrad Hausner in The Intelligence:

Auf den ersten Blick wirkt alles so selbstverständlich: Jeder Mensch geht einer Arbeit nach, wird dafür bezahlt und bestreitet mit dem erhaltenen Geld seine Lebenshaltungskosten. Dabei geben wir uns der Illusion hin, dass der Wert der erbrachten Leistungen zumindest annähernd mit denen korrespondiert, die wir im Gegenzug in Anspruch nehmen. Obwohl der technische Fortschritt den Produktionsprozess deutlich vereinfacht und gleichzeitig Unmengen an Energie verbraucht werden, nimmt der allgemeine Komfort regelmäßig ab. Wir stecken in einer Schulden- und Wirtschaftskrise. In der westlichen Welt sind die Märkte mit praktisch allem übersättigt. Doch gleichzeitig fehlt es an Kaufkraft. Gleicht dies nicht dem sprichwörtlichen „Verhungern vor der vollen Schüssel“?

Immer wieder werden wir mit denselben Schlagworten konfrontiert: Das Schaffen von Arbeitsplätzen! Das Beleben der Märkte! Das Befriedigen der internationalen Investoren! Was steckt hinter diesen Konzepten?

Der Arbeitsplatz wird grundsätzlich mit Gelderwerb gleichgesetzt, was wiederum zur Befriedigung der Bedürfnisse vonnöten ist. Stellt jemand die Frage, warum jedes Mitglied einer hochtechnisierten Gesellschaft den größten Teil seiner Lebenszeit arbeitend verbringen muss, setzt er sich erst einmal der Gefahr aus, als „faul“ eingestuft zu werden. Ungeachtet der tatsächlichen Arbeitslosenraten, die offiziellen Zahlen werden sogar noch als „notwendiges Minimum“ bezeichnet. Es bedarf einiger Millionen Arbeitssuchender, um der Wirtschaft jederzeit die gewünschten Arbeitskräfte zuführen zu können. Gegen eine entsprechend niedrige Entlohnung, versteht sich, dass es auch ja niemandem erspart bleibt, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Wir kommen noch darauf zu sprechen, dass schon lange viel zu viel gearbeitet wird. (…)

Und Ad Sinistram sinniert über „Anarchismus oder der beste aller möglichen Staaten“:

(…) Und die Neoliberalen sind genau solche Nihilisten. Sie glauben an nichts, nur an Profite; der Weg zum Profit ist gepflastert mit dem Nichts, denn nichts ist ihnen heilig, nur das Ziel ist der Weg. Braucht man Mord dazu, toleriert man den Mord und nennt ihn Sachzwang; geht es mit Geschenken, schenkt man; ist Aushungern nötig, hungern sie eben aus – winkt bei reichlicher Verpflegung mehr Gewinn, verpflegen sie einen mit einer Fürsorge, dass man vor Ergriffenheit weinen möchte. Dass die Mittel immer mit dem Zweck vereinbar sein müssen, schrieb Stowasser übrigens auch, sei ebenfalls anarchistisches Ideal. Mit Bomben Befriedung zu schaffen sei unsinnig und nicht vertretbar, ganz zu schweigen davon, dass man so keinen Frieden macht, sondern nur Verstümmelungen. Neoliberale sind da nicht wählerisch, sie sind sicherlich pragmatischer als solche, die sich Ideale eingemeißelt haben. Mehr aber auch schon nicht.

Anarchisten haben immer, und tun dies heute noch, die geistige Veränderung der Menschheit postuliert. Die einen meinten, der Anarchismus sei praktikabel, wenn die Menschheit endlich eine neue geistige Entwicklungsstufe erklommen habe, die anderen glaubten: Erst der Anarchismus, dann der menschliche Fortschritt. Zweifelsohne bedarf es einer materiellen Basis. Da ist er sich mit Marx einig. Vor dem Sozialismus kommt der Kapitalismus und die industrielle Massenfertigung. Erst das Fressen, dann die Moral. Die Frage wird jedoch sein, ob wir nicht zu evolutionsgläubig sind. Ist der geistige Fortschritt im Sinne eines Weltethos überhaupt programmiert? Woher nimmt man die Zuversicht, dass der Mensch als Menschheit denken lernt? Scheitert daran der Anarchismus? So wie jedes System wird er das. Der Anarchismus scheitert am ihm immanenten Guten, daran dass er gutgläubig ist – der Neoliberalismus wird daran scheitern, nur an das Schlechte zu appellieren. Am Menschen scheitert es immer, weil er ist, was er ist. (…)

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Dez
23
2012
3

KiK – Der Menschenrechts-Diskont

Dass ich von Discountern, den Pestbeulen des kapitalistischen Systems, nichts halte, ist bekannt. Zu stark befeuern sie die Spirale abwärts aus Qualitätsschwund, Ressourcenverschwendung, Preisverfall und Arbeitsdruck. Zu den ganz besonders schlimmen Exemplaren gehört natürlich KiK, der sog. „Textil-Diskont“, für dessen Billigklamotten sich eine Verona Pooth nicht zu blöd ist, Reklame zu machen. Geld schlägt Moral, wie so oft. Bereits vor zwei Jahren berichtete der NDR ausführlich in der KiK-Story über die desaströsen Verhältnisse der Arbeiter in den asiatischen Fabriken, die für KiK schuften, und auch die entsprechenden Ausbeutungstendenzen in Europa. Wo jeder Cent aus dem Produktionsprozess gequetscht werden muss, da ist kein Platz für Rücksichtnahme oder Menschlichkeit.

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Dez
18
2012
2

Weihnachten – Turbo-Konsumzeit?

Gehetzte Menschen, die panisch auf der Suche nach den „letzten Geschenken“ sind, mit denen sie zu den Feiertagen die Lieben bedenken, um ihnen irhe Wertschätzung auch auf Euro und Cent genau zu zeigen – solche Wesen trifft man in der letzten Zeit zuhauf in den Einkaufszonen und Konsumtempeln der Städte. Da halte ich es lieber mit den Adbusters, die zum Buy Nothing Christmas aufrufen.

As our planet gets warmer, as animals go extinct, as the humans get sicker, as our economies bail and our politicians grow ever more twisted, we still find ourselves lurching to suck from the breast of the capitalismo machine. This is our solace, our sedative – consumerism is the opiate of the masses.

We’re in a state of “pathological consumption,” George Monbiot explains, “a world-consuming epidemic of collective madness, rendered so normal by advertising and the media that we scarcely notice what has happened to us.”

For those of us who do notice it, who decry it, abstain, and try to eschew capitalism … Christmas is the one time where we suddenly absolve ourselves of this stance, as we feel compelled, by a strange and powerful force within, to join in the momentous, orgiastic ritual of America’s consumerist cult. (…)

Oder die „Null Euro Weihnachten“ der Nachhaltigkeitsguerilla, die in die selbe Kerbe schlagen:

Alle Jahre wieder und dennoch immer wieder unfassbar. Letztens verkündete das Radio die frohe Botschaft: der Einzelhandel atmet auf, die Umsatzzahlen klettern rauf! Endlich strömen die Konsumenten wieder in die Neuzeit-Tempel, um sich mit neuen Winterjacken, warmen Klamotten, Weihnachtsdeko, -gebäck und –geschenken einzudecken. Klimawandel hin oder her, letztere Konsumfallen sind der Fels in der Wirtschaftsbrandung, denn nichts ist in diesen Zeiten so gewiss, wie dass Weihnachten kommt! Deshalb erleben wir jedes Jahr aufs neue eine logistische Punktlandung, wenn uns bereits ab Ende November quietschrote Dekoartikel und Lebkuchen in den Regalen anlächeln.

Doch sollte nicht auch hier mal das Stichwort “Nachhaltigkeit” fallen? Worin liegt der Sinn, jedes Jahr aufs neue Christbaumschmuck, Adventslichterketten und Wintermützen zu kaufen? Früher hatte man seine Winterkiste, die genau einmal pro Jahr aus dem Dachboden geholt, entstaubt und wiederbelebt wurde. Heute scheint diese Tradition nicht mehr zu existieren, traut man den hiesigen Warenbergen in den Läden. (…)

Und dazu passt die schöne Aktion „Zeit statt Zeug“:

Die Energie- und die Klimakrise sind Verwandte. Beide haben sie unmittelbar mit unserem Verhalten als Gesellschaft zu tun. Vor allem aber als Individuum. Unser Konsum bestimmt, was hergestellt wird und wie es hergestellt wird. Welche Rohstoffe dafür verbraucht werden. Vieles kaufen wir, ohne es wirklich zu brauchen. 1/4 der Lebensmittel in Deutschland werden weggeschmissen. 1/3 unserer Kleidung bleibt ungetragen im Schrank.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die Zeit, die uns scheinbar davon läuft. Die wir nicht haben, um uns zum Beispiel mit Freunden zu treffen. Wo doch jeder seit Eckart von Hirschhausens Buch “Glück kommt selten allein” weiß, dass es vor allem die sozialen Kontakte sind, die uns glücklich machen – nicht der Konsum.

Der fünfte Schal, das zehnte Parfüm. Es klingt furchtbar banal. Aber Dinge, die wir kaufen und dann besitzen, kosten Zeit, Geld und Ressourcen. Traditionell verschärft sich das alles an Weihnachten noch ein wenig. Dabei denken wir noch, wir tun denen, die wir am meisten lieben, einen Gefallen, wenn wir ihnen Zeug schenken.

Also warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Den guten Freunden schenken wir gemeinsame Zeit. Der Welt weniger Verbrauch

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Dez
14
2012
2

Lesetipps: Wachstumskritik | Gnadenlos flexibel | Geldfreie Ökonomien | Unappetitliche Allianzen | Kartelle

© Marcus Sümnick, Wikipedia

Wirtschaftswachstum gilt in unserem System bekanntlich als sakrosankt – wer dieses und damit die dahinterstehende Wirtschaftsideologie kritisiert, sieht sich in der Regel sofort den Vorwürfen ausgesetzt, „zurück in die Steinzeit“ zu wollen. Dass ein materielles Wachstum diesen Planeten und die menschlichen Gesellschaften auf eine Katastrophe zusteuert, versuchen die arbeitsplatzfixierten Ökonomen und Politiker krampfhaft zu verdrängen. Was nur nichts nutzen wird. Es ist also Zeit für ein Umdenken. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech ist seit längerem einer dieser unbequemen Mahner, und er hat dem Tagesspiegel nun ein interessantes Interview gegeben – „Sehe ich aus wie ein Hippie?“:

(Diesen Beitrag weiterlesen…)

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Dez
12
2012
2

Konsumkitischer Adventskalender. Vollkommen ohne Schokolade.

Auf diese schöne Aktion einer Gruppe von Studenten möchte ich Euch doch kurz aufmerksam machen – einen virtuellen Adventskalender via Facebook, in dem sich hinter jedem Türchen statt Schokolade, ein kurzer Artikel zum Thema Konsumkritik verbirgt. >> Hier entlang

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Kommentare: 2 | Aktionen,Konsumkritik | Schlagwörter: , |
Dez
09
2012
0

Futurzwei – Plattform für zukunftsfähige Ideen und nachhaltige Konzepte

Nach den ganzen negativen und bedrückenden Nachrichten hier wird es mal wieder Zeit für etwas Zukunftsweisendes und Konstruktives – Harald Welzer, seines Zeichen Sozialpsychologe und in den letzten Jahren immer wieder positiv durch seine Kritik am Wachstumswahn und der Wegwerfgesellschaft aufgefallen (siehe z.B. meinen Blogbeitrag „Was bringt die Zukunft?“ von 2009) hat sich von der Theorie in die Praxis gewagt und mit Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit eine Plattform geschaffen, die Ideen, Geschichten und Anregungen für eine lebenswertere Zukunft versammelt und Mut machen soll, den Wandel selbst in die Hand zu nehmen. Auf der originell gestalteten Website von Futurzwei kann man schon jetzt viele positive Beispiele für Bürgerengagement finden, wie z.B. über den „Leihladen“ Leila in Berlin:

Austeilen und Einstecken

100 kleine Dinge lagern im Berliner Leihladen *Leila und warten auf Nutzer. „Nicht Besitz, sondern Zugang“ lautet der Ansatz des ehrenamtlichen Teams.

Wer etwas besitzen will, streift durch die Geschäfte des Prenzlauer Bergs und kauft sein Glück in Tüten. Einen Sinn dafür, wann es genug ist, und einen Mechanismus, der anzeigt „Schluss, jetzt reicht es“ – beides ist weder von der Wirtschaft vorgesehen noch im Gehirn eingebaut. Und obwohl wir mehr als genug konsumieren, obwohl wir von allem mehr haben, als wir jemals ver- und gebrauchen können, trotzdem kaufen, bestellen, ersteigern und ergattern wir besinnungslos weiter. „Ich shoppe, also bin ich“, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman und warnt, dass der Konsum eine höchst einsame Angelegenheit ist.

Wer hingegen nur hin und wieder etwas benutzen und dabei nicht sozial isoliert sein möchte, geht zu *Leila. Diesen Laden hat Nikolai Wolfert – ein viel jüngerer und weit weniger bekannter Soziologe als Zygmunt Bauman – zusammen mit einer bunten Transition-Town-Truppe in drei Souterrain-Räumen im südlichen Prenzlauer Berg eröffnet.

Hier wird nicht gekauft, sondern ausgeliehen und geborgt. Es geht nicht um Besitz, sondern um Zugang: Ob Spielzeug, Freizeit- oder Campingartikel, ob bestimmte Küchenutensilien oder Heimwerker- und Gartenzubehör – hier gibt es viel Nutzbringendes, das man ein- oder mehrmals gebrauchen kann, ohne es gleich sein Eigen nennen zu müssen. Bollerwagen, Leiter, Wok, Keimapparat, Einrad, Frisbee, Isomatte, Lastenrad oder Krücken – alles Dinge, die man nicht permanent benötigt. Sogar ein blaues Mountainbike wurde hier geparkt und wartet auf einen neuen Nutzer. Der Clou: Diese wunderbaren Gegenstände, diese prächtigen Ressourcen, gehören der Allgemeinheit. Denn bei *Leila wird gemeinschaftlich und sozial konsumiert.

Im Leihladen *Leila sitzt Nikolai Wolfert mit einem Glas Holunder-Limonade in der Hand. „Lei“ steht für Leihen und „La“ für Laden, erklärt Wolfert, aber *Leila sei noch mehr, ein sozialer Treffpunkt nämlich. Wolfert und die anderen Initiatoren haben *Leila ganz eindeutig nicht als Geschäft, sondern als einen angesagten Ort des „anderen“ Berlins konzipiert. Umsonstläden und Giveboxes, wo Gegenstände ihre Besitzer wechseln, ohne dass Geld fließt, gibt es schon mehrfach in der Hauptstadt. Doch dort werden die freien Gaben schnell wieder zu Eigentum, nur eben von jemand anderem. Im Leihladen *Leila hingegen wird privates Eigentum in ein Gemeingut überführt. Das ist neu. Und ein Versuch.

„Kein Laden, sondern eine Mitmach-Aktion“, beschreibt Wolfert den Grundgedanken, „Ich bringe etwas, was ein anderer holt und im besten Fall auch wiederbringt, damit ein weiterer es erneut abholen und wiederbringen kann. Die Dinge haben hier eine feste Bleibe, sie kursieren nur kurzzeitig in der Welt, kehren aber wieder in ihre Heimat zurück. Hier im Leihladen schaffen es Menschen, miteinander zu kooperieren.“ Das *Leila-Prinzip ist simpel: Ein jeder kann Mitglied werden. Die Höhe des Beitrages bestimmt man selbst. Indem man mindestens einen Gegenstand in den *Leila-Pool gibt, erhält man die Berechtigung, andere Dinge zu entleihen.

Nicht-Habenwollen, Nicht-Besitzen und Teilen gehören für die Initiatoren zum größeren politischen und ökologischen Projekt des Ausstiegs aus der Überflussgesellschaft: Bei *Leila wird das Privateigentum als universelles Prinzip des Kapitalismus in Frage gestellt. Deswegen führt das Team auch keinen Laden mit herkömmlichem Geschäftsgebaren, sondern „mit Gemeinsinn und so“. Der Soziologe Nikolai Wolfert ist, wie es scheint, bei *Leila für den geistigen Überbau verantwortlich.

Deswegen hat er die Kleine Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll an den Eingang gepinnt. Darin wird die Begegnung eines Touristen mit einem Fischer geschildert. Der Fischer, am Hafen entspannt auf das Meer blickend, erhält vom Touristen die Empfehlung, sich doch eine Flotte mit mehreren Booten anzuschaffen. Denn mit solch einer Flotte könne er beruhigt im Hafen sitzen und die Sonne genießen, sagt der Tourist. Aber das könne er doch heute auch schon, lautet die Antwort des Fischers. Und wie der Fischer am Ufer sitzt Wolfert auf seinem Sofa und schaut auf sein Meer von ausleihbaren Gegenständen. In drei Räumen horten sich die Sachwerte zum Teil bis zur Decke und erinnern jeden Gast daran, dass im eigenen Keller ebenfalls zahlreiche Besitztümer auf die Befreiung aus der Bedeutungs- und Verwertungslosigkeit warten.

Wer glaubt, diese Idee sei sentimentaler Sozialkitsch, und Räume mit einem Haufen Kram könnten keine Interessenten anziehen, der irrt. Nach Kundschaft muss hier niemand Ausschau halten. Erst kommt jemand, der was bringt, dann einer, der nur guckt, ein dritter, der zwei Gartenstühle ausleiht, und ein vierter, der sich mal kurz aufs Sofa setzen oder mit Wolfert eine Partie Tischtennis spielen will. Und schon schaut wieder jemand zur Tür herein. Es ist eine Dame vom Stadtteilhaus, die das Sorgentelefon für Senioren betreut: „Nikolai, wir haben da noch so ein kleines Schränkchen, braucht ihr das vielleicht?“ Wolfert ist dankbar für jede Art von Unterstützung: ganz egal, ob materielle oder finanzielle Spenden. Außerdem sucht er ehrenamtliche Mitstreiter und braucht noch einen Telefonanschluss. Telekommunikationsfirmen haben das Teilen wohl noch nicht für sich entdecken können.

Weil hier permanenter Betrieb herrscht, ist der erste Raum des Leihladens – Küche, Büro und Bibliothek in einem – auch mehr ein kommunikatives Zentrum als ein Geschäft. Wer sich mit gesellschaftlichem Wandel, der Transition-Town-Initiative oder mit Permakultur beschäftigen möchte, kann hier eine Auswahl an Büchern einsehen und natürlich sofort mit Wolfert losdiskutieren.

Fünf weitere Ehrenamtliche betreuen neben Wolfert den Leihladen; ein Strauß ihrer gemeinsamen Ideen harrt der Umsetzung. Man möchte künftig Lesungen veranstalten, sich mit dem Thema der Gemeingüter, oder englisch Commons, auseinandersetzen und die Internet-Präsenz zu einem virtuellen Leih-Ring ausbauen. „Es bewegt sich was!“, stellt Wolfert fest und verweist auf die vielen neuen gesellschaftlichen Sharing-Modelle wie Couchsurfing, Carsharing oder Bookcrossing, die vielerorts Anhänger finden.

„Besitz macht besessen“, sagt Nikolai Wolfert, „wir stellen uns unsere Welt mit Kram voll und sind nur noch mit dessen Unterhaltung und Instandsetzung beschäftigt.“ Ja, Besitz belastet. Deshalb bestätigt sich bei *Leila nicht die Tragik der Allmende, sondern hier zeichnet sich der Luxus der Zukunft ab: Gegenseitigkeit und Solidarität.

Und während die Prenzlauer-Berg-Bohème darüber diskutiert, welcher Wohlstand wohl auch künftig Bestand haben könnte, hält Nikolai Wolfert an seiner Holunder-Limo aus dem Mauerpark und seiner Gemeinschaftsutopie des öffentlichen Eigentums fest. Dafür hat er sein soziologisches Beobachtungszentrum für Entprivatisierungsstudien verlegt. In seinen Leihladen.

Dana Giesecke
02. August 2012

Auch die Zeit berichtete über Futurzwei und interviewte Harald Welzer — „Wir sind nicht nett“:

(…) Welzer: Die Akteure, von denen wir erzählen, tun etwas Unerwartbares. Dass wir zu viel Dreck, Mobilität, Emissionen, Ungerechtigkeit hervorbringen, finden wir ja alle bedenklich. Aber in der Regel erschöpft sich das Unzufriedensein darin, dass man mit anderen darüber spricht. Futurzwei interessiert sich für die Leute, die sagen: Ich mache das jetzt anders. Und das ist ja alles andere als leicht. Erwartbar ist, dass man tut, was alle tun, und nicht, davon abzuweichen, wie es etwa das Ehepaar Sladek aus Schönau gemacht hat. Da fingen ein Mediziner und eine Grundschullehrerin eines Tages damit an, ein grünes Energieunternehmen aufzubauen. (…)

Welzer: Bisher sind es nur Storys, die wir sammeln, aber die Hoffnung ist, dass sie sich zu einer anderen Geschichte fügen. Wir wollen die Gegengeschichte zu der unerhört starken Konsum-, Wachstums- und Wohlstands-Geschichte erkennbar machen, die westliche, kapitalistische Gesellschaften über sich erzählen. Unsere Utopie ist, dass wir eine Promotionsagentur für eine soziale Bewegung in Richtung Zukunftsfähigkeit werden, die noch nicht weiß, dass sie existiert. Wir werden glücklich gewesen sein, wenn uns das gelungen ist. (…)

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Nov
20
2012
3

Affluenza – das Konsum-Virus – „Der Markt ist unser Gott“

Über das Kritische Netzwerk bin ich auf das folgende Interview aufmerksam gemacht worden, das auf Franz Alts Sonnenseite erschien und in dem Prof. Thomas Naylor, der Autor des Buches „Affluenza – Zeitkrankheit Konsum“ (eins der wichtigsten Bücher zum Thema, wenn Ihr mich fragt) interviewt wird. Sehr interessant!

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“Affluenza – Zeitkrankheit Konsum”: Das neue Buch von John de Graaf, Prof. Thomas Naylor und David Wann entlarvt die herrschende Konsumorientierung als Krankheit mit verheerenden Nebenwirkungen für Gesellschaft und Mitwelt. ÖkologiePolitik-Redakteur Raphael Mankau im Gespräch mit Thomas Naylor. Das Interview wird in der Juli-2002-Ausgabe von ÖkologiePolitik in einer Kurzfassung veröffentlicht.

öp: Was ist “Affluenza”?
Prof. Naylor: Wer von “Affluenza” befallen wird, ist wie besessen vom Materialismus – Konsumgütern und dienstleistungen -, angefangen bei Bier und Kosmetik, über Kleidung, Zigaretten, Soft Drinks, Fast Food, Freizeitdrogen, Videospiele und Rock-Musik bis hin zu Automobilen, Computern, elektronischen Geräten, teuren Villen, unbezahlbaren Kunstwerken, Hightech-Gesundheitsversorgung und Weltreisen. Wer sich mit dieser Krankheit angesteckt hat, leidet unter Überarbeitung und Stress, aber auch lebensgefährlichem Konsumwahn. Sie macht weder vor den Reichen noch den Armen Halt. Je mehr man hat, desto mehr will man noch dazu.

öp: Worin liegt die Ursache für dieses “Virus”, das inzwischen unsere gesamte Gesellschaft infiziert hat?
Prof. Naylor: Wir fürchten uns vor Sinn- und Nutzlosigkeit – darum verbringen wir unser ganzes Leben damit, uns einzureden, wie unbezwingbar wir doch sind. Einer der Tricks, mit denen wir uns des ewigen Lebens versichern wollen, ist der Konsum. Die Konsumwelt gaukelt uns vor, dass wir absolute Sicherheit in einer ansonsten unsicheren, sinnlosen Welt finden können. Wir glauben, dass wir unser ganzes Leben in einem Zustand nicht enden wollender Selbstverwirklichung verbringen können, ohne aber auf der anderen Seite einen psychischen Preis für das Leben in hemmungsloser Vergnügungssucht zahlen zu müssen. Unser Selbstwertgefühl beruht vollständig auf dem, was wir selbst besitzen und konsumieren, und nicht auf dem, was wir wirklich sind.

Um die Auswirkungen des Schmerzes und des Leids zu betäuben, die mit der Sinnlosigkeit einhergehen, suchen viele ein Leben, das sich gründet auf Besitz, Konsum und Macht über Menschen, Dinge, Maschinen und Reichtümer. Als Antwort auf ihre unersättlichen psychischen und sinnlichen Bedürfnisse legen diejenigen, die vom “Haben” abhängen, oft ein aggressives, feindseliges Wettbewerbsverhalten an den Tag. Etwas zu besitzen ist gleichbedeutend mit Machtübernahme oder Bezwingung. Raub, Zerstörung, Überlastung und Konsumieren sind alles Formen des Habens. Wer vom Haben besessen ist, fürchtet sich vor dem Verlust an jemand anderen, den Staat oder letztlich durch den Tod. Als Nation sind wir so verrückt nach dem Haben, dass wir die Fähigkeit, als Menschen zu handeln und denken, verloren haben. Unser Glück machen wir meist abhängig von der Überlegenheit über andere, unserer Macht und unserem Geschick, andere zu manipulieren. Das kapitalistische Amerika ist die effizienteste und produktivste Nation der Welt, aber auf Kosten der Menschlichkeit.

Unsere gesamte Wirtschaft wird angetrieben von unserem ausgeprägten psychischen Bedürfnis, unser geistiges und emotionales Vakuum mit immer mehr Kram aufzufüllen und von unserer Illusion, dass die Anhäufung von Reichtum und materiellem Besitz dem Leben einen Sinn gibt. Wenn wir uns mies fühlen und uns aufbauen wollen, kaufen wir ein neues Kleid, essen in einem schicken Restaurant oder leihen uns ein Video aus. Je weniger Sinn wir im Leben finden, desto eher werden wir von diesem materialistischen Ansatz verführt, der da sagt: “Arbeite hart, amüsier dich gut” – ein Ansatz, der auf einer Lüge beruht.

Obwohl Drogenabhängigkeit illegal ist, wird die Abhängigkeit von Konsumgütern, Warenkatalogen, Einkaufszentren, Internetshopping und Kreditkarten durch die Werbung geradezu aufgezwungen. Sowohl aus Washington wie von Seiten der Wirtschaft ist die Botschaft immer dieselbe: “Kauf jetzt, spare später für den Ruhestand.” Wenn wir dieses Spiel nicht spielen, könnte das ganze Kartenhaus in sich zusammenkrachen. Wir haben die patriotische Pflicht zu konsumieren. Ein guter Amerikaner – oder guter Deutscher – zu sein, heißt, viel zu konsumieren. Wer mit dem meisten Krimskrams um sich herum das Zeitliche segnet, gewinnt das Spiel.

Die Weltwirtschaft ist ein Altar, auf dem Konsumenten wie Investoren ihre Opfer bringen. Der Markt ist unser Gott. Dabei ist die Sinnentleerung so wichtig für unsere Wirtschaft, dass der Chikagoer Ökonom David Hale einmal sagte: “Der einzige Weg, die Weltwirtschaft zu retten, ist durch verschwenderischen Konsum der Amerikaner.”

öp: Wodurch manifestiert sich die Affluenza in unserer Gesellschaft – neben den verheerenden Auswirkungen des Konsums auf unsere natürliche Mitwelt?
Prof. Naylor: Damit der Kapitalismus reibungslos funktioniert, müssen die Menschen daran glauben, dass der Weg zur Glückseligkeit die Anhäufung von genug Geld und Guthaben erfordert. Dadurch sind wir im Stande, ein schick eingerichtetes Häuschen, ein paar Autos, einen Computer, ein Boot und die Universitätsausbildung unserer Kinder zu finanzieren. Um uns all jene Dinge leisten zu können, müssen wir hart arbeiten, bis wir in den Ruhestand gehen oder sterben. Je härter wir arbeiten, desto mehr Geld haben wir, desto mehr können wir kaufen und umso glücklicher werden wir sein – das will man uns weismachen.

Aber wenn das wirklich wahr wäre, warum sind so viele Menschen in den USA oder in Deutschland so wütend, so unglücklich, zynisch, ausgebrannt? Woher kommt die hohe Zahl der Scheidungen und Selbstmorde, woher die Depressionen, Abtreibungen, der Drogenmissbrauch und die hohe Zahl der Häftlinge, wenn doch der amerikanische Traum so funktioniert, wie es immer heißt? Obwohl sich die Pro-Kopf-Ausgaben für Konsumgüter im letzten halben Jahrhundert beinahe verdreifacht haben, ist der Anteil der Menschen, die sich für “sehr glücklich” halten, tatsächlich um 5% gefallen. Der Sozialindex ist seit 1973 um fast 50% gefallen.

Wir leben in einer Zeit noch nie dagewesenen Wohlstands, aber dennoch ist es auch die Zeit der “lebenden Toten”. Viele Amerikaner, die sich praktisch nichts an materieller Befriedigung vorenthalten, wirken eher tot denn lebendig. Wie der Romancier Walter Percy sagte: “Es gibt etwas Schlimmeres als des Lebens beraubt zu werden, und zwar des Lebens beraubt zu werden, ohne es zu wissen.”

Viele von uns, die von Affluenza befallen sind, benehmen sich, als wären sie spirituell, emotional und intellektuell tot. Die lebenden Toten befinden sich überall – sie surfen im Internet, überprüfen ihre eMails, besuchen Internet-Chatrooms, befassen sich mit Aktienhandel, kleben an CNN in der Hoffnung, irgendein Ereignis mitzubekommen, das ihren ansonsten ereignislosen Alltag belebt, fahren allein durch die Stadt, um auf der anderen Seite im Wal-Mart weiteren Plastikmist zu suchen, halten bei McDonald´s für ein schnelles und geschmacksfreies Essen, geben vor, sich für ihren stupiden Bürojob erwärmen zu können und schauen “Wer wird Millionär?” im Fernsehen. Unsere Regierung, unsere Politiker und die Hohepriester der Wirtschaftswelt betätigen sich dabei als Strippenzieher.

öp: Was schlagen Sie zur Heilung vom Konsum-Virus vor?
Prof. Naylor: Nach meiner Meinung ist die Affluenza fest in der Conditio Humana begründet – bedingt durch Sinnlosigkeit, Isolation, Machtlosigkeit und Verdrängung des Todes. Wie bei Drogen- und Alkoholmissbrauch gibt es keine schnellen Allzweckwaffen gegen Affluenza. Man muss an die Wurzeln gehen! Entsagen, Entschlüsseln, Zurückfahren, Dezentralisieren – das ist die Aufgabe.

Entsage dem Getümmel, zieh” den Fernsehstecker, kündige deinem Internetprovider, stell” das Radio aus, reduziere deine Zeitschriften- und Zeitungsabos, fahr” weniger, reise weniger, kauf” weniger Plunder, meide das Einkaufszentrum, schalte den Anrufbeantworter ab, wirf dein Handy weg, vereinfache dein Leben, setz” dich damit auseinander, was es heißt, ein Mensch zu sein, der lebt, liebt, arbeitet, spielt, leidet und stirbt, anstatt manipuliert zu werden.

Entschlüssle die Bedeutung, die bestimmte Begriffe auf dein Leben haben – Technologie, Märkte, Medien, Bildung, Gesundheitsfürsorge, Religion, Regierung, Globalisierung, Außenpolitik, Verteidigung. Was lösen diese Begriffe bei dir aus? Wie beeinflussen sie dich und andere? Wie stehst du zu ihnen? Ist deine Beteiligung aktiv, passiv oder nichtexistent? Welchen Sinn können sie in deinem Leben stiften?
Fahre deinen Aktionsradius zurück – begnüge dich mit einem kleineren Land, einer kleineren Stadt, einem kleineren Haus, einem kleineren Arbeitgeber, einer kleineren Schule, Universität, Kirche, einem kleineren Einkaufszentrum, Krankenhaus, Auto. Die umgekehrte Annahme besagt, dass alles Große schlecht ist.

Dezentralisiere und delegiere in jeder Einrichtung alle Entscheidungen auf die niedrigst-mögliche Ebene.

Affluenza wird niemals durch bloßen passiven Widerstand ausgerottet werden – es bedarf schon offener Rebellion gegen das System.

John de Graaf / David Wann / Thomas Naylor
Affluenza – Zeitkrankheit Konsum

Riemann Verlag 2002, Euro 22,90
ISBN 3-570-50026-8

Quelle:
ÖkologiePolitik

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